Editorial

Fachkräftemangel: Wir gehen in die Tiefe

Zu vielen Entwicklungen in der IT-Branche herrscht tendenziell Einigkeit – GenAI wird die Welt verändern, der Weg in die Cloud ist keine Frage des «Ob», sondern des «Wann» und Perpetual Licences sind ein Relikt der Vergangenheit. Eine Frage scheint die Branche seit dem Ende der Pandemie jedoch in der Mitte zu spalten: Braucht es Remote Work wirklich?

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2024/03

     

Im Kern gibt es, wenn man über Remote Work diskutiert, in meinen Augen zwei zentrale Themenblöcke: Erstens stellen sich Fragen zur Produktivität, Kollaboration und zur Pflege der Firmenkultur. Und zweitens geht’s um das ewige Problemkind namens Fachkräftemangel respektive um die Frage, was man seinen Mitarbeitern als Unternehmen bieten muss (und was man sich nicht bieten lassen muss).

Auf die letzten Jahre zurückblickend überrascht mich dabei nicht, dass ein Teil der hiesigen KMU heute wieder auf Feld 1 steht, was Remote-Arbeit betrifft. Viele KMU-Chefs mochten Home Office schon vor der Pandemie nicht, haben sich während Covid an die Mindestvorschriften gehalten und die Workforce dann so schnell wie möglich zurück in die Büros zitiert. Vorhersehbar und teils auch nachvollziehbar.


Recht überrascht bin ich offen gestanden aber von Big Tech, wo man sich ja gerne mit den Federn des Fortschritts und des guten Arbeitgebers schmückt: Apple, Zoom, Amazon, Meta, Twitter/X, IBM, Broadcom – sie alle haben ihre Belegschaft mehrheitlich wieder an den Arbeitsplatz geholt. Oft genug gegen deren Willen. Einen speziell schlechten Umgang hat Dell jüngst in die Schlagzeilen befördert: Dort darf man zwar remote Arbeiten, wird laut aktuellen Berichten aber benachteiligt, wenn man es tut (keine Aufstiegschancen, priorisierte Kündigungen bei Restrukturierungen etc.).
Bei den hiesigen IT-Unternehmen und -Abteilungen scheint man hingegen deutlich entspannter zu sein. Von jüngeren, kleineren Firmen bis hin zu (für die Schweiz) grossen, etablierten Dienstleistern gibt es zahlreiche Betriebe, die sehr flexible Arbeitsformen anbieten. Man will (und muss) als Unternehmen attraktiv bleiben, den Angestellten eine gesunde Work-Life-Balance ermöglichen und sich damit selbst viele Möglichkeiten bei der Auswahl der Fachkräfte sichern. Ein aktuell spannendes Beispiel hierfür ist etwa die IT-Abteilung der Post, die jüngst das Workation-Modell getestet hat. Das Ergebnis: Kein einziges negatives Feedback in sechs Monaten Pilotphase – das Arbeiten vom Ferienort aus soll in der IT des gelben Riesen daher auch weiterhin möglich bleiben. Das Thema Home Office wird derweil flexibel gehandhabt, entscheidend sei der ausgewogene Mix aus Büro und Remote, so die Post.


Es liegt auf der Hand, dass ich Ihnen auf die eingangs gestellten Fragen kurzerhand keine «richtigen» Antworten liefern kann. Aber: Wir wollen es künftig zumindest versuchen. Nicht zuletzt, weil die Themen Fachkräfte, Bildung und eben auch Mitarbeiterbindung so vielschichtig und wichtig sind, werden wir diesen im «Swiss IT Magazine» künftig mehr Platz einräumen. Den Start machen wir in der Mai-Ausgabe mit einem ganzen Heftschwerpunkt, in der darauffolgenden Juni-Nummer starten wir mit einem regelmässigen Gefäss, welches sich diesen Themen annehmen wird. Darin zeigen wir innovative Ideen, spannende Beispiele, passende Bildungsangebote und vieles mehr rund um das Thema Lösungen für den IT-Fachkräfte­mangel. (win)


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