Vom Mensch zur Marionette

Die japanische Telefongesellschaft NTT entwickelt eine Fernsteuerung für Menschen.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2005/20

     

Während die einen Wissenschaftler versuchen, Roboter den Menschen immer ähnlicher zu machen, gehen Forscher der japanischen Telefongesellschaft NTT den anderen Weg und wollen Menschen mit den Vorzügen von Robotern ausstatten – oder anders gesagt: Sie fernsteuerbar machen. Dabei geht es aber nicht darum, den Willen von Menschen zu beeinflussen, sondern mit Hilfe eines modifizierten Kopfhörers ihren Gleichgewichtssinn so auszutricksen, dass sie die gewünschten Bewegungen ausführen.





Die Beeinflussung des Gleichgewichtssinn gelingt den Forschern mit Hilfe einer elektrischen Stimulation des Vestibulum (Vestibularorgan resp. Gleichgewichtsorgan). Es liegt beim Menschen und anderen Wirbeltieren im Innenohr und regelt den Gleichgewichtssinn, indem es bei unerwarteten Stössen oder Störungen des Gleichgewichts direkt auf die vom benachbarten Kleinhirn gesteuerten Reflexe Einfluss nimmt. Indem es nun mit Hilfe von elektrischen Strömen stimuliert wird, lässt sich dem Gleichgewichtssinn vorgaukeln, dass sich der Mensch in einer unerwarteten Lage befindet, woraufhin der Gleichgewichtssinn den Fehler zu korrigieren versucht und sich der Mensch bewegt. Da andere Sinnesorgane erst nach dem Vestibulum mit den Änderungen konfrontiert werden, kann der Mensch nichts gegen die Fernsteuerung machen. Die Steuerung der Menschen kann mit einer handelsüblichen Fernsteuerung erfolgen, wie man sie bereits von Modellflugzeugen her kennt.






Die bisherigen Resultate der NTT-Forscher sind recht vielversprechend: So ist es ihnen gelungen, mehrere Probanden der Form einer überdimensionalen Brezel nachlaufen zu lassen. Das Ziel ist es, Menschen bei Videospielen und in Vergnügungsparks ein realistischeres Erlebnis zu vermitteln. So könnte beispielsweise, wenn sich das Gefühl von Bewegung aufzeichnen lässt, den Anwendern die Innenansicht eines Tänzers oder eines Turners vermittelt werden. Doch es gibt auch andere Zielsetzungen. So möchte beispielsweise James Collins von der Boston University Geh-Hilfen für ältere Menschen und Patienten mit Gleichgewichtsstörungen entwickeln. Und auch als Waffe ist die Vestibulum-Stimulation bereits im Gespräch: So denkt eine Forschergruppe an der Washington University School of Medicine daran, eine nicht-tödliche Waffe zu entwickeln. Dazu muss es nur noch gelingen, ein elektromagnetisches Feld aus Distanz ins feindliche Ohr zu emittieren.




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