Special Swiss Hosting: «Man darf von digitaler Kolonialisierung sprechen»

Special Swiss Hosting: «Man darf von digitaler Kolonialisierung sprechen»

Artikel erschienen in IT Magazine 2021/07
Im letzten Jahr hat der europäische Gerichtshof den Privacy Shield gekippt. Der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte EDÖB zog nach. Besagtes Abkommen wurde bereits lange vorher kritisiert. Hätte der EDÖB nicht schon ohne die Vorlage der EU handeln sollen?
Die Schweiz ist Meisterin darin, sich ohne jegliches Zutun und in voller Souveränität Lösungen anderer anzuschliessen (lacht). Aber im Ernst: Für ein kleines Land wie die Schweiz ist es sehr anspruchsvoll, Daten-Supernationen und privaten Tech-Giganten die Stirn zu bieten. Deshalb bin ich sehr froh um das Engagement der EU für mehr digitale Souveränität. Es stünde der Schweiz natürlich gut an, genau wegen solchen Mega-Themen die Nähe zu der EU zu suchen und mit am Tisch zu sitzen. Leider stehen die Zeichen derzeit nicht besonders gut dafür.

Spätestens seit Snowden wissen wir, dass Abkommen die Amerikaner nicht interessieren, wenn sie an Daten ranwollen. Wie kann die Politik da einfach still danebenstehen und auch noch die eigenen Daten ausliefern?
Die grosse Geopolitik findet nun auch online statt, das ist so. Die Schweiz ist ihr Spielball und hat nur eine Option: Sich für eine Weltordnung einzusetzen, die auf Regeln basiert, nicht auf dem Recht des Stärkeren. Das internationale Genf als möglicher künftiger Hotspot globaler Internet Governance sollten wir entsprechend stärken.

Den Stimmbürgern scheint das Thema Souveränität am Herzen zu liegen – zumindest wäre das ein gemeinsamer Nenner von Abstimmungen zur E-ID, dem Ja zum Covid-Gesetz, dem Ja zum PMT. Man will dem eigenen Staat vertrauen. Will der Staat aber noch Verantwortung übernehmen?
Swisscovid oder das Covid-Zertifikat zeigen sehr gut, dass die Verwaltung diese Verantwortung übernehmen will und kann. Das Narrativ des unfähigen Staates wurde im Zusammenhang mit der E-ID-Abstimmung stark strapaziert. Natürlich gibt es neben den Vorzeigebehörden auch Bereiche innerhalb der Verwaltung, die noch meilenweit von modernen digitalen Prozessen entfernt sind. Das sollte man nicht bedauern, sondern helfen zu verbessern. Das ist überdies in der Privatwirtschaft genauso. Die Wirtschaft tut sowieso gut daran, sich für einen digital fähigen und gerade in hoheitlichen Aufgaben autonomen Staat einzusetzen. Denn genau mit einem konstruktiven Miteinander kann auch die Wirtschaft ihre Wirkung besser entfalten. Schlussendlich haben wir es auch bei dieser Frage in der Schweiz selbst in der Hand. Spätestens bei den nächsten Wahlen.

Herr Andrey, was halten sie vom Swiss-Hosting-Konzept – der Idee also, privaten wie geschäftlichen Kunden ein transparentes Label zu geben, das anzeigt, dass sowohl Daten wie auch Datenkontrollen in der Schweiz liegen?
Transparenz durch vertrauenswürdige Deklaration ist unabdingbar für mehr digitale Souveränität. Die Schweizer Hosting-Branche kann hier einen wichtigen Trumpf ausspielen. Hingegen muss dann auch drin sein, was draufsteht. Die Ausgestaltung und Kontrolle eines solchen Labels sind deshalb sehr wichtig, wenn es auch wirken soll.

Gerhard Andrey


Gerhard Andrey ist gelernter Schreiner, Holz­ingenieur HTL und Nachdiplom-Informatiker. Andrey ist Mitgründer der Digitalagentur Liip mit 188 Mitarbeitenden an sechs Standorten in der Schweiz. Er ist unter anderem zudem Verwaltungsrat bei der Alternativen Bank Schweiz. Seit 2019 ist Andrey Nationalrat der Grünen Freiburg und engagiert sich politisch insbesondere für mehr Souveränität im digitalen Raum.
Seite 2 von 2
 

Neuen Kommentar erfassen

Anti-Spam-Frage Wieviele Zwerge traf Schneewittchen im Wald?
Antwort
Name
E-Mail
GOLD SPONSOREN
SPONSOREN & PARTNER