Nach wie vor ist sowohl vielen Privatnutzern als auch Unternehmen nicht wirklich bewusst, dass Softwarelizenzen nicht zwingend neu erworben werden müssen. Doch spätestens seit einem wegweisenden Gerichtsurteil des Europäischen Gerichtshofs von 2012 ist die rechtliche Lage rund um gebrauchte Softwarelizenzen klar: Der Handel mit bereits genutzten Lizenzen ist, unter Einhaltung klarer Vorgaben, komplett legal. Damals klagte Oracle gegen den deutschen Lizenzhändler
Usedsoft, um den Occasions-Handel zu unterbinden, und verlor.
Belastbare historische Zahlen für den Markt mit gebrauchten Softwarelizenzen sind zwar nur bedingt vorhanden. Doch nicht zuletzt anhand einzelner Umsatzzahlen ist festzuhalten, dass der Markt spätestens seit dem Urteil stabiles Wachstum verzeichnen konnte. Der Kauf gebrauchter Lizenzen erfreut sich spätestens seither einer stetig steigenden Beliebtheit und ist für Unternehmen ein möglicher Weg, ihre Kosten für Software zu optimieren.
Ersticken Abomodelle den Markt?
Die einschlägigen Softwarehersteller waren seit da aber nicht untätig. Nicht zuletzt die Tendenz, ihre Lizenzmodelle auf Abos statt unbefristete Modelle umzustellen, setzt den Occasions-Handel unter Druck. Wir haben darum einige der Spezialisten aus den unten gelisteten Unternehmen befragt, wie sie die Zukunft des Marktes für Gebrauchtsoftware angesichts des andauernden Abo-Trends einschätzen.
Alle drei befragten Experten stellen einstimmig klar, dass beim Occasion-Lizenzhandel keinesfalls von einem Auslaufmodell die Rede sein kann. Denn, wie Andreas Thyen, Präsident des Verwaltungsrats von
Lizenzdirekt, festhält, hat sich die Vorstellung, dass sämtliche IT in die Cloud abwandert und damit On-Premises verschwindet, schliesslich schlicht nicht bewahrheitet. Thyen ergänzt: «Dazu kommt die Cloud-Repatriation, denn immer mehr Organisationen holen Workloads zurück, weil sich die Kostenversprechen nicht eingelöst haben. Wer zurückkommt, braucht Lizenzen.»
Spannendes Detail an dieser Stelle: Gerade Migrationsprojekte können dazu führen, dass grosse Mengen an ungenutzten Perpetual-Lizenzen verfügbar werden und in den Weiterverkauf wandern. Der Cloud-Hype sorgte damit wohl auch laufend für Nachschub im Markt mit gebrauchten Lizenzen. Mehr zu Angebot und Nachfrage folgt weiter unten.
Johannes Jäger, CEO des 2012 von Oracle verklagten Händlers
Usedsoft, wagt in den Ausführungen zur Zukunft des Marktes ein Gedankenspiel: «Sollte Microsoft irgendwann vollständig auf Abonnementmodelle umstellen, würde dies langfristig natürlich auch Auswirkungen auf den Gebrauchtsoftwaremarkt haben.» Dennoch würden damit bestehende Lizenzen nach wie vor im Umlauf bleiben, «sodass dieser Markt nicht von heute auf morgen verschwinden würde», wie er relativiert.
Carsten Kock, geschäftsführender Gesellschafter von Movesoft, geht derweil auf die Rolle gebrauchter Lizenzen in der heutigen hybriden Realität ein: «Abonnements dort, wo sie echten Mehrwert bieten, und Dauerlizenzen dort, wo sie wirtschaftlicher sind. Gebrauchtlizenzen sind dabei ein wichtiger Baustein, um Kosten zu senken und Gestaltungsspielräume zu erhalten.»
Andreas Thyen, Präsident des Verwaltungsrats, Lizenzdirekt (Quelle: Lizenzdirekt)
Garantiert günstiger, aber nicht garantiert verfügbar
Damit liegt die Frage nach dem Einsparpotenzial nicht weit. Hier unterscheiden sich die Aussagen der drei befragten Händler
Lizenzdirekt, Usedsoft und
Movesoft aber durchaus.
Die beiden auf Microsoft-Lizenzen spezialisierten Händler Usedsoft und Movesoft sprechen von bis zu 70 respektive 75 Prozent Sparpotenzial gegenüber dem Neupreis.
Lizenzdirekt, das neben Microsoft-Produkten auch mit Lizenzen von Adobe und VMware handelt, nennt je nach Produkt und Hersteller zwischen 20 und 50 Prozent Ersparnis. Massgeblichen Einfluss auf die Preise haben laut den Experten Faktoren wie Verfügbarkeit und Nachfrage eines Produktes sowie dessen Alter respektive Version.
Auch haben wir die Händler gefragt, woher sie die Lizenzen überhaupt einkaufen. «Gebrauchte Microsoft-Softwarelizenzen stammen überwiegend aus Unternehmen und Konzernen, die ihre IT-Infrastruktur modernisieren oder auf Cloud- und Abonnementmodelle umstellen», so etwa Johannes Jäger von
Usedsoft. Weiter werden Lizenzen auch durch Unternehmensinsolvenzen, Geschäftsaufgaben, Umstrukturierungen, Standortschliessungen oder Stellenstreichungen frei, wie er ergänzt. Während manche Produkte sehr einfach zu beschaffen seien, könne es je nach Version und benötigter Stückzahl aber durchaus zu Engpässen kommen. «Angebot und Nachfrage bestimmen dabei auch die Preisentwicklung», wie Jäger betont.
Johannes Jäger, CEO, Usedsoft (Quelle: Usedsoft)
Schwarze Schafe
Im Kontext der Frage nach der Herkunft der Lizenzen spielt Andreas Thyen von
Lizenzdirekt auf ein Problem an, das es mit gebrauchten Lizenzen gibt: allfälligen Schindludereien und unsauberer Arbeit. Grundsätzlich sei der Markt seriös, rechtlich anerkannt und habe sich mit der Zeit weiter professionalisiert, wie er ergänzt, «gleichzeitig nutzen einzelne Akteure den freien Markt gezielt für unseriöse Machenschaften.» Auffällig sei etwa, dass gewisse Händler grosse Stückzahlen neuester Softwareversionen zu teils viel zu niedrigen Preisen anbieten, die auf der Ankaufseite aber gar nie auf dem Markt aufgetaucht sind. Dazu komme, dass diese Marktteilnehmer beim Einkauf der Lizenzen kaum als direkte Wettbewerber in Erscheinung treten. «Da stellt sich schon die Frage, woher diese Lizenzen überhaupt kommen. Dokumente allein sind dabei kein Allheilmittel, weil sie bei immateriellen Gütern leicht vervielfältigt oder manipuliert werden können», so Thyen. Lizenzdirekt setzte sich sowohl durch Sensibilisierung als auch juristisch dafür ein, die Situation zu bessern. «Das ist mühsam, aber es wird Erfolge bringen», wie der Lizenzdirekt-VRP versichert.
Dass es einzelne Marktteilnehmer nicht so genau nehmen, bestätigen auch die Chefs von
Usedsoft und
Movesoft. «Wie hoch der Anteil zweifelhafter Anbieter tatsächlich ist, lässt sich schwer beurteilen. Wir würden deshalb keinesfalls den gesamten Gebrauchtsoftwaremarkt unter Generalverdacht stellen», wie Johannes Jäger von Usedsoft klarstellt.
Professionalität statt Preis
Carsten Kock von
Movesoft spricht in diesem Zusammenhang ein äusserst wichtiges Detail an, dem man sich als Kunde bewusst sein sollte: Zahlreiche Anbieter würden zwar Installationsdateien und passende Aktivierungsschlüssel verkaufen, das tatsächliche Nutzungsrecht aber nicht mitliefern. «Die Bezeichnung ‹Lizenzkey› erweckt dabei schnell den Eindruck, eine vollständige Lizenz zu erwerben», so Kock. «Eine erfolgreiche Aktivierung ist kein Lizenznachweis», wie er ergänzt. Sowohl lokal installierte Software als auch terminalserverfähige Volumenlizenzen lassen sich in vielen Fällen nämlich regulär mit einem Key nutzen. Nur mit einem Key hat man als Kunde jedoch noch kein Recht, die Software wirklich einzusetzen.
Erkennungsmerkmale für reine Key-Reseller sind laut Andreas Thyen: «Preise, die jede Logik vermissen lassen, und fehlende Nachweise zu Erwerb, Deinstallation beim Vorbesitzer und Übertragung». Ein Händler müsse darum die Herkunft und die ordnungsgemässe Übertragung einer Lizenz nachvollziehbar dokumentieren können, wie Johannes Jäger betont.
Laut
Lizenzdirekt gehört hier sogar die Offenlegung vertraulicher Originalverträge zum guten Ton. Andreas Thyen: «Sicherheit entsteht durch Testate von Wirtschaftsprüfern, verbindliche Eigenerklärungen des Händlers und Haftungsfreistellungen inklusive Vermögensschadenhaftpflicht zugunsten des Käufers. Auch formale Nachweise wie Handelsregisterauszug oder Unbedenklichkeitsbescheinigungen helfen bei der Einschätzung.»
Als Kunde sollte man daher nicht nur auf den günstigsten Preis achten, wie Johannes Jäger abschliessend sagt. Transparenz, ordentliche Übertragung und ein verlässlicher Ansprechpartner sind laut dem Usedsoft-CEO zuverlässigere Merkmale für seriöse Reseller.
Carsten Kock, geschäftsführender Gesellschafter, Movesoft (Quelle: Movesoft)
Mehrkosten und Nutzungs-Stopp
Zentral für Kunden ist das Bewusstsein, dass sie mit dem Kauf von Keys ohne Nutzungsrechte in Teufels Küche geraten können. «Solange die Software funktioniert, fällt das häufig zunächst gar nicht auf», wie Johannes Jäger warnt. «Kann der Kunde dann keine rechtmässige Lizenzierung belegen, drohen im schlimmsten Fall zusätzliche Kosten für eine nachträgliche Lizenzbeschaffung und gegebenenfalls rechtliche Konsequenzen.» Eine vermeintliche Ersparnis beim Softwarekauf kann sich damit schnell ins Gegenteil verkehren.
Professionelle Händler bieten laut den Experten daher zusätzliche Sicherheiten. Dazu können etwa die vertragliche Zusicherung von Mangelfreiheit und Vermögensschadenhaftpflicht gehören. Aber auch langfristige Unterstützung – etwa, wenn eine Lizenz bei einem Gerätewechsel neu aktiviert werden muss. «Schliesslich hat der Kunde ein dauerhaftes Nutzungsrecht erworben und nicht nur eine einmalige Aktivierung bezahlt», so Johannes Jäger.
Ohne diese Sicherheit sind die Folgen unter Umständen einschneidend, wie Carsten Kock zum Schluss ausführt. Das können etwa Unterlassungs- und gegebenenfalls Schadenersatzansprüche sowie zusätzliche Kosten für den nachträglichen Erwerb gültiger Lizenzen sein. Dazu kommen akute Massnahmen, die gegebenenfalls sogar den Geschäftsalltag blockieren. Carsten Kock: «Bis zur Klärung muss die Nutzung der bereits installierten Software möglicherweise ausgesetzt werden, was den laufenden Betrieb im Unternehmen erheblich einschränken kann.»
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