Die digitale Dunkelkammer

Der PC ersetzt nicht nur Chemie, sondern auch riesige Archivschränke.
5. Mai 2003

     

Wer über eine digitale Kamera verfügt, wird es ohne langes Nachdenken bestätigen: Die digitale Fotografie macht schlicht und einfach Spass. Und weil sie soviel Spass macht, kommen auf der Festplatte des Fotografen meist innert kürzester Zeit Unmengen an Bildern zusammen, die bearbeitet und archiviert werden wollen.



Zwar liefern sämtliche Digicam-Hersteller mit ihren Geräten auch ein Softwarepaket aus, aber dieses genügt professionellen Ansprüchen in den seltensten Fällen. Meist handelt es sich dabei um ein Utility zum Download der Bilder von der Kamera auf den PC sowie eine einfache Bildbearbeitung wie Photoshop Essentials, Photosuite oder PhotoImpact, manchmal ist auch eine Software zur Bildarchivierung dabei, die allerdings mit grösseren Datenmengen meist mehr schlecht als recht umgehen kann.




Die zahlreichen Wizards und vereinfachten Bedienungsabläufe, die solche Programme bieten, sind dem fortgeschrittenen Fotografen und dem Profi eher hinderlich, kann er doch damit weder die Bilddaten direkt beeinflussen noch seinen gewohnten Workflow beibehalten. Dieser Mangel ist zuerst der Shareware-Szene aufgefallen, und so gibt es heute glücklicherweise mehr als genug Alternativen und Erweiterungen zu den mitgelieferten Programmen.



Naheliegende Lösung: Photoshop

Spitzenreiter hinsichtlich der Leistung ist im Bildbearbeitungsbereich nach wie vor Photoshop von Adobe an der obersten Grenze liegt aber auch sein Preis. Die Lösung verfügt über umfassende Tools zur Korrektur und Verbesserung von Bildern, erlaubt die für die Druckvorstufe wichtige Vierfarb-Separation und bietet ein Plug-in-Interface, das so gut ist, dass es von der gesamten Konkurrenz ebenfalls implementiert wird.
Mithalten können in der Königsklasse der Bildbearbeitungssoftware nur zwei Konkurrenten: Corel mit PhotoPaint und Micrografx mit Picture Publisher. Beide Produkte bieten ein ähnliches Featureset wie der Marktleader und beherrschen die Farbseparation, sind aber erheblich günstiger erhältlich. Für Digitalfotografen ist dabei besonders Picture Publisher geeignet, verfügt das Programm doch über einige einzigartige Filter etwa zur Manipulation der Tiefenschärfe.



Die Bildbearbeitungs-Mittelklasse ist schon zahlreicher besetzt. Neben Photoshop Elements, einer abgespeckten Version des Marktführers, finden sich hier Programme wie Uleads PhotoImpact oder Paint Shop Pro von Jasc. Diese Tools versuchen sich einigermassen erfolgreich am Spagat zwischen einsteigertauglicher Bedienung und professionellen Features. Erwähnenswert ist hier sicher auch das Open-Source-Tool The Gimp, das zwar in der Bedienung gewöhnungsbedürftig ist, featuremässig aber durchaus mit Photoshop mithalten kann.




Auch die Shareware-Szene hält einige Überraschungen bereit. Neben kompletten Bildbearbeitungssuiten wie Photoline 32 oder Photomeister Professional finden sich hier spezialisierte Anwendungen für fast jeden Aufgabenbereich. Allein die Shareware-Site Tucows (tucows.com) listet in der Kategorie "Image Editors" über 75 Programme auf.





Verbesserungen durch Plug-ins

Plug-ins, die mit der Schnittstelle von Photoshop und vielen anderen Programmen kompatibel sind, gibt es wie Sand am Meer. Viele davon sind kostenlos im Internet erhältlich, andere werden zu Plug-in-Suiten zusammengefasst und professionell vertrieben.



Die grosse Masse der Plug-ins zählt allerdings zu den Effektfiltern oder Verfremdungstools, die Sujets beispielsweise in Pelz kleiden, auf vielfältigste Weise verzerren oder mit Strukturen und Texturen überziehen. Meist handelt es sich dabei um Spielereien, die für den Fotografen und seine Bedürfnisse nur von begrenztem Wert sind.




Anders sieht es hier mit den Plug-in-Sammlungen von Extensis (CH-Vertrieb Systrade) und Nik Multimedia (CH-Vertrieb Kursiv) aus. Die Filtersammlungen Intellihance Pro 4.1 und Nik Color Efex Pro wurden speziell für die Verbesserungen von digitalen Fotos entwickelt.





Intellihance Pro etwa besteht aus Filtern zur Korrektur von farbstichigen, unter- oder überbelichteten Bildern, kann aber auch Konturen schärfen oder Störungen und Kratzer entfernen. Viele dieser Möglichkeiten bietet auch Photoshop selber, als Spezialist erledigt Intellihance diese Aufgaben aber meist mit weniger Mausklicks, teils erweiterten Optionen und besseren Resultaten.



Einen anderen Weg geht Nik Multimedia mit den Nik Color Efex Pro. Diese Plug-in-Sammlung erweitert Photoshop um Simulationsmöglichkeiten für häufig genutzte fotografische Filter wie etwa Skylight- oder verschiedene Farb(verlaufs)filter. Diese Filter arbeiten recht gut und kommen im Ergebnis ihren Glaspendants, die vors Objektiv geschraubt werden, recht nahe. Ausserdem enthält die Sammlung Filter wie Midnight, Monday Morning oder Sunshine, die einem Bild verschiedene Farbstimmungen verleihen.



Ebenfalls von Nik Multimedia kommt Nik Sharpener Pro, ein Plug-in, das den "Unscharf maskieren"-Filter von Photoshop ersetzt. Das Plug-in übernimmt die bei den meisten digitalen Fotos notwendige Schärfung und erledigt dies in Abhängigkeit der geplanten Druckgrösse. Dabei werden nicht nur Stärke, Radius und Schwellenwert berücksichtigt, sondern auch Druckauflösung, gewünschte Bildqualität und Druckertyp.



So sinnvoll diese Plug-in-Sammlung zur Erweiterung der digitalen Dunkelkammer auch sind, so teuer kommen sie den Fotografen zu stehen. Intellihance kostet 232 Euro, Nik Color Efex Pro schlägt in der Komplett-Version mit 578, Nik Sharpener Pro mit 508 Franken zu Buche. Allerdings gibt es von letzteren beiden auch abgespeckte Versionen, die günstiger zu haben sind. Und von allen drei Plug-in-Sammlungen kann auf der Website des Herstellers eine Demo-Version heruntergeladen werden.





Archivierung tut not

Eine nicht zu unterschätzende Aufgabe, der sich jeder Fotograf früher oder später stellen muss, ist die Archivierung seiner Bilder. Schliesslich nützen die besten Aufnahmen keinem etwas, wenn man sie im Schuhkarton oder auf der Festplatte nicht mehr findet.



Digitalfotografen sind hier klar im Vorteil. Vergleichsweise brauchen sie nicht nur weniger Platz für ihre Bilder; der Computer macht auch die Verschlagwortung und die Suche nach bestimmten Fotos wesentlich schneller und bequemer.




Moderne Bildarchivierungssoftware muss einiges an Anforderungen erfüllen. Eine der wichtigsten ist die Medienunabhängigkeit. Das heisst, dass sie nicht nur mit Bildern auf der Festplatte, sondern auch mit solchen auf Wechseldatenträgern, CDs und DVDs umgehen können muss, und zwar unabhängig davon, ob die CD eingelegt ist oder nicht. Ebenso wichtig sind umfassende Möglichkeiten zur Organisation der Bilder, die von der Indexierung über die Verwaltung in Ordnern bis hin zur Erfassung von weiteren Bildinformationen reichen. Weiter sollte die Software Automatismen selbständig ausführen können, wozu etwa die Konvertierung, Umbenennung oder Grössenänderung von Bildern zählt. Und nicht zuletzt muss sie über eine mächtige Suchfunktion verfügen, die die archivierten Bilder möglichst unkompliziert wieder auf den Bildschirm zaubert.
Diese Grundanforderungen werden von den meisten Programmen in mehr oder weniger ausgeklügelter Weise erfüllt. Meist geht das Featureset aber noch deutlich weiter - so beinhalten heute viele Archivierungstools auch die Grundfunktionen einer Bildbearbeitungssoftware und ermöglichen etwa die direkte Korrektur von Farbstichen, flauen Kontrasten oder roten Augen. Die Ausgabemöglichkeiten beinhalten nicht nur Ausdrucke von einzelnen Fotos, sondern auch von Kontaktbögen, Webseiten, Kalendern, Diashows und Screensavern. Besonders die professionellen Archivierungslösungen verfügen ausserdem über Editoren für EXIF- und IPTC-Daten - EXIF ist ein Standard, nach dem kameraspezifische Informationen ins Bild eingebettet werden, IPTC dagegen fügt beispielsweise Legenden oder Copyright-Hinweise in die Datei ein.



Der Markt für Bildarchivierungssoftware splittet sich in drei Hauptrichtungen. Am unteren Ende stehen dabei Tools wie ACDSee ($50), Thumbs Plus (45 Euro) und Irfan View (Freeware), die ursprünglich als reine Bildbetrachter entwickelt wurden und über die Jahre an Umfang und Features zugenommen haben. Der Vorteil dieser Werkzeuge: Sie arbeiten meist recht schnell, sind einigermassen einfach zu bedienen und bieten teilweise sehr umfassende Batch-Funktionen. Dafür wirken die archivierungsspezifischen Features meist eher aufgesetzt, und Profi-Features wie einen IPTC-Editor sucht man bei diesen Tools vergebens.




In die zweite Kategorie gehören Shareware-Programme wie IMatch 3 von Photools ($50) und DigitalPro 2 von ProShooters ($259). Diese beiden Tools wurden von Fotografen für Fotografen entwickelt, und man merkt es ihnen an. Während auf überflüssige Spielereien weitgehend verzichtet wird, zeichnen sich diese Programme dadurch aus, dass sie sich optimal in den professionellen Workflow einfügen. Dazu kommen Features wie etwa die Ähnlichkeitssuche von IMatch, die beispielsweise Bilder mit bestimmten Farbmustern oder vergleichbarem Bildaufbau findet. Ein besonderes Highlight von IMatch ist das flexible Kategorienkonzept, das in seinen Fähigkeiten weit über die übliche Indexierung der Bilder hinausgeht.



Die kommerzielle Schiene schliesslich repräsentieren der Klassiker Canto Cumulus (ab 100 Euro), mittlerweile bereits bei Version 5.5 angelangt, und neuerdings Adobe mit Photoshop Album (Fr. 79.-). Während sich letzteres primär an den Einsteiger richtet und für diesen nicht nur ein eingängiges Bedienkonzept und viele Wizards mitbringt, versucht Canto mit drei unterschiedlichen Produktvarianten, gleich alle User vom Heimanwender über die Arbeitsgruppe bis hin zum kompletten Unternehmen anzusprechen. Die Software bietet in der Grundversion benutzerdefinierbare Datenfelder, Unterstützung für IPTC und EXIF sowie sehr flexible Suchanfragen, was in der Workgroup Edition um verschiedene Netzwerkfunktionen und in der Enterprise Edition um Live Filtering, erweiterte Suchfunktionen und Rechtevergabe erweitert wird. Ausserdem lässt sich Cumulus mit zahlreichen optional erhältlichen Plug-ins erweitern und an die eigenen Bedürfnisse anpassen.





Wer die Wahl hat...

In unserem Round-up an Software für die digitale Dunkelkammer konnten wir natürlich nur einen äusserst kleinen Teil der verfügbaren Tools berücksichtigen. Der Markt sieht ähnlich aus wie derjenige der Digicams an sich, und hier wie dort gilt: Nur wer weiss, was er benötigt, wird das optimale Werkzeug finden. Die Chancen dafür stehen allerdings gut.




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