Editorial

Trügerische Sicherheit


Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2005/02

     

Der Preis für den cleversten Schachzug im Januar geht an Microsoft. Das Unternehmen, ohnehin für sein ausgeklügeltes Marketing bekannt, hat sich mit der Veröffentlichung des Anfang Monat eher still (aber mit lautem Medien-Echo) präsentierten «Virenkillers» wieder einmal selber übertroffen. Mit dem «Windows Malicious Software Removal Tool», wie das Werkzeug offiziell benannt ist, schlägt die Gates-Company gleich mehrere Fliegen auf einen Schlag. Sicherheitspolitisch steht man damit nämlich recht gut da, schliesslich macht man jetzt Nägel mit Köpfen. Die gebeutelten Anwender freuen sich, dass Microsoft sich nun endlich auch um die wirklichen Bedürfnisse des normalen Users kümmert. Und die Konkurrenz freut sich, dass Microsoft keinen vollwertigen Virenscanner, sondern eben nur einen Virenkiller auf den Markt bringt.



Und genau da liegt der Hund begraben. Denn eigentlich ist das umjubelte Tool nicht wirklich hilfreich. Es erkennt bloss eine Handvoll Viren und Würmer sowie einen einzigen Trojaner - allesamt alte Bekannte wie Sasser, Blaster und MyDoom, aktuelle Top-20-Bedrohungen wie die Bagle- und die Netsky-Familien fehlen dagegen. Schutz vor einer Neuinfektion bietet das Werkzeug keinen, und mit anderen Viren verseuchte Dateien werden nicht erkannt.
Wer dem Microsoft-Virenkiller vertraut, wiegt sich in trügerischer
Sicherheit.




Das sieht auch Microsoft so und vermarktet den Virenkiller entsprechend: Von Scanner spricht keiner, und wenn auf der Schweizer Microsoft-Site davon die Rede ist, dass das Tool «den PC vor den am meisten verbreiteten Viren und Würmern schützt», so dürfte es sich um einen Übersetzungsfehler oder ein Versehen handeln. Microsoft stapelt bewusst tief und überlässt es der Presse, den «Wurm-Töter», «Virenkiller» etc. hochzustilisieren, bis der unbedarfte Anwender an den vermeintlichen Schutz glaubt.



Reklamationen von Usern, deren Rechner trotz Virenkiller-Einsatz infiziert wurde, darf Microsoft getrost ignorieren, schliesslich hat man ja nie einen Schutz versprochen. Vielmehr dürften sie als Kundenwünsche willkommen sein - Kundenwünsche, die einen vollwertigen Virenscanner und -schutz fordern. Diesen Wünschen wiederum werden die Redmonder nur zu gerne entsprechen, um endlich in den lukrativen Sicherheitsmarkt vorzustossen. Das dürften Bill Gates und seine wackeren Mannen in der Marketing-Abteilung von Anfang an einkalkuliert haben.



Marc von Ah, Stv. Chefredaktor
mva@compress.ch



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