Dass
Google als erstes Fitbit-Gerät seit Herbst 2023 und dem Fitbit Charge 6 ein schlichtes Armband ohne Display lanciert hat, kam etwas überraschend. Gleichzeitig folgt Google damit einem Trend, auf den andere Hersteller oft bereits aufgesprungen sind: Möglichst minimalistische, einfach gehaltene Tracker, die den Träger im Alltag (und nicht zuletzt in der Nacht) möglichst wenig stören oder beeinträchtigen. Im Falle von Fitbit Air war das Whoop Band hier sicherlich Vorreiter, der nun allerdings potente Konkurrenz bekommt, vor allem auf finanzieller Ebene. Denn der Whoop-Tracker setzt ein Abo voraus, das zwar den Tracker beinhaltet, aber mindestens 164 Franken im Jahr kostet, während man für Fitbit Air einmalig 99 Franken bezahlt und auch ohne Abo schon ordentlich Gesundheitsdaten mit der neuen Google Health App aufzeichnen kann, die es sowohl für Android als auch iOS gibt.
Mehr Accessoire als Tracker
Standardmässig kommt Fitbit Air mit einem Textilarmband, das es in vier Farben (Obsidian, Lavender, Fog und Berry) gibt. Alternativ bietet
Google weitere Armbänder, auch aus Silikon. Textilarmband und Tracker wiegen zusammen gerade einmal 12 Gramm, mit einer Breite von 17 Millimetern schmückt das Wearable das Handgelenk zudem äusserst dezent – kaum jemand dürfte es als Fitness-Tracker wahrnehmen, eher als Accessoire. An der Stelle, an der sich die eigentliche Hardware befindet, ist Fitbit Air zusammen mit dem Armband, das durch eine Schlaufe gezogen und dann per Klett befestigt wird, rund 9 Millimeter hoch, was allerdings weniger störend ist, als man meinen würde. Während ein Ring oder eine Uhr für einen Neubesitzer sich in den ersten Tagen durchaus fremd anfühlen kann – gerade in der Nacht – nimmt man Fitbit Air schon nach wenigen Stunden kaum mehr wahr. Und genau das ist die Idee des Konzepts – nichts stört, nichts blinkt und nichts vibriert, zumindest fast. Die Fähigkeit zu vibrieren besitzt Fitbit Air nämlich, tut dies aber nur, wenn der Akku unter 20 Prozent fällt oder wenn man das Armband als Wecker nutzen will. Auch eine LED besitzt das Gerätchen, das leuchtet aber nur, wenn es geladen wird oder wenn man es seitlich doppelt antippt. Dann meldet es über Farben den Ladestand zurück. A propos Ladestand: Google verspricht eine Akkulaufzeit von sieben Tagen, die im Test problemlos erreicht wurde. Geladen wird das Gerät über ein mitgeliefertes magnetisches Ladegerät mit USB-C-Anschluss – das Netzteil dazu fehlt im Lieferumfang. 5 Minuten laden sollen für einen vollen Tag reichen, nach 90 Minuten ist Fitbit Air voll aufgeladen.
Fitbit Air in der von uns getesteten Farbe Obsidian. Das Armband inklusive Tracker wiegt gerade einmal 12 Gramm. (Quelle: Google)
Google Health als KI-Coach
Den Vorteil eines Trackers ohne Display und praktisch ohne Interaktionsmöglichkeiten haben wir bereits ausgeführt – nichts stört, nichts blinkt und nichts vibriert. Wer wissen möchte, was aufgezeichnet wurde, muss sich seines Smartphones und der neuen
Google Health App bedienen, die zusammen mit Fitbit Air erschienen ist und die bisherige Fitbit App ablöst. Synchronisiert werden die Daten mit Fitbit Air jeweils automatisch beim Öffnen der App innerhalb von ein paar Sekunden.
Google Health versteht sich als mehr als nur eine App, die Vitaldaten anzeigt, sondern vielmehr als KI-gestützten Gesundheits-Coach. Das beginnt bereits beim Einrichten, wo man eine Konversation mit der Gemini-basierten KI führt, um über seine Ziele zu sprechen und einen individuellen Plan zu kreieren, mit dem man diese Ziele erreichen kann. Diesen Schritt kann man auch überspringen, um direkt auf die App zu gelangen. Die ist recht intuitiv aufgebaut und gegliedert in die Menüpunkte "Heute", "Fitness", "Schlaf" und "Gesundheit".
Heute liefert einen Schnellüberblick über die gemachten Schritte, die Tagesform auf einer Skala von 0 bis 100, die Schlafzeit- und -qualität sowie die Fortschrittsanzeige des wöchentlichen sogenannten Cardio-Ziels – quasi des wöchentlichen Bewegungsziels. Dieses liegt zum Start bei 75, ein Wert, den wir bereits mit einem 45-Minuten-Lauf beinahe erreichten und in der ersten Woche um 689 Prozent übertroffen haben. Entsprechend passt Google Health dieses Ziel nach oben an, in der dritten Testwoche liegt das Cardio-Ziel in unserem Fall bereits bei 330.
Ebenfalls auf der Startseite finden sich KI-generierte Kommentare zum aktuellen Zustand – etwa zum Schlaf der letzten Nacht oder zu der erbrachten Leistung des aktuellen Tages. Für unseren Geschmack ist die KI dabei bisweilen etwas zu enthusiastisch und sorgt immer wieder auch für Schmunzeln – etwa wenn nach einer Runde Beachvolleyball die abendliche Zusammenfassung kommt "Trotz der müden Beine nach deinem Rekordlauf gestern (Anm.: eine Runde Joggen am Vortag) hast Du die intensive Sand-Action heute gut weggesteckt. Trink vor dem Schlafen noch ein Glas Wasser." Interessant ist auch, wie die KI Schweizer Gegebenheiten berücksichtigt, den Tester gerne mit "Sali Marcel" anspricht und von einer Runde Velofahren anstatt Fahrradfahren spricht. Spannend dafür: Google Health reichert die KI-Analysen mit weiteren Daten an, etwa dem Wetter. So weiss die App beispielsweise, dass man bei Schneeregen joggen war, und lobt den Effort. Oder weist darauf hin, dass es am Zürichsee, wo wir Beachvolleyball gespielt haben, zu dem Zeitpunkt über 25 Grad war, was den hohen Puls mit erklärt.
Dort, wo die eigentliche Hardware sitzt, ist Fitbit Air knapp 1 Zentimeter dick. Störend ist das allerdings nicht. (Quelle: Google)
Schwächen bei Trainingsaufzeichnungen
A propos Velofahren: Dadurch, dass Fitbit Air kein Display und damit kein Interface besitzt, kann man das Armband auch nicht wirklich wissen lassen, wann man welches Training startet. Entweder man tut dies auf dem Smartphone, oder aber Fitbit Air erkennt selbst, wenn man aktiv wird und versucht dann zu raten, was man gemacht hat. Das allerdings funktioniert mehr schlecht als recht. Was Fitbit Air nämlich als gemütliche Runde Velofahren erkannt hat, war in Tat und Wahrheit lediglich Rasenmähen (und damit nicht wirklich ein Training). Man kann solche falsch erkannten Trainings zwar im Nachgang löschen, allerdings beharrt die KI dann in der morgendlichen Zusammenfassung trotzdem darauf, dass es gestern einen "Einsatz auf dem Velo" gab.
Laufen erkennt Fitbit Air zuverlässiger, allerdings müssen wir hier die Werte trotzdem manuell auf die richtigen Angaben, die wir mit unserer parallel getragenen Smartwatch gemessen haben, nachkorrigieren. In der Regel stoppt ein Lauf auf Fitbit Air deutlich zu spät. Zum Thema Laufen anzufügen ist, dass ein GPS-Tracker im Armband fehlt und die Distanz somit nur durch die Anzahl Schritte geschätzt wird. Auch Höhenmeter werden ignoriert. Wer also Läufe etwas ambitionierter aufzeichnen möchte, wird mit Fitbit Air alleine nicht glücklich.
Hilfreich ist, dass Fitbit Air problemlos mit anderen Trackern wie einer Pixel Watch kombiniert werden kann und die erfassten Daten dann in
Google Health zusammenfliessen. Auch die Daten der Huawei Watch GT Runner aus dem Jahr 2022, die wir sonst zum Aufzeichnen unserer Läufe nutzen, werden in Google Health erfasst, und man hat über das Dreipunktemenü sogar die Möglichkeit, nur bestimmte Datenquellen anzuzeigen. Wir haben Fitbit Air und Google Health mit einem iPhone getestet. Die App kann dabei Daten von Apple Health lesen, aber keine Daten an Apple Health senden. Das soll Gerüchten zufolge aber nachgereicht werden.
Unter dem 'Heute'-Tab finden sich die wichtigsten Infos – etwa das Cardio-Ziel der Woche oder die Zusammenfassung der letzten Nacht. (Quelle: SITM)
Im 'Fitness'-Tab sieht man die letzten absolvierten Trainings – wobei nicht alles, was als Training erkannt wird, auch ein Training war (siehe oberster Eintrag). (Quelle: SITM)
Für das Schlaftracking ist Fitbit Air ideal, weil man das Armband kaum spürt, aber auch, weil die KI bei der Interpretation der gemessenen Schlafdaten hilft. (Quelle: SITM)
Unter dem Tab 'Gesundheit' werden unzählige Parameter angezeigt. (Quelle: SITM)
Viel Komfort – gegen viele Daten
Nochmals zurück zur App und den weiteren Menüpunkten. Unter Fitness finden sich die geleisteten Aktivitäten inklusive Detailansicht – etwa wie viel Zeit man in welcher Herzfrequenzzone verbracht hat. Ausserdem können hier Trainings über die Trainingsmediathek gestartet und Trainings erstellt werden. Wir haben uns hier von unserem KI-Coach ein Training für Beachvolleyball zusammenstellen lassen, und herausgekommen sind Übungen, die auf die Anforderungen im Sand (Sprungkraft, Stabilität, Explosivität, Agilität etc.) zugeschnitten sind und uns – ohne Sportwissenschaftler zu sein – auf jeden Fall sinnvoll dünkten.
Im Menü Schlaf findet sich eine recht detaillierte Zusammenfassung der Nächte inklusive der verschiedenen Schlafphasen und einer Interpretation der KI zu den gesammelten Daten und der Schlafeffizienz. Und unter dem Menüpunkt Gesundheit liefert die App eine Übersicht über alle gemessenen Werte, von der (Ruhe)-Herzfrequenz über die Herzfrequenzvariabilität, die Atemfrequenz bis hin zur Sauerstoffsättigung oder der Hauttemperatur. Zudem lassen sich Gesundheitschecks rund ums Herz einrichten. In jedem Menü hat man die Möglichkeit, den Coach – sprich die AI – zu fragen, was je nach Wert durchaus hilfreich ist. Das alles wirkt sehr aufgeräumt und übersichtlich, und gerade im Vergleich zur bisherigen Fitbit App ist
Google Health ein grosser Schritt nach vorne und macht Fitness und Gesundheit dank der KI-Integration verständlicher.
Darüber hinaus bietet die App noch weitere Möglichkeiten, die wir allerdings nicht getestet haben. So kann man seine Ernährung tracken, inklusive dem Hochladen von Fotos einer Mahlzeit. Hochladen kann man – wenn man denn möchte – auch medizinische Berichte, genauso wie sich das mentale Wohlbefinden tracken lässt und Frauen tieferen Einblick in ihren Zyklus bekommen können.
Anfügen möchten wir zwei Punkte. Punkt eins: Wir haben die Premium-Version von Google Health genutzt, die beim Kauf von Fitbit Air drei Monate kostenlos ist und danach 10 Franken pro Monat oder 100 Franken pro Jahr kostet. Premium unterscheidet sich von der kostenlosen Variante vor allem durch den integrierten KI-Coach, die personalisierten Fitnesspläne, detaillierte Schlafdaten oder die Workout-Mediathek. Für das Aufzeichnen der Gesundheitsdaten dürfte man mit der kostenlosen Basis-Variante aber bestens durchkommen. Punkt zwei: Die Fülle an persönlichen Daten, in die man Einblick erhält, ist durchaus faszinierend. Man muss sich allerdings bewusst sein, dass diese – doch sehr persönlichen Daten – durch das Unternehmen Google erhoben werden, dessen Business-Modell auf dem Sammeln von Daten beruht.
Das Wearable schmückt das Handgelenk äusserst dezent und dürfte eher als Accessoire denn als Fitness-Tracker wahrgenommen werden. (Quelle: Google)
Quicktest
Google Fitbit AirGoogles Tracking-Armband Fitbit Air gefällt mit seiner Zurückhaltung. Es ist nicht sofort als Tech-Gadget auszumachen, eher als Mode-Accessoire, und es stört seinen Träger so gut wie nie. Möchte man wissen, was Fitbit Air aufzeichnet, muss man aktiv die
Google Health App auf dem Smartphone öffnen. Diese ist mit seinen KI-Zusammenfassungen und Erläuterungen zu den gemessenen Werten absolut gut gemacht und spannend, wenn auch in der Tonalität oft etwas gar bemüht. Die Tatsache, dass Fitbit Air kein Display hat, bringt aber auch einige Nachteile mit sich. So kann man keine Trainingsaufzeichnungen direkt am Handgelenk starten, sondern muss das Handy dafür bemühen. Die automatischen Aufzeichnungen mussten wir allerdings ausnahmslos manuell nachbearbeiten. Und der fehlende GPS-Sensor macht Fitbit Air gerade für das Aufzeichnen von Läufen (oder anderen Aktivitäten, bei denen Distanzen und Höhenmeter eine Rolle spielen) bestenfalls zweite Wahl. Lobenswert dafür: Der Preis von 99 Franken und die Tatsache, dass die Basis-Funktionen von Google Health gratis sind.
Wertung: 5,5 von 6 möglichen Sternen