Die Virtualisierung wird erwachsen

Invista, TagmaStore oder SAN Volume Director? Die Virtualisierungslösungen befreien sich aus der Mainframe-Welt.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2005/17

     

Fast alle Anwender mit mehr als 10 Terabyte Daten sind laut einer Studie der Enterprise Strategy Group an Storage-Virtualisierung interessiert – kein Wunder, denn die ersten Kunden der neuesten Lösungen berichten von jährlichen Kosteneinsparungen zwischen 16 und 24 Prozent bei Hardware, Software und SAN-Management.


Bisher skeptisch aufgenommen

Dennoch sind konkrete, umfassende Implementationen ausserhalb der Mainframe-Welt selten: Storage-Virtualisierung war traditionell die Sache proprietärer Lösungen, die preislich nur für die grössten Umgebungen in Frage kamen. Midrange-Angebote andererseits, wie sie zum Beispiel von FalconStor und Datacore erhältlich sind, waren für High-end-Installationen zu wenig skalierbar und zuverlässig.
Einen guten Teil der Anwenderskepsis hat sich die Storage-Industrie selbst zuzuschreiben. Oft wirft das Marketing Virtualisierung und Storage-Konzepte wie Tiered Storage, Snapshots, Backup-to-Disk oder Datenmigration in einen Topf. Unter dem Segel der Storage-Virtualisierung laufen die unterschiedlichsten Lösungen, die oft nur einen Teilaspekt abdecken, zum Beispiel
virtuelle Tape-Libraries. Speichernetzwerke an sich werden ebenfalls oft mit Virtualisierung verwechselt – ein SAN allein ist aber bloss die notwendige Basis für virtuelles Speichermanagement. Das Resultat: Es herrschen Begriffsverwirrung, Unklarheit und mangelnde Vergleichbarkeit.


Zweite Generation am Start

Erst seit kurzem bieten die grossen Storage-Hersteller Virtualisierungslösungen der zweiten Generation an, die mit einem niedrigeren Preisniveau und der Unterstützung sowohl eigener als auch fremder Speichergeräte sowie einer zunehmenden Zahl von Betriebssystemen einer breiteren Anwenderschicht zugute kommt: Storage-Virtualisierung befreit sich allmählich aus der Mainframe-Welt und wird zum allgemeinen Trend, wenn es nach den Herstellern geht.
Bis es wirklich soweit ist, dürfte es allerdings noch einige Zeit dauern. Die neuesten Produkte wurden eben erst angekündigt, sind teils erst als Betaversionen verfügbar und müssen sich in der Praxis noch bewähren. Im folgenden stellen wir die Lösungen der drei Branchenleader IBM, Hitachi Data Systems (HDS) und EMC näher vor.


IBM TotalStorage SAN Volume Controller

IBM positioniert den softwarebasierten SAN Volume Controller (SVC) als Herzstück der Virtualization Engine Suite, die daneben ein SAN-Filesystem und diverse Management- und Utility-Programme umfasst. Der SVC wird vorinstalliert auf xSeries-Servern unter Linux ausgeliefert. Üblicherweise kombiniert man bis zu acht solcher Nodes jeweils in Zweierpaaren zu einem Cluster mit gemeinsamer Verwaltung; das Ganze wird als In-Band-Appliance im Speichernetzwerk installiert. Daneben existiert eine spezielle Version, die auf den Caching-Modulen von Ciscos MDS9000-SAN-Switches läuft.
Der SVC ist bereits seit zwei Jahren auf dem Markt, unterstützt eine Vielzahl von Konfigurationen und ist entsprechend weit verbreitet. Die aktuelle Version 2.1 gibt es seit diesem Frühling; sie bietet Support für zusätzliche Host-Betriebssysteme wie NetWare, Solaris und HP-UX. Auf der Speicherseite lassen sich neben den hauseigenen DS-Arrays die meisten Disk-Arrays von HP, HDS und EMC sowie die Sun-Arrays 9910 und 9980 einsetzen.






Mit der Version 2.1 kommt auch ein neues Preismodell zum Tragen. Bisher gab es genau abgegrenzte Preisstufen, eingeteilt nach der insgesamt mit dem SVC verwalteten Datenmenge. Wenn die aktuelle Maximalkapazität erreicht war, musste jeweils die nächste, bedeutend kostspieligere Lizenz gelöst werden. Neu gilt ein feiner granulierter Preis von rund 7000 US-Dollar pro Terabyte; eine Einstiegskonfiguration ist ab 47'000 Dollar erhältlich.


HDS TagmaStore Universal Storage Platform

Vor rund einem Jahr lancierte Hitachi Data Systems die TagmaStore-Plattform mit einem Riesenevent im New Yorker Guggenheim-Museum. TagmaStore basiert auf HDS-Disk-Arrays der Lightning-Serie; die Virtualisierungsfunktionen sind hardwarebasiert im internen Storage-Controller der Arrays implementiert – ein grundlegender Unterschied zu IBM und EMC, die den Virtualisierungsmechanis-
mus im Speichernetzwerk plazieren.
Eine TagmaStore-Umgebung lässt sich demzufolge nicht ohne Kauf eines HDS-Array aufbauen, auch wenn sich als externe Speichergeräte zusätzliche Arrays von EMC, HP, IBM und Sun mit insgesamt bis 32 Petabyte Kapazität anschliessen und über die TagmaStore-Managementkonsole verwalten lassen. Den externen Einheiten erscheint der TagmaStore-Array wie ein gewöhnlicher Server. Die externen Volumes beziehungsweise LUNs werden auf den TagmaStore-Adressraum abgebildet, so dass die angeschlossenen Anwendungen transparent darauf zugreifen können.





HDS gilt generell als teurer High-end-Lieferant. Der Marktanteil bei externen Disk-Systemen hinkt laut Gartner-Zahlen mit 6,9 Prozent der Konkurrenz hintennach (IBM: 13,2%, EMC: 23,1%). Die drei TagmaStore-Grundkonfigurationen eignen sich mit Preisen ab 600'000 Dollar für das Entry-Level-Modell USP100 mit 0,286 TB Diskplatz denn auch wirklich nur für grosse Installationen – HDS will seit dem Launch aber immerhin mehr als 1000 Einheiten verkauft haben.
Inzwischen hat HDS auf den Hochpreis-Vorwurf mit einer geradezu dramatischen Erweiterung der Palette reagiert: Für 125'000 Dollar gibt es neu eine funktional leicht abgespeckte und von Kapazität und Durchsatz her auf mittlere Unternehmen abgestimmte Variante namens Network Storage Controller NSC55.






Wie die High-end-Systeme bietet auch der NSC55 hardwaregestützte, Controller-basierte Virtualisierung und unterstützt die meisten Utility-Funktionen seiner grossen Brüder. Der NSC55 ist in der Mindestkonfiguration mit 5 Terabyte interner Speicherkapazität für 125'000 Dollar zu haben – ein Preis, der mit der Konkurrenz laut Hersteller mehr als mithalten kann: HDS betont, die preislich vergleichbaren Angebote der Mitbewerber enthielten bloss die Virtualisierung, nicht aber einen Disk-Array mit ansehnlicher Grundkapazität.
Dennoch dürfte es HDS im KMU-Markt nicht leicht haben. Aufgrund der bisherigen High-end-Ausrichtung fehlt es dem Unternehmen an geeigneten Verkaufskanälen für den späten Einstieg ins Midrange-Segment.



Lösungen für umfassende Storage-Virtualisierung


EMC Invista

Über ein Jahr lang stellte EMC
einen sogenannten «Storage Router» in Aussicht, am Technical Summit in New Orleans wurde das Produkt Mitte Mai angekündigt. Die Lösung nennt sich nun Invista und setzt sich aus zwei Teilen zusammen: Die Steuerungssoftware läuft auf einem Control Path Cluster (CPC) mit zwei Nodes, der als Out-of-Band-Appliance im Netzwerk installiert wird. Die Verwaltung erfolgt wahlweise über eine Weboberfläche, per Kommandozeile oder mit Hilfe von EMCs Storage-Management-Software ControlCenter.
Als zweite Komponente benötigt eine Invista-Umgebung zwingend intelligente SAN-Switches, die mit EMC-Firmware ausgerüstet sind. Im Gegensatz zu herkömmlichen Out-of-Band-Lösungen müssen bei Invista auf den Servern deshalb keine Agenten installiert werden: Die Intelligenz für den Datentransport steckt im Switch.





EMC streicht neben den generellen Vorteilen einer virtualisierten Speicherlandschaft wie der besseren Ausnutzung der Ressourcen ein Invista-Feature besonders heraus: Dank «Dynamic Volume Mobility» lässt sich die Zuordnung zwischen einem virtuellen Volume und dem physischen Speicherort im laufenden Betrieb ändern. Damit lassen sich Rollovers, Tech Refreshes, Datenmigration und Kapazitätserweiterungen ohne Herunterfahren und Neustarten von Servern und Applikationen durchführen. Viele der bisher manuell zu erledigenden Volume-Management-Arbeiten, mit denen die Administratoren bis zu 30 Prozent ihrer Zeit zubringen, entfallen oder lassen sich automatisieren.






Invista ist nach einem ausgedehnten Betatest mit Support für die unter dem EMC-Label Connectrix verkauften Modelle der MDS-9000-Serie von Cisco und die Silkworm Fabric Application AP7420 von Brocade verfügbar; später kommen weitere Modelle dazu, darunter Produkte von McData. Die Preisskala beginnt bei 140'000 Dollar, für eine Komplettlösung zur Virtualisierung von bis zu 64 Terabyte ist inklusive CPC, Switches und Software mit Anschaffungskosten von 225'000 Dollar zu rechnen. EMC positioniert Invista vorerst für Grosskunden; eine breitere Kundenbasis will man erst später angehen. Dazu müsste der Preis ohnehin noch sinken: Über 200'000 Dollar für die Virtualisierung ohne ein einziges Byte an Storage dürften das Budget der meisten mittelgrossen Unternehmen sprengen.

(ubi)


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