Trends und Probleme: Erkenntnisse aus der Portalpraxis

Trends und Probleme: Erkenntnisse aus der Portalpraxis

3. Juni 2003 - Was sind die wirklichen Kundenbedürfnisse, und wie reagieren die Portalanbieter? Stefan Essi Fischer, CEO von 1eEurope Schweiz, spricht aus praktischer Erfahrung.
Artikel erschienen in IT Magazine 2003/11

Was die Hersteller versprechen, ist noch lange nicht das ganze Bild. Wie bei jeder Software gilt auch beim Enterprise-Portal: Erst beim Einsatz in der Praxis tritt die volle Wahrheit zutage. Die in Thalwil basierte, mit 36 Mitarbeitern und 3 Lehrlingen europaweit tätige IT-Dienstleisterin 1eEurope hat verschiedene Portalprojekte realisiert - in der Schweiz zum Beispiel ein Informationsportal für den Zürcher Kantonsrat, InfoWeek berichtete in einer Fallstudie darüber. Der CEO der Firma, Stefan Essi Fischer, stand uns zum Thema Red und Antwort.



Wie ist die Portal-Idee überhaupt entstanden?
In den achtziger Jahren wuchsen aufgrund des PC-Booms in den Firmen Abteilungsinseln heran, die später durch die Informatikabteilungen mittels Netzwerken zusammengeführt werden mussten. Eine ähnliche Situation liegt jetzt im Softwarebereich vor. Durch die Masse an Applikationen und Informationen wird diese noch verschärft.



Welche Bedürfnisse entstanden dadurch bei den Anwendern?

Das eigentliche Bedürfnis der Benutzer ist eine Anwendung, also ein Portal, zu haben, mit der sie einfachen und schnellen Zugriff auf die benötigten Informationen erhalten, und zwar ohne detaillierte Kenntnisse der jeweiligen Applikation, aus der die Informationen stammen. Parallel dazu soll das Portal eine Plattform bieten, um Informationen in Teams auszutauschen und diese gemeinsam zu bearbeiten und besprechen zu können. Die ersten Portale, die sich auch heute noch im Einsatz befinden, beruhen weitgehend auf einer statischen HTML-Technologie, so dass Erweiterungen und Änderungen nur mit teuren Eingriffen und Unterstützung seitens der Informatik möglich sind. In den Informatikabteilungen besteht demnach ein grosses Bedürfnis, diese Änderungen den Benutzern der Abteilungsportale zu übertragen, sich so zu entlasten und Zeit für ihre eigentlichen Aufgaben zurückzubekommen.



Inwieweit helfen bisher am Markt erhältliche Portallösungen?

Viele Portale, die heute im Einsatz stehen, beruhen auf einem zusammengewürfelten Set von Produkten für Portal, Personalisierung, Content Management und andere Funktionen. Es gab kaum Produkte, die den Ansprüchen an eine nachhaltige Architektur gerecht wurden. Ebenso waren mangels etablierter Standards die Integrationsfähigkeiten ungenügend. Dies wird bei vielen Anwendern mehr und mehr zum Engpass: Erweiterungen und Änderungen sind nur mit teuren Eigenentwicklungen möglich. Diesem Problem kann man erst mit der Implementation von flexibleren und einfacher handhabbaren Produkten der nächsten Web-Technologie-Generation wirksam entgegentreten.



Die Portalanbieter preisen ihre Produkte in den schillerndsten Farben an. Ist vieles davon nicht eher Hype als Notwendigkeit?

Ich stelle fest, dass viele Anwender nicht mehr in der Lage sind, konkrete Bedürfnisse zu benennen - sie sind durch die unzähligen Anwendungen und die zu bewältigende Masse von Daten schlichtweg überfordert. Die IT-Industrie, und dazu zähle ich sowohl die Lösungsanbieter als auch die IT-Abteilungen der Unternehmen, versucht deshalb, Benutzerbedürfnisse aus der Situationsanalyse zu extrahieren.
Dies führt zu Lösungsansätzen, wie sie heute mit Schlagworten wie "Collaborative Solutions" oder "Portal" angeboten werden. Kernpunkte davon sind einheitliche Benutzerführung, User-Directories (ADS, NDS usw.) und Single Sign On (SSO), Personalisierung, umfassende Integration, intelligente Suchfunktionen über beliebige Datenquellen hinweg sowie eine Reihe von Anwendungen zur Unterstützung der Zusammenarbeit im Team wie Document-, Content- oder Workflow-Management. Mittels "Webparts" (in der Microsoft-Welt) oder "Portlets" (in der J2EE-Welt) ist grundsätzlich alles auf dem "digitalen Dashboard" der Zukunft integrierbar, und diese Schaltzentrale kann dazu noch jeder Benutzer individuell gestalten.
Grundsätzlich glaube ich an diesen Approach, und ich gehe davon aus, dass es nicht ein Anbieter-Hype ist: Der Ansatz ist nicht proprietär, sondern integrativ. Die Systeme und Anwendungen verschiedenster Anbieter können zusammen auf einer Nutzeroberfläche betrieben werden. Bis wir integral dahin kommen, bleibt für das einzelne Unternehmen aber ein grosser Weg, der unbedingt evolutionär angegangen werden muss.



Als Hauptfeature nennen die Lösungsanbieter die Integration anderer IT-Systeme wie ERP und CRM ins Portal. Wie wichtig ist das?

Sehr wichtig! Da das Portal in Zukunft ein zentraler Einstieg in die Informationswelt des Unternehmens sein wird, ist die Fähigkeit, andere IT-Systeme zu integrieren, von entscheidender Bedeutung. Dabei spielen EAI-Produkte wie Microsoft Biztalk, IBM WebSphere Business Integration und andere eine wesentliche Rolle. Solche Produkte bieten mehr und mehr "Connectors" sowohl auf Portalseite wie auch zu Datenquellen wie SAP, Siebel, Navision und anderen verbreiteten Systemen an. Auf Basis der Integrationsserver lassen sich darüber hinaus auch individuelle Connectors ohne grossen Aufwand erstellen.



Wer braucht überhaupt ein Portal?

Portale können jedem Unternehmen, jeder Abteilung und jeder Arbeitsgruppe grossen Nutzen bringen - kurz: überall dort, wo Informationen verarbeitet werden und rasch verfügbar sein müssen. Selbst bei einem Fünfpersonenbetrieb kann ein Portal sinnvoll sein, wenn der Austausch und das Finden von Informationen geschäftskritisch sind, was in der heutigen Zeit oft gegeben ist. Lösungsansatz und Lösungstiefe werden allerdings aufgrund des erzielbaren ROI (Return on Investment) durch die Grösse der Organisation mitbestimmt. Da der Markt immer noch in Bewegung ist und die Informatikbudgets eher zurückgeschraubt wurden, verhalten sich Unternehmen zurzeit eher vorsichtig. Allerdings mehren sich die Zeichen, dass Unternehmen beginnen, solche Lösungen unter Einbezug von qualifizierten Beratungsunternehmen mit entsprechender Realisationserfahrung zu planen. Diesmal aber nicht mehr in der Eile des grossen E-Business-Hype, sondern auf wesentlich nachhaltigere Art und Weise.

(ubi)

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Anti-Spam-Frage Wieviele Fliegen erledigte das tapfere Schneiderlein auf einen Streich?
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