Wo viel Licht ist, ist viel Schatten

Apple's Profi-Fotosoftware Aperture bringt viele Features und eine sensationelle Oberfläche, krankt aber an hohen Systemanforderungen.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2006/02

     

Im Jahr 2005 haben die Softwarehersteller offenbar
erkannt, dass erstens die Digitalfotografie definitiv im professionellen Umfeld angelangt ist und zweitens die bisherigen Lösungen zum Katalogisieren und Editieren der Digitalfotos professionellen Ansprüchen nicht genügen. Mit Aperture präsentierte Apple im Herbst als erster bekannter Hersteller ein neues, speziell auf den Berufsfotografen zugeschnittenes Paket. Wir haben die mitterweile bereits mit einem 1.0.1-Update verbesserte Software auf Nutzen und Leistung überprüft.


Anspruchsvoll und wählerisch

Aperture stammt aus dem Hause Apple und läuft ausschliesslich auf dem Mac. Und zwar lange nicht auf jedem: Die Software reizt Apples Imaging-Technologie Core Image bis zum Äussersten aus und stellt an CPU, Arbeitsspeicher und Grafikkarte höchste Anforderungen. Laut den Spezifikationen taugen nur drei von Apples aktuellen Mac-Produktelinien für Aperture – der neueste iMac mit 1,8-GHz-G5-Prozessor, die 15- und 17-Zoll-Powerbooks mit 1,25-GHz-G4 sowie PowerMac-G5-Towers mit mindestens 1,8 GHz Taktfrequenz. Eine Universal-Version mit Support für die neuen Intel-Macs soll Ende März folgen. Neben mindestens einem Gigabyte RAM, besser zwei, spielt besonders die Grafikkarte eine essentielle Rolle: Viele Core-Image-Algorithmen werden nicht durch den Hauptprozessor, sondern vom Grafik-Sub­system abgearbeitet und laufen nur auf passend ausgestatteten Karten. Im Minimum verlangt Aperture nach einer Radeon 9600 oder einer GeForce 6600 LE – auf minder ausgestatteten Systemen lässt sich das Programm gar nicht erst installieren. Auf unserem Testsystem, einem Power Mac G5 mit zwei 2,5-GHz-Prozessoren, 2 GB RAM und einer Radeon 9600 XT, läuft Aperture ziemlich flott – mit Ausnahme bestimmter Funktionen wie dem automatischen Stacking, die prinzipiell bei jedem Aufruf den gefürchteten «Spinning Beach Ball»-Cursor erscheinen lassen.


Gesamtlösung für den Foto-Workflow

Die Grundphilosophie von Aperture: Das Programm deckt vom Import übers Katalogisieren, Auswählen und Retuschieren bis zur Ausgabe für Print und Web alle Postproduktions-Arbeiten des Fotografen ab, und zwar sowohl für komprimierte Bildformate wie JPEG als auch, mit exakt demselben Workflow, für RAW-Bilder der meisten digitalen Spiegelreflexkameras. Als erstes müssen die Bilder direkt ab Kamera beziehungsweise Speicherkarte oder aber aus einem bestehenden Verzeichnis in die Aperture-eigene Library importiert werden; mit einzelnen Bilddateien, die an anderen Orten gespeichert sind, kann die Software direkt nicht umgehen. Die Library ist per Default im Ordner «Bilder» des angemeldeten Benutzers untergebracht und lässt sich optional auf ein beliebiges lokales Volume verschieben, nicht aber auf ein Netzwerkvolumen zum Beispiel auf einen Server. Die Software ist offensichtlich nicht für den Einsatz im Team konzipiert. Dafür bietet Aperture beim Import die Möglichkeit, verschiedene Metadaten zu ergänzen; nützlich ist auch die Funktion zur Anpassung des gespeicherten Aufnahmezeitpunkts an die Zeitzone, in der die Bilder geschossen wurden. Schon beim Import findet eine erste Kategorisierung des Bildmaterials statt: Die Bilder werden stets einem Projekt zugeordnet, wahlweise einem bestehenden oder einem neuen. Die Projekteinteilung richtet sich nach dem Geschmack des Benutzers, so lassen sich zum Beispiel alle Fotos für einen bestimmten Kunden in einem Projekt zusammenfassen. Die Möglichkeiten gehen aber weiter: Innerhalb der Projekte kann man Alben anlegen, in denen sich Bilder aus verschiedenen Projekten beliebig kombinieren lassen. Ein Album enthält allerdings nur einen Verweis auf die Originaldaten – die ursprüngliche Bilddatei bleibt als Master unter dem Projekt gespeichert, in das sie zu Beginn importiert wurde.


Bilder ordnen leichtgemacht

Im mitteren Fensterbereich, dem Viewer, zeigt Aperture den Inhalt des links angewählten Projekts oder Albums an: Im Gegensatz zu anderen Foto-Viewern kann Aperture mehrere Bilder zum Vergleich in Grossdarstellung anzeigen – dazu braucht man bloss mehrere der im Browser im unteren Fensterbereich angezeigten Vorschaubilder zu selektieren. Ausserdem stehen im Viewer verschiedene Modi zur Wahl, zum Beispiel «Compare» zum Vergleich eines bestimmten Bildes mit verschiedenen anderen, oder «Three-Up» zur gleichzeitigen Beurteilung von drei Bildern. Aperture kennt darüber hinaus sogenannte Stacks: Mehrere Fotos, zum Beispiel die Ergebnisse einer Belichtungsreihe, können in einer Art Stapel zusammengefasst werden, danach zeigt Aperture wahlweise alle Bilder des Stacks nebeneinander oder nur den sogenannten Pick, also das beste Bild der Reihe, das man per Menübefehl definieren kann – am besten geschieht dies im Stack-Modus des Viewers, der in der Hauptansicht jeweils den aktuell gewählten Pick und ein anderes Bild aus dem Stack zum Vergleich gegenüberstellt. Das Ganze klingt kompliziert, ist aber in der Praxis kinderleicht und wirklich nützlich. Neben den verschiedenen Viewer-Modi, bei denen jeweils alle ausgewählten Bilder gleich gross angezeigt werden, bietet Aperture noch den Light Table: Analog zu Alben lassen sich in einem Projekt virtuelle Leuchttische anlegen, auf denen man mehrere Bilder in unterschiedlichen Grössen beliebig anordnet, selbst Überlappungen sind möglich.







Ebenso einfach ist die Kategorisierung von Bildern mit Schlüsselwörtern: Unterhalb des Browsers ist eine Reihe von Buttons zu sehen, mit denen sich ein Keyword per Mausklick auf alle selektierten Bilder anwenden lässt. Buttons und Keywords definiert man über ein sofort verständliches Dialogfenster. Dabei sind hierarchische Strukturen möglich. Unser Beispiel: Eine Einteilung in Tiere/Hunde/Windhunde/Whippet; bei der Suche nach Bildern mit Keyword «Windhunde» erscheinen dann automatisch auch Bilder, die nur mit «Whippet» bezeichnet sind.


Foto-Editing inklusive

Mit Aperture lassen sich die Bilder nicht nur ordnen, sondern auch bearbeiten – zwar bietet das Programm nicht die Funktionsvielfalt eines Photoshop, alle gängigen Operationen wie Belichtungs- und Farbkorrektur, Schärfen, Begradigen, Rauschunterdrückung und Weissabgleich erledigt es aber elegant und vor allem «non-destructive»: Anpassungen und Effekte werden nicht in die Originaldatei zurückgeschrieben, sondern im XML-Format gespeichert und bei jedem Aufruf der angepassten Version in Echtzeit neu ausgeführt. Da die XML-Daten nur wenig Platz belegen, lassen sich so ohne Speicher-Overkill unzählige Variaten eines Bildes ablegen. Zum Einstellen der Parameter stehen zwei Interface-Varianten zur Verfügung: Entweder man nutzt die Inspektoren im Info-Bereich, der am rechten Fensterrand wahlweise ein- oder ausgeblendet wird, oder man aktiviert das «Adjustment HUD» – HUD steht für «Head-Up-Display» und bezeichnet ein halbtransparentes, frei positionierbares Fenster, das direkt über dem Bild zu liegen kommt. Besonders nützlich ist das HUD im Fullscreen-Modus, der sich jederzeit über die «F»-Taste aktivieren lässt – dann verschwinden ausser einem schmalen Browser am unteren Bilschirmrand alle restlichen Interface-Elemente, nur das aktuelle Bild wird in Grossdarstellung angezeigt. Ähnlich wie das Adjustment-HUD funktioniert übrigens auch die interaktive Lupe, die Teilbereiche eines Bildes vergrössert darstellt.


Qualität bemängelt

Apple positioniert Aperture als Profi-Tool mit nahtlosem RAW-Workflow. Experten bemängeln allerdings gerade die Qualität des RAW-Imports: Andere Tools wie Adobe's Camera-RAW-Plugin zu Photoshop seien wesentlich besser als die in Mac OS X integrierte RAW-Funktion, die auch Aperture nutzt. Bildqualität ist zwar stets auch Geschmackssache; an anderer Stelle publizierte Vergleichsbilder zeigen jedoch, dass der Vorwurf zumindest teilweise stimmt. Aperture-generierte Interpretationen von RAW-Daten zeigen mehr Bildrauschen, manchmal auch merkwürdige Artefakte. An der RAW-
Umwandlungs-Qualität muss
Apple also noch arbeiten.

(ubi)


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