Mit wenig Geld zur IT-Infrastruktur
Quelle: Gryps

Mit wenig Geld zur IT-Infrastruktur

Die Gryps-Gründerinnen Priska Schoch und Gaby Stäheli wissen aus erster Hand, wie man mit wenig Geld eine hochwertige IT-Umgebung aufbaut. Ein Erfahrungsbericht.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2012/01

     

Als Priska Schoch und Gaby Stäheli im Februar 2010 ihre Internetfirma Gryps gründeten, wollten sie für die nötige Infrastruktur nicht mehr als 10’000 Franken ausgeben. Und das haben sie geschafft. Wie das geht, darüber hält Priska Schoch inzwischen sogar Vorträge: «Wir können aus erster Hand berichten, wie und wo man bei einer Unternehmensgründung sparen kann», so die Unternehmerin. Ihre Geschäftspartnerin Gaby Stäheli hat sie bei IBM kennengelernt, wo die zwei vor der Gründung der eigenen Firma lange Zeit arbeiteten. Heute sind sie mit ihrem Offertenportal Gryps, wo KMU für Produkte und Dienstleistungen wie Telefonanlagen, Webdesign bis hin zum IT-Service gratis Offerten einholen können, erfolgreich unterwegs. Bezahlen muss lediglich die Firma, die von Gryps die Kontaktdaten von potentiellen Auftraggebern vermittelt bekommt. «Im letzten Jahr konnten wir bereits schwarze Zahlen schreiben», freut sich Priska Schoch. Sie vernetzen laut eigenen Angaben jeden Monat hunderte von KMU miteinander.

Begonnen hat alles mit zwei Laptops, zwei Smartphones, einem Drucker und einer CRM-Software (Customer Relationship Management). «Für diese Grundausstattung haben wir rund 7000 Franken ausgegeben», so Schoch. Das teuerste war die Hardware, namentlich die zwei Laptops. Noch teurer wäre wohl die Entwicklung des Onlineportals geworden – hätten sie dieses nicht selbst gebaut. «Anfangs planten wir nicht, die Applikation selbst zu entwickeln», erklärt Schoch. Doch Gaby Stäheli, die Wirtschaftsinformatik studiert hatte, wollte dann auf Joomla.ch erst mal einen Prototypen erstellen. Dieser war so gut, dass man darauf aufbaute und letztlich damit online ging. Auch wenn Stäheli und das ganze Team in die Entwicklung der Website inzwischen hunderte von Stunden investiert haben, bereuen die zwei Geschäftsfrauen den Schritt nicht: «Es wäre ein absoluter Fehlentscheid gewesen, die Applikation extern entwickeln zu lassen», meint Schoch heute. «Denn wir brauchen dieses Know-how bei uns im Unternehmen, um immer schnell und flexibel reagieren zu können.» Die Applikation, so wie sie heute ist, hätte zudem wohl mehr als 50’000 Franken gekostet, vom Business Content ganz zu schweigen. Dass sie dieses Geld nie in die Hand nehmen mussten, ist dem fundierten IT-Wissen von Gaby Stäheli, der Schreibkompetenz des Teams und dem Open Source Content Management System (CMS) Joomla (www.joomla.ch) zu verdanken. Klar, eine Webapplikation entwickeln, das könnte nicht jeder. Doch es gibt viele andere Dienste, die im Internet gratis oder sehr günstig bezogen werden können, statt dafür im Laden mehrere hundert Franken zu bezahlen. Und für die meisten ist wenig bis kein IT-Know-how erforderlich.
Neben der Hardware und dem CRM-System haben Schoch und Stäheli alle Anwendungen und Tools, die sie für ein funktionierendes Unternehmen benötigten, im World Wide Web gratis bezogen. Dazu nutzten sie vor allem Open-Source-Angebote wie den E-Mail-Client Thunderbird, die Collaboration-Lösung Spicebird, den Internetbrowser Firefox, das Office Paket von Libre Office und den Kalender von Google. «All diese kostenlosen Angebote im Bereich Open Source Software stehen den kostenpflichtigen Produkten, die man in einem IT-Geschäft kaufen kann, kaum nach», ist Schoch heute überzeugt. Mit den beiden Lösungen Thunderbird und Spicebird habe man dieselben Möglichkeiten und Funktionen, die man beispielsweise mit Microsoft Outlook auch hätte.

Das Open-Source-Angebot nutzen

Dasselbe gilt für die Open Source Software Libre Office, die nicht nur fast alles kann, was Microsofts Office-Paket auch bietet, sondern auch in der Bedienung sehr ähnlich ist: «Man muss dieses Programm nicht neu erlernen. Es unterscheidet sich im Aufbau und in der Funktionalität kaum vom Konkurrenzprodukt», stellte Schoch fest. Auch die Kompatibilität mit Word-, Excel- oder PDF-Dateien sei damit nie ein Problem gewesen. Im Vergleich zu anderen Gratis-Office-Paketen beispielsweise von Google, wo die Funktionalität sehr eingeschränkt wurde, bietet Libre Office alle Funktionen, die auch ein kostenpflichtiges Office-Paket im Angebot hat. Wieso also ist die kostenlose Open Source Software nicht längst auf allen PCs zu finden? «Das ist schwierig zu sagen. Ich denke, es liegt in erster Linie daran, dass viele Leute das Angebot entweder nicht kennen oder davor zurückschrecken, weil sie glauben, dafür zusätzliches Wissen zu benötigen», meint Schoch. Weil sowohl Schoch als auch Stäheli bereits aus der IT-Branche kamen, hatten sie nie Berührungsängste. Schoch kann jedoch nachvollziehen, wenn solche vorhanden sind: «IT ist für viele Unternehmen keine Kernkompetenz sondern ein notwendiger Teil der Infrastruktur», meint sie. Die IT sollte eine Firma also in erster Linie unterstützen und nicht beschäftigen. Doch die meisten Open-Source-Angebote im Internet sind heute so konzipiert, dass auch jemand ohne Vorkenntnisse problemlos damit umgehen kann.
Das gilt auch für Wuala, einem Schweizer Online-Speicher, der den zwei Gryps-Gründerinnen einen eigenen Daten-Server ersetzt. Sie verwalten damit ihre Dateien, welche auf dem Computer abgelegt werden können, als würde man sie auf dem eigenen Server speichern – man muss sie also nicht jedes Mal zuerst mühsam in die Cloud uploaden. Die Daten werden automatisch online auf Wuala abgelegt, wo man sie auch anderen zur Verfügung stellen kann. Zudem sind die Daten online von überall her abrufbar, und es werden automatisch Backups erstellt. Statt also mehrere Tausend Franken für einen eigenen Server zu bezahlen, den man dann auch unterhalten müsste, beziehen Schoch und Stäheli den Dienst von Wuala gratis und sind sehr zufrieden damit: «Ich mache mir keine Sorge da­rüber, dass all meine Daten in der Cloud verloren gehen könnten. Im Gegenteil, ich fühle mich damit sicherer, als wenn ich selbst ständig Backups machen müsste – da kann ja auch viel schief laufen», so Schoch. Zudem können sie und ihre Geschäftspartnerin, sollte es im Büro mal zu Ausfällen kommen, ihre Laptops nehmen und im nächsten Café oder von Zuhause aus weiterarbeiten. Sie sind nicht abhängig von einer Lokalität

Mehr Freiheit und Flexibilität

Und genau diese Freiheit schätzen Schoch und Stäheli sehr. Nicht zuletzt, weil sie so Familie und Firma besser unter einen Hut bringen können: «Diese Flexibilität ist uns inzwischen so viel Wert, dass wir uns wohl auch für diese Lösungen entscheiden würden, wenn wir dafür nicht weniger, sondern mehr bezahlen müssten», sagt Schoch heute. Doch die Unternehmerinnen wissen auch, dass man mit diesen Lösungen irgendwann an Grenzen stösst. «Derzeit sind das grösste Problem die Schnittstellen zwischen den verschiedenen Geräten», weiss Schoch. Es könne immer mal wieder zu Problemen kommen, wenn man beispielsweise seine E-Mails oder den Google Kalender auf dem Smartphone abrufen wolle. Und dann könne es schon mal einige Stunden dauern, bis das Problem erkannt sei. Da stösst die Technik auch heute immer wieder an die Grenzen. «Einfache Schnittstellen wären deshalb ein grosser Wunsch von uns.»


Zudem funktioniere eine Infrastruktur wie diese nur so lange gut, wie die Firma noch übersichtlich bleibe. Denn solche Lösungen setzen eine sehr enge Zusammenarbeit voraus: «Wenn die Firma grösser wird oder man nichts von IT versteht, ist es ratsam ist, sich an eine IT-Firma zu wenden. Dies kommt dann viel günstiger, als wenn hunderte von Stunden ohne Erfolg investiert werden», so Schoch. Doch darüber müsse sich Gryps vorläufig noch keine Gedanken machen. Seit der Gründung im Jahr 2010 ist die Anzahl Mitarbeiter von 2 auf 4,5 gewachsen. Und auch wenn manchmal etwas nicht gleich auf Anhieb funktioniert, habe man bisher immer eine Lösung gefunden. Deshalb Schochs Tipp an jedes Start-up: «Man sollte das existierende Open-Source-Angebot unbedingt nutzen. Das lohnt sich. Gerade am Anfang gibt es viele Tools, die nichts kosten und einem die Arbeit erleichtern.» Aber auch über andere Angebote für Start-ups sollten sich Jungunternehmer in einem ersten Schritt gut informieren – beispielsweise bei Stiftungen, die Start-ups Büroräumlichkeiten zur Verfügung stellen. Auch davon haben Schoch und Stäheli Gebrauch gemacht und nutzen während den ersten zwei Jahren ihrer Geschäftstätigkeit Büroräume samt Infrastruktur wie Telefon und Internet-Anschluss gratis. Nicht zuletzt auch deshalb ist Gryps bereits heute profitabel unterwegs und kann laut eigenen Angaben schon bald den 1000. Anbieter auf dem Offertenportal begrüssen. (dv)


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