CIO-Interview: «Ich halte den Fachkräftemangel für eine Illusion»

CIO-Interview: «Ich halte den Fachkräftemangel für eine Illusion»

(Quelle: Breitling)
4. Juli 2020 - Seit Anfang 2018 leitet Antonio Carriero die Geschicke der IT des Schweizer Uhrenherstellers Breitling. Mit seinem Team transformiert er zurzeit das Unternehmen, verantwortet die strategische Roadmap und treibt Innovationen voran.
Artikel erschienen in IT Magazine 2020/07
Swiss IT Magazine»: Herr Carriero, Breitling ist eine Marke mit langer Tradition und bekannt für seine mechanischen Uhren, die im letzten Jahrhundert vornehmlich in der Luftfahrt Verwendung fanden und heute im Luxussegment angesiedelt sind. Welche Rolle spielt die Digitalisierung in einem solchen Unternehmen?
Antonio Carriero:
Digitalisierung ist eine neue Art, Dinge zu tun. Viele Unternehmen konzentrieren sich auf die Entwicklung einer digitalen Strategie, wenn sie sich stattdessen auf die Integration digitaler Technologien in alle Aspekte des Geschäfts konzentrieren sollten, vom Channel über die Prozesse und Daten bis hin zum Betriebsmodell, den Incentives, der Kultur und natürlich dem Informationssystem. Breitling wird sich auch künftig auf seine langjährige Expertise fokussieren, nämlich die Produktion qualitativ hochwertiger, mechanischer Uhren. Aber die Dynamik der Digitalisierung und digitale Technologien spielen eine fundamentale Rolle in den Aktivitäten des Unternehmens, besonders im Bereich des Marketings im Zusammenhang mit der Kundenbindung sowie in der Vertikalisierung des Vertriebsmodells. Und nicht zuletzt im operativen Bereich, in dem es um den Betrieb und die Weiterentwicklung der Infrastruktur und der Software geht. Wichtig ist in diesem Kontext vor allem die konstante Verbesserung der Analyse und Verarbeitung der Daten, die im Unternehmen gesammelt werden – sei es in der Produktion oder während der Interaktion mit den Endkunden – , um die industriellen Prozesse zu optimieren.

Welche Aufgaben kommen Ihnen als Chief Digital & Technology Officer und Mitglied der Geschäftsleitung zu?
Meine Rolle hat drei Dimensionen: Transformation, Innovation und Operational Excellence. Mein Aufgabengebiet umfasst sowohl den klassischen Teil der IT als auch alle Themen rund um die Digitalisierung im Bereich Customer Engagement und im Zusammenhang mit dem Online Store. Darüber hinaus obliegt mir auch die Aufgabe, die Technologie-­Roadmap des Unternehmens festzulegen, um den steten Wandel des Betriebsmodells von Breitling voranzutreiben. Dazu gehören auch die Standardisierung der Technologien auf globaler Ebene sowie die Optimierung der Infrastruktur. Im Delivery-Bereich ist es so, dass wir weltweit in Sprint-Zyklen von drei Wochen arbeiten, nach denen wir jeweils neue Releases ausrollen.

Könnten Sie kurz umreissen, wie die IT-Infrastruktur von Breitling heute gestaltet ist?
Ende 2018 wurde Breitling vom luxemburgischen Finanzunternehmen CVC Capital Partners übernommen. Damit ging auch eine Neuausrichtung des Betriebsmodells einher. Bis vor drei oder vier Jahren waren die einzelnen Niederlassungen, Märkte und Regionen sehr unabhängig. Damit gab es im Unternehmen viele unterschiedliche Systeme, Lösungen und Plattformen. Nur wenige davon waren auf globaler Ebene ausgerollt, weshalb auch die Konnektivität der Infrastruktur zwischen den einzelnen Niederlassungen zu wünschen übrig liess. Als ich bei Breitling anfing, hatten viele der rund 20 bis 25 Niederlassungen auch eigene ERP-Lösungen, E-Mail-Systeme und teilweise sogar eigene E-Mail-Adressen. Selbst die Nomenklatur der Produkte war nicht überall einheitlich. Unsere Aufgabe bestand in den letzten beiden Jahren somit darin, die ausländischen Niederlassungen stärker in die zentrale IT von Breitling einzubinden. Heute haben wir weltweit ein einheitliches SD-WAN-Netzwerk und nur ein ERP, überall dieselben Office-, E-Mail- und Security-Lösungen. Und auch die Produkte heissen nun überall gleich.
Welche Software-Lösungen setzen Sie in der IT ein?
Vor wenigen Jahren haben wir uns für eine Cloud-First-Strategie entschieden. Das heisst, dass jede neue Lösung oder Plattform, die wir einführen, wenn immer möglich aus der Cloud bereitgestellt wird. Wobei wir bewährte Lösungen am Markt einkaufen, wie beispielsweise Microsoft Office 365. Wenn es aber kein entsprechendes Cloud-Angebot gibt, weichen wir auch auf On-Premises-Lösungen aus. Wir möchten unsere Infrastruktur so schlank wie möglich halten und uns auf die Services konzentrieren. Der Kern unserer Systeme basiert auf SAP. Darum herum haben wir ein Ökosystem aus verschiedenen Applikationen aufgebaut, die spezifische Bedürfnisse abdecken. Diese lokalisieren wir unter Umständen auch, wenn es ein bestimmter Markt erfordert. Vor allem im Bereich des Customer Engagement ist die Lokalisierung von Applikationen oft ­nötig, um den Gegebenheiten vor Ort Rechnung zu tragen. Als Beispiel sei hier Salesforce genannt, das wir auf die Bedürfnisse des chinesischen und des US-amerikanischen Marktes angepasst haben. Dies im Gegensatz zur Praxis in den 2000er Jahren, in denen oft zentrale und monolithische Strukturen global repliziert wurden. Diese neue Vorgehensweise erfordert oftmals ein erhöhtes Mass an Flexibilität, erlaubt es im Gegenzug aber auch, viel agiler zu sein in der Weiterentwicklung von Systemen.

Entwickeln Sie bestimmte Lösungen auch selbst?
Wir entwickeln auch eigene Applikationen, wenn wir am Markt keine passende Lösung finden, so zum Beispiel Apps für unsere Verkaufsmitarbeitenden, die mit Salesforce integriert sind. Diese sollen so einfach wie möglich zu bedienen sein, denn die Verkäufer sollen sich nicht mit IT-Problemen herumschlagen müssen, sondern sich auf die Interaktion mit den Kunden konzentrieren. Wir prüfen aber sehr genau, ob wir etwas selbst entwickeln wollen und wie, und tun dies nur punktuell. Dabei evaluieren wir beispielsweise, ob Applikationen Daten in Echtzeit verarbeiten können müssen oder nicht, denn dies hat einen Einfluss auf die Entwicklung und den Betrieb der Applikation.

Wie gross ist das IT-Team, das Breitling zur Verfügung steht? Und wie setzt es sich zusammen?
Ein Grossteil der rund 80 IT-Mitarbeitenden von Breitling ist in der Schweiz tätig, die restlichen in den Niederlassungen, wobei letztere hauptsächlich Support-­Funktionen wahrnehmen und die Erfassung von Anforderungen für die Weiterentwicklung der Systeme verantworten. Etwa 30 Prozent unserer IT-Mitarbeitenden sind intern, die übrigen 70 Prozent sind externe Ressourcen. Unser Team ist äusserst agil aufgestellt, auch in Bezug auf dessen Struktur. Alle Funktionen arbeiten nach dem DevOps-Ansatz, sowohl die internen als auch die externen Mitarbeitenden, wir sind ein einziges Team. Die Entwicklung wird hauptsächlich extern abgewickelt, während die internen Mitarbeitenden vornehmlich für den Betrieb der Systeme und die strategische Ausrichtung sowie die Architektur der IT zuständig sind. Damit sind alle zentralen Funktionen im Unternehmen vereint, während uns die externen Partner begleiten und die Plattformen weiterentwickeln. Dieses Modell hat sich für uns bewährt und erlaubt uns, die IT im Bedarfsfall zu skalieren.
 
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