Editorial

Keine Cebit unter drei Tagen


Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2005/06

     

Ich gestehe: Im Gegensatz zu manchen Kollegen – Originalton «Es ist ja eh same procedure as every year» oder «Sensationelle Neuheiten gibt es schon lange nicht mehr zu sehen» – besuche ich die weltgrösste ICT-Messe immer wieder gerne. Ich habe es also auch dieses Jahr auf mich genommen, ausnahmsweise um vier Uhr fünfundvierzig aufzustehen (morgens), damit um 7.30 Uhr Flug 814 nicht ohne mich startet (Swiss Economy, also kein Frühstück inklusive, dafür erstaunlicherweise ohne Verspätung), um in der Folge pünktlich um 11 Uhr die Pressekonferenz derjenigen Firma zu besuchen, die mir das Zimmer sponsort. Immerhin war die Konferenz nicht uninteressant – sie zeigte zwei Aspekte des modernen Messelebens deutlich: Erstens braucht es für einen Auftritt keine neuen Produkte, die Ankündigung idiotensicherer Pakete aus schon bestehender Hard- und Software genügt. Zweitens folgen auch Hersteller, die bis anhin nur Grosskunden bedienten, dem von der Messeleitung vorgegebenen Generalthema «Mittelstand» (das sind in Deutschland die kleinen Unternehmen, die in der Schweiz schon als gross gelten) und geloben inbrünstig, sich in Zukunft ganz besonders den ganz besonderen Bedürfnissen kleiner und mittelgrosser Kunden zu widmen. Die Grossbauern haben das Kleinvieh entdeckt.





Neben Grafikkarten, Barebones und anderen PC-Bauteilen für Bastler und Gamer (samt Gaming-Wettbewerben prominent gleich in den Hallen rechts nach dem Nordeingang plaziert) sowie den mehr oder weniger Business-orientierten Hardware- und Softwareangeboten der seriöseren Art in Halle 1 bis 8 (samt Themenparks für Mittelstand, Business Intelligence und Security) dominierten zwei Entwicklungen die Messe, deren totaler Durchbruch nun offensichtlich unmittelbar bevorsteht: Voice over IP und Multimedia allüberall.
VoIP war in allen möglichen Hallen und Erscheinungsformen zu sehen, vom VoIP-fähigen ISDN-Abschlussgerät über allerlei IP-Telefone bis zum Internet-basierten Fast-Gratis-Telefoniedienst. Da sich Standards wie SIP und ENUM immer mehr ausbreiten, funktioniert die Sache heute auch wirklich.






Ähnlich der «PC im Wohnzimmer», der TV, Radio und Musikanlage ersetzen soll – hier brauchte es wohl die Sanktionierung des Konzepts durch den Branchenführer in Form der Windows Media Center Edition, bevor die passenden PCs Allgemeingut wurden: Heuer gab es keinen gestandenen PC-Hersteller mehr, der nicht mindestens ein Media-Center-Modell präsentierte. Auch zahlreiche in der PC-Szene bislang völlig unbekannte Anbieter versuchen die Chance zu nutzen und zeigten ihre Variante der Media-Center-Vision. Ganz ähnlich verhält es sich mit mobilen Multimedia-Playern: Was anfangs die uneingeschränkte Domäne von Pionierfirmen wie Archos war, findet sich 2005 gleich hallenweise. Die meisten Produkte stammen von völlig unbekannten Anbietern asiatischer Provenienz und dürften das Licht des europäischen Marktes gar nie erblicken.





Als Medienvertreter bin ich vielleicht nicht der typische Cebit-Besucher, immerhin darf ich an sogenannten VIP-Pressebriefings teilnehmen und habe ein für Normalsterbliche unzugängliches Pressezentrum mit Gratis-WLAN, Faxgeräten und Kopierern zur Verfügung. Trotzdem erlaube ich mir einen allgemeinen Ratschlag: Man hetze nicht! Cebit an einem Tag, das geht nicht. Ich habe mir diesmal drei Tage Zeit genommen: Am ersten Tag Pressekonferenzen
sowie vorab vereinbarte Interviews und am zweiten die Pflicht mit vorgeplanten Standbesuchen. Der dritte Tag steht dann uneingeschränkt für die Kür zur Verfügung – sprich: um auch mal noch an den Ständen vorbeizuschlendern, die mich nicht beruflich, sondern rein privat interessieren.

(ubi)


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