Praktisch jeder Geschäftsprozess ist heute auch ein IT-Prozess. Unternehmen benötigen deshalb Fachleute, die betriebliche Anforderungen in IT-Lösungen übersetzen und gleichzeitig die wirtschaftlichen Konsequenzen technischer Entscheide beurteilen können. Genau an dieser Schnittstelle setzt der Bachelorstudiengang Wirtschaftsinformatik der Fernfachhochschule Schweiz (FFHS) an. Angeboten wird er bereits seit dem Wintersemester 1998/99, seither wurde er kontinuierlich weiterentwickelt.
Dabei hat sich das Berufsbild deutlich verändert. Die Vermittlung zwischen Business und IT bleibt zwar zentral, erklärt Markus Eurich, Studiengangsleiter BSc und MSc Wirtschaftsinformatik an der
FFHS. Während früher die Einführung und der Betrieb betrieblicher Informationssysteme wie ERP-Lösungen im Vordergrund standen, gehe es heute allerdings zunehmend um digitale Geschäftsmodelle, datengetriebene Entscheidungen, Cloud-Plattformen und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Hinzu kommen Informationssicherheit, Datenschutz und die nutzerzentrierte Gestaltung digitaler Anwendungen.
Nicht zuletzt generative KI verändert die Aufgaben von Wirtschaftsinformatikern. Standardcode, Dokumentationen und erste Datenauswertungen lassen sich zunehmend mit KI-Werkzeugen erstellen. Umso wichtiger wird es, geeignete Anwendungsfälle zu erkennen, Ergebnisse kritisch zu prüfen und Geschäftsprozesse neu zu gestalten. Auch die Einführung und das Management von KI-Agenten gehören laut Eurich inzwischen zu den Aufgaben des Berufsstands. «Wirtschaftsinformatiker sind prädestiniert dafür, den Einsatz von KI im Unternehmen zu steuern, weil sie Technik, Prozesse und Organisation zusammendenken.»
Drei Säulen als Fundament
Der BSc Wirtschaftsinformatik richtet sich gleichermassen an Personen mit technischem und kaufmännisch-betriebswirtschaftlichem Hintergrund. Entscheidend sind das Interesse an beiden Disziplinen und der Wunsch, später an deren Schnittstelle zu arbeiten. Inhaltlich basiert das Studium auf drei Säulen: Informatik vermittelt die technischen Grundlagen, Betriebswirtschaft das Verständnis für unternehmerische Abläufe und Ziele. Die eigentliche Wirtschaftsinformatik, auf die mehr als die Hälfte der Studieninhalte entfällt, verbindet beide Bereiche bei der Gestaltung von Geschäftsprozessen und Informationssystemen.
Die technische Ausbildung umfasst unter anderem objektorientierte Programmierung mit Python und Java, Software Engineering, Datenbanken und Informationssicherheit. Die Studierenden entwickeln eigene Anwendungen und beschäftigen sich mit Anforderungsanalyse, Modellierung, Softwarearchitektur und Tests. Ziel sei dabei nicht, spezialisierte Softwareentwickler auszubilden, macht Markus Eurich klar. Vielmehr sollen Absolventinnen und Absolventen technische Lösungen beurteilen und konzipieren sowie mit Entwicklungsteams auf Augenhöhe zusammenarbeiten können. Gleichzeitig müssen sie verstehen, ob eine Lösung wirtschaftlich sinnvoll ist und zu den Zielen eines Unternehmens passt. Entsprechend stehen im betriebswirtschaftlichen Teil Themen wie Finanzen und Controlling, Personal und Organisation, Beschaffung, Logistik sowie strategisches Management auf dem Programm.
Vertiefungen mit Blick auf den Arbeitsmarkt
Während in den ersten fünf Semestern eine breite Grundlagenausbildung im Vordergrund steht, können die Studierenden ab dem sechsten Semester eigene Schwerpunkte setzen. Dafür stehen drei Vertiefungsrichtungen mit jeweils vier Modulen zu fünf ECTS zur Verfügung. Hinzu kommen zwei Wahlmodule à je fünf ECTS. Somit lassen sich 30 der insgesamt 180 ECTS gezielt nach persönlichen Interessen und beruflichen Zielen gestalten. Weitere Freiheiten bieten die Themenwahl bei der Semesterarbeit und der Bachelor-Thesis.
Bei den Vertiefungen befindet sich das Angebot derzeit im Wandel. Neben Business Analytics & AI und Informationssicherheit gehört aktuell noch Human Computer Interaction dazu. Letztere wird künftig durch die neue Vertiefung Digital Business ersetzt. Business Analytics & AI vermittelt Kompetenzen in Datenanalyse, Künstlicher Intelligenz und generativer KI. Die Studierenden lernen, datenbasierte Entscheidungen zu unterstützen und entsprechende Lösungen in Unternehmen einzusetzen. Mit Digital Business soll künftig die Gestaltung digitaler Geschäftsmodelle stärker in den Mittelpunkt rücken. Dazu gehören digitale Technologien, Technologie- und Innovationsmanagement sowie die Bewertung technologischer Trends. Die Vertiefung Informationssicherheit widmet sich den Technologien und Konzepten zur Entwicklung und Umsetzung von Sicherheitslösungen. Die auslaufende Vertiefung Human Computer Interaction konzentriert sich dagegen auf die benutzer- und kontextgerechte Gestaltung von IT-Systemen.
Die Auswahl ist laut Eurich kein Zufall: «Die drei Vertiefungen decken die Bereiche ab, in denen die Nachfrage nach Wirtschaftsinformatikerinnen und Wirtschaftsinformatikern besonders gross ist: Daten und KI, sichere IT-Systeme sowie die nutzerzentrierte Gestaltung digitaler Anwendungen.» Die Inhalte würden laufend überprüft und weiterentwickelt, insbesondere mit Blick auf die generative KI.
Praxis und Berufszertifikate
Ein wichtiger Bestandteil des Studiengangs ist der Transfer des Gelernten in die Berufspraxis. Da die meisten Studierenden parallel in der IT oder in einem kaufmännischen Umfeld tätig sind, können sie neue Kenntnisse unmittelbar anwenden, so Markus Eurich. Fallstudien, Übungen und Projektarbeiten würden zudem konkrete Fragestellungen aufgreifen. Häufig stammen die Themen für Transferarbeiten oder die Bachelor-Thesis direkt aus dem Unternehmen der Studierenden. «Davon profitieren beide Seiten: Die Studierenden arbeiten an einem realen Problem, und der Arbeitgeber erhält einen konkreten Lösungsvorschlag», weiss Markus Eurich.
Ergänzend können Studierende anerkannte Berufszertifikate etwa von SAP, IPMA oder ITIL erwerben. Diese sind in entsprechende Studienmodule integriert und verursachen keine zusätzlichen Kosten. Die
FFHS arbeitet zudem mit ICT-Berufsbildung Schweiz zusammen, um die Durchlässigkeit zwischen beruflicher Grundbildung, höherer Berufsbildung und Fachhochschulstudium zu verbessern. Vorleistungen aus passenden Bildungswegen können dabei angerechnet werden.
Markus Eurich, Studiengangsleiter BSc und MSc Wirtschaftsinformatik, FFHS (Quelle: FFHS)
Berufsbegleitend zum Bachelor
und dauert neun Semester. Wer über einen geeigneten HF-Abschluss verfügt, kann über eine Passerelle einsteigen und die Studiendauer auf bis zu fünf Semester verkürzen. Absolventinnen und Absolventen erhalten den Titel Bachelor of Science SUPSI in Wirtschaftsinformatik.
Wie bei anderen Studiengängen der
FFHS erfolgt die Ausbildung im Blended-Learning-Modell. Rund 80 Prozent der Inhalte erarbeiten die Studierenden selbstständig über die Lernplattform Moodle. Die restlichen 20 Prozent werden in Unterrichtsveranstaltungen vermittelt. Zur Wahl stehen Samstagsunterricht vor Ort in Zürich oder Bern sowie eine Onlinevariante am Montagabend. Der zeitliche Aufwand ist allerdings nicht zu unterschätzen. Die FFHS rechnet bei regulärem Studienfortschritt mit rund 25 bis 30 Stunden pro Woche, einschliesslich Unterricht und Prüfungsvorbereitung. Empfohlen wird deshalb ein Arbeitspensum von 70 bis 80 Prozent.
Für die Zulassung kommen unter anderem eine Berufs- oder Fachmaturität sowie eine gymnasiale Maturität mit einschlägiger Berufspraxis infrage. Auch passende HF-Diplome ermöglichen den Zugang. Unter bestimmten Voraussetzungen ist für Personen ohne Maturität eine Aufnahmeprüfung möglich. Programmierkenntnisse werden nicht vorausgesetzt; freiwillige Vorkurse in Mathematik und Programmierung erleichtern bei Bedarf den Einstieg. Die Studiengebühren betragen regulär 1800 Franken pro Semester, insgesamt also 16’200 Franken. Bei einem verkürzten Passerelleneinstieg können sich die Gesamtkosten auf 9450 Franken reduzieren.
Wer nach dem Bachelor weiterstudieren möchte, kann bei einem Notendurchschnitt von mindestens 4,5 das konsekutive MSc-Studium in Wirtschaftsinformatik aufnehmen, das die FFHS gemeinsam mit drei weiteren Fachhochschulen anbietet. Daneben stehen Weiterbildungen auf CAS-, DAS- und MAS-Stufe offen.
Vermittler zwischen zwei Welten
Die beruflichen Perspektiven nach dem Abschluss sind breit, sagt Markus Eurich. Typische Tätigkeiten finden sich etwa im Business- und Requirements Engineering, im IT-Projektmanagement, in der ERP- und SAP-Beratung, im Datenmanagement oder in der Informationssicherheit. Mit zunehmender Berufserfahrung kommen Führungsaufgaben und Tätigkeiten in der IT-Strategie- und Digitalisierungsberatung hinzu. Eine besonders hohe Nachfrage beobachtet Eurich derzeit rund um KI, Informationssicherheit und die Digitalisierung von Geschäftsprozessen. Dabei sieht er die Stärke der Wirtschaftsinformatik gerade darin, technische, wirtschaftliche und organisatorische Fragen gemeinsam bearbeiten zu können. Das gelte besonders für die Einführung agentischer KI, bei der nicht allein die Technologie, sondern auch deren Einbindung in bestehende Abläufe entscheidend sei.
Die FFHS
Die Fernfachhochschule Schweiz (FFHS) ist an fünf Standorten präsent: Zürich (Bild), Brig, Bern, Basel und St. Gallen. Die Hochschule gliedert sich in drei Departemente und zählt rund 3200 Studierende. Im Departement Informatik lehren aktuell rund 150 Dozierende. Das Studienangebot der
FFHS im Bereich Informatik ist breit gefächert und reicht vom Bachelor of Science in Informatik, Cybersecurity, Wirtschaftsinformatik und neu auch Visual Computing and Game Engineering bis hin zum Master of Science in Wirtschaftsinformatik. Ergänzt wird das Angebot durch diverse MAS-Programme wie Data Science, Web4Business oder Business & IT-Consulting sowie eine Vielzahl spezialisierter CAS-Lehrgänge, etwa in den Bereichen AI Engineering, AI-assisted Software Engineering und vielen mehr.