Ein beachtlicher Teil der Schweizer KMU sind bei der KI-Einführung, wenn überhaupt, erst in den Startlöchern (mehr dazu ab Seite 14). Viele kleine und mittelständische Unternehmen erkennen den Nutzen von Künstlicher Intelligenz zwar, kommen in der Praxis aber kaum über kleinere Projekte und Pilotversuche hinaus.
Im vorliegenden Test beleuchten wir unsere Erfahrungen mit Googles neuem Vibe-Coding-Tool namens
Google AI Studio, das Software-Programmierung in natürlicher Sprache ermöglicht. Es handelt sich dabei um ein (aktuell) kostenloses Angebot, das weitgehend ahnungslosen Nutzern die Erstellung eigener Anwendungen ermöglicht. Der Preis dafür ist – wie bei so vielen kostenlosen Diensten des Suchriesen – die Weitergabe der eigenen Daten (dazu später mehr).
Abgrenzung, Zielsetzung, Testbedingungen
Wir richten uns mit dem Test von
Google AI Studio ausdrücklich nicht an Entwickler oder erfahrene User von Vibe-Coding-Tools. Richtige Devs arbeiten heute oft mit KI-Unterstützung in etablierten Entwicklungsumgebungen und haben in den allermeisten Fällen kaum eine Verwendung für einen pfannenfertigen Service wie Google AI Studio. Der Test soll daher die Frage beantworten, ob und wie gut man ohne Vorahnung vibecoden kann, was dabei herausspringt und ob sich die investierte Zeit lohnt.
Als Projekt haben wir uns eine Kiosk-App für private Events ausgesucht. Dies, weil wir bereits im Frühjahr (siehe Ausgabe 2026/01) ein vergleichbares Vibe-Coding-Tool (Caffeine.ai) mit derselben Aufgabe getestet haben und damit die Anforderungen an die App gut kennen.
Unser geplantes Kiosk-System ist eine einfache Self-Service-Kasse (sozusagen eine digitale Strichliste), mit der an privaten Events der Konsum dokumentiert werden kann. Es geht also um die Schaffung einer einfachen, benutzerfreundlichen Lösung, bei der Themen wie Security oder Authentifizierung kaum eine Rolle spielen. Die App soll letztlich auf einem Tablet oder Laptop am Event von allen Besuchern genutzt werden, um selbstständig Getränke, Snacks und weiteres zu beziehen.
Im schlechtesten Fall hoffen wir, einen funktionalen Prototyp mit Schönheitsfehlern zu bekommen. Dieser kann vielleicht nicht wirklich deployed werden, dient aber als Proof of Concept. Im besten Fall schaffen wir es, eine wirklich nutzbare App auf die Beine zu stellen, die beim nächsten Vereinstreffen die Strichliste aus Papier ersetzen kann.
Sinnlose Hürden beim Setup
Das Setup von Google AI Studio ist denkbar einfach und schnell. Man ruft die URL auf (aistudio.google.com), meldet sich mit einem beliebigen Google-Account an und klickt sich durch AGBs, wo bereits erwähnt wird, dass Google im Coding-Chat mitliest – Business as usual bei
Google. Irritiert sind wir aber von der Tatsache, dass es ein Mindestalter für die Nutzung gibt: Erst ab 18 Jahren darf man hier vibecoden. Für die Altersverifikation gibt es eine Handvoll Möglichkeiten (ID, Kreditkarte, Selfie-Verifikation).
Dass wir für ein kostenloses Coding-Tool unsere Identitätskarte uploaden müssen, sehen wir beim besten Willen nicht ein und entscheiden uns widerwillig für die Selfie-Autorisierung. Hier bestimmt dann eine KI in 30 Sekunden, ob wir wirklich volljährig sind. Rechtlich relevant ist das kaum. Das Personendaten und US-Unternehmen nicht die beste Kombination sind, ist ebenfalls bekannt (Stichwort: Cloud Act). Google antwortet auf Anfrage, dass das Tool eben sehr mächtig sei und man die eigenen AGB entsprechend gestaltet habe, weitere Gründe bleiben aus. Zusätzliche Sicherheitsrichtlinien würden dafür sorgen, dass mit AI Studio keine Apps gebaut werden, die sich an Minderjährige richten, so Google weiter. Uns erscheint das eher wie ein Feigenblatt und eine weitere Gelegenheit fürs Sammeln von Metadaten.
In sechs Minuten zum MVP
Die browserbasierte Oberfläche von Google AI Studie besteht aus einem Chat im linken Bereich, in den rechten zwei Dritteln des Screens wird die Preview der App angezeigt, über Tabs könnte man auf den Code-Editor wechseln, mit dem man als Laie aber natürlich kaum etwas anfangen kann.
Das wichtigste Learning aus dem Vibe-Coding-Test Anfang des Jahres war, dass diszipliniert, sauber und unmissverständlich gepromptet werden muss. Also starten wir auch hier mit dem exakt selben, 1400 Zeichen langen Prompt für die erste Version unseres Kiosks. Nach knapp sechs Minuten steht der erste Wurf.
Und er ist beeindruckend. Die Anforderungen sind fast alle erfüllt, ungenügend erklärte Elemente der App füllt die KI bemerkenswert gut auf. Das UI unserer App ist erwartbar etwas generisch, aber äusserst funktional. Nur sehr vereinzelt finden wir kleine Lücken – etwa «Delete»-Buttons, die nicht reagieren.
Einschätzung des Profi-Coders
Für ein kurzes Review haben wir den Code unserer Kiosk-App von einem erfahrenen Web Dev durchleuchten lassen. «Ja, das ist grundsätzlich brauchbar», kommentiert dieser zusammenfassend. Das Fehlerpotenzial bei einer solch kleinen App sei zwar überschaubar, dennoch sei es beeindruckend, wie moderne Tools solche Aufgaben heute fast in einem Schwung umsetzen. «Nicht umsonst ist Gemini eine der besten Coding-KIs auf dem Markt», wie er bezogen auf Google ergänzt. Mit Blick auf den professionellen Einsatz (bspw. kollaboratives Arbeiten an der App, Datenbankanbindung, sicheres Login, Review-Prozess etc.) bleiben für den Profi aber einige Fragezeichen stehen.
«Mach das mal»
In einzelnen Iterationsschritten verfeinern wir das Ergebnis. Entweder über den Chat oder über das Edit Tool, mit dem ein Element per Klick ausgewählt und spezifisch zu diesem gepromptet werden kann (z.B. «mach dieses Element schmaler»). Die Nutzung des Edit Tools und sehr strukturiertes Prompting führt zwar zu schnelleren und besseren Ergebnissen. Aber wir sind überrascht, wie gut die KI zwischen den Zeilen liest und auch mit offensichtlich schlecht geschriebenen Prompts klarkommt. Im Fall der dysfunktionalen Delete-Buttons haben wir den absichtlich salopp formulierten Prompt «Kein Delete-Button funktioniert, mach dass sie funktionieren» probiert. Alle Buttons waren nach zwei Minuten anstandslos repariert.
Iterationen dauern übrigens je nach Aufgabe unterschiedlich lange. Das Erstellen einer zusätzlichen Statistik-Subsite hat fast gleich lange gedauert wie der initiale Build (348 Sekunden), das Hinzufügen eines Excel-Exports hat die KI 101 Sekunden gekostet und kleine Anpassungen an einem Button waren in 42 Sekunden erledigt.
Ebenfalls funktioniert hat das Rollback. Der KI zu sagen «gefällt mir nicht, stelle die Version davor wieder her» klappt ohne Probleme. Und es geht sogar noch einfacher: In den Einstellungen finden sich unter «Versions» sämtliche eingegebenen Prompts (sogar durchsuchbar). Mit zwei Klicks lassen sich hier beliebige Iterationen in Sekunden wiederherstellen.
Auf der linken Seite befindet sich der Chat, in dem man Anweisungen gibt und Fragen stellen kann. Rechts wird wahlweise die Vorschau der App oder der Code-Editor (im Bild) angezeigt. (Quelle: Swiss IT Magazine)
In einem Nachmittag zur App
In etwa einem Nachmittag schustern wir uns so unseren Kiosk zusammen und kommen dabei weiter, als wir erwartet hätten. Während die KI Code schreibt, planen wir das weitere Vorgehen und schreiben zugehörige Prompts vor, was recht effizient ist.
Etwa zehn Prompts nach dem Start ist unser Kiosk grundsätzlich brauchbar.
Google AI Studio macht uns die Arbeit dabei so einfach, dass wir nebenher noch zahlreiche Zusatzfeatures einbauen und ein komplettes Redesign umsetzen können. Unsere App bekommt etwa zahlreiche Filtermöglichkeiten für die verschiedenen Oberflächen, eine zusätzliche Statistik-Seite, in der Besucher-Highscores und die Beliebtheit der Produkte angezeigt werden, sowie zahlreiche kleine Quality-of-Life- und Usabilty-Verbesserungen. Wir ziemlich begeistert und nicht minder beeindruckt.
Kostenloses Deployment. Aber…
Fürs Deployment gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, der KI-Chat berät uns hierzu recht kompetent. Die einfache Variante, die für unseren Einsatzbereich reicht, ist der simple Share-Button von AI Studio. Die App wird hierbei über eine Public URL öffentlich gestellt. Unser Chat mit der KI und der Code werden nicht veröffentlicht (aber wie gesagt von
Google fürs Training abgegriffen). Google hostet unsere App kostenlos, die eingegebenen Daten werden über im lokalen Speicher unseres Browsers (localStorage) gespeichert. Sie sind also sicher, bis wir den Browser-Cache leeren.
Einen Anschluss an eine Datenbank gibt es nicht, da unsere App aber nur auf einem Gerät genutzt wird, reicht das. Als lokal genutzte App ist unser Kiosk damit in Sekunden deployed und startklar.
Option Nummer zwei ist, das Projekt auf Github zu exportieren oder als Zip-File herunterzuladen. Google schlägt fürs Hosting Dienste wie Vercel, Netlify und Github Pages vor. Als dritte Option rät uns die KI, die App in der Google Cloud zu hosten. Die Free-Version sei «sehr grosszügig», die KI schätzt die Betriebskosten für unsere App daher gar auf 0 Dollar. Getestet haben wir das nicht, diese Information ist also mit viel Vorsicht zu geniessen. Und sowohl Option zwei als auch drei dürften für Nicht-Devs gegebenenfalls schon etwas zu sperrig sein.
An dieser Stelle muss noch die Remix-Funktion genannt sein. Damit lässt sich eine App kurzerhand in den eigenen Account duplizieren. Von der eigenen App lässt sich so etwa ein Test-Fork machen, Apps von anderen Vibe-Codern können zum Experimentieren in den eigenen Account importiert werden.
Der Prompt für die zusätzliche Statistik-Seite beinhaltete kaum Informationen zum eigentlichen Inhalt. Die Interpretation von AI Studio mit zusätzlichen Tabs und vielen spannenden Kennzahlen weiss zu überzeugen. (Quelle: Swiss IT Magazine)
«Brauchbar» aber basic
Das Output von AI Studio besteht aus bewährten und bekannten Elementen. Es finden sich etwa die gängigen Json-, Typescript- und CSS-Files, der Code wird von einem Profi als «brauchbar» eingestuft (siehe Box). Trotzdem bleiben viele Fragen rund um die Entwicklung, das Hosting, die Zusammenarbeit und die Sicherheit offen, bis eine App wie unser Kiosk professionell eingesetzt werden könnte.
Mit mehr Zeit und Arbeit wäre es wohl auch für Laien möglich, eine solche App für den professionellen Kontext tauglich zu machen. Sinnvoller und nachhaltiger ist es aber wohl immer noch, sauberen, 100 Prozent nachvollziehbaren Code von einem Profi (gern auch mit KI-Hilfe) schreiben zu lassen.
Die wahre Stärke von
Google AI Studio liegt in unseren Augen in der Einfachheit, wie weitgehend ahnungslose Personen schnelle Prototypen bauen können. Digitale Lösungen für kleinere, unkritische Herausforderungen lassen sich ebenfalls ausgezeichnet lösen – und das alles kostenlos. Dass man dafür mit Daten bezahlt, ist wohl ein untergeordnetes Problem, wenn man keine heiklen Informationen preisgibt.
(win)
Google AI Studio
Die getestete Vibe-Code-Lösung von Google ist, was man sich von Googles kostenlosen Angeboten gewohnt ist: Die Software ist gut gemacht, benutzerfreundlich und bringt einen an das Ziel, das man sich gewünscht hat. Wie immer bei Google bezahlt man dabei mit seinen eigenen Daten (respektive Ideen und Nutzerverhalten, die ins Training fliessen). Im Unterschied zu Diensten wie der Internetsuche, Mail-Accounts oder Google Drive ist die Menge an potenziell sensiblen Daten bei kleinen Software-Projekten aber oft weniger kritisch. Der Daten-gegen-Service-Deal ist in diesem Fall recht fair. Man muss sich aber bewusst sein, dass heikle Daten unter keinen Umständen einfliessen dürfen. Anzumerken ist weiter, dass es sowohl im kostenlosen (etwa Base44 oder Bubble) als auch kostenpflichtigen Bereich (Lovable, Bolt etc., oft auch mit Probeabo) viel Konkurrenz gibt, die man sich ebenfalls anschauen kann. Google liefert mit AI Studio aber einen sehr niederschwelligen und angenehmen Einstieg. Fürs Prototyping und kleine Projekte ist Google AI Studio grossartig. Für produktive, grössere Projekte würden wir weiterhin auf einen echten Dev setzen und diesem eine Lizenz für Github Copilot, Gemini API oder eine andere professionelle Lösung zahlen.
Positiv+ schnelles und einfaches Prototyping
+ starke Interpretation der Prompts, auch bei mittelmässigen Anweisungen
+ kostenlose Option für einfaches Hosting
+ gute Versionierung verhindert, dass kleine Fehler die App kaputt machen
Negativ- die Datenkrake Google liest mit
- immer noch viele offene Fragen für professionellen Einsatz
HerstellerGooglePreisKostenlos. Mit Abos für Gemini API kommen mehr Optionen und stärkere Modelle dazu.
WertungFunktionalität 5,5 von 6 Sternen
Bedienung 5 von 6 Sternen
Preis/Leistung 5,5 von 6 Sternen
Gesamt 5,5 von 6 Sternen