Adobe After Effects 5.0: Dreidimensionale Filmwelten

Die Version 5.0 des Video-Compositing-Tools After Effects von Adobe stösst in die dritte Dimension vor.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2001/08

     

Bei dem Motion-Graphics-Paket mit dem etwas sperrigen Namen After Effects handelt es sich nicht um Videoschnittsoftware im eigentlichen Sinn, sondern um ein Compositing-Programm, mit dem Videoclips mit animierter Grafik und Spezialeffekten angereichert und zu einem kompletten Videofilm zusammengefügt werden.



Die Hauptunterschiede zu Produkten wie Adobe Premiere oder Ulead Media Studio Pro: After Effects enthält keinerlei Mechanismus zur Videoerfassung (Capture) und greift statt dessen auf bestehende Clips (Footage) zurück. Dafür sind die Grafiktools und Effekte wesentlich umfassender und raffinierter.




Der eigentliche Clou von After Effects liegt darin, dass sämtliche Parameter aller Objekte - zum Beispiel Grösse und Transparenz eines Grafiksymbols, Position und Ausrichtung einer Kamera oder Kegelöffnung und Farbe einer Lichtquelle - unabhängig voneinander animiert werden können. Je nach Art des Objekts stehen dabei Dutzende von Eigenschaften zur Verfügung.



Das ergibt mächtige Möglichkeiten für die Gestaltung von Film, Video, Onscreen- und Web-Animationen, verpasst dem Programm aber eine sehr steile Lernkurve - wer sich nicht eingehend mit After Effects auseinandersetzt, wird kaum etwas Brauchbares aus der Software herausholen.

Neu in drei Dimensionen

Integrierte Unterstützung für dreidimensionale Kompositionen ist die spektakulärste Neuerung in Version 5. In einem Projekt können 2D- und 3D-Layer beliebig gemischt werden: Sobald ein Layer in der Timeline als dreidimensional markiert ist, reagiert das darin enthaltene Objekt auf räumliche Manipulationen. Dies ermöglicht zum Beispiel eine 3D-Kamerafahrt durch eine Anordnung verschiedener, getrennt animierter Grafikobjekte, während ein in einem 2D-Layer eingebettetes Logo statisch in einer Ecke des Films eingeblendet bleibt.



Besonders attraktiv: 3D-Layer lassen sich automatisch auf eine Kamera ausrichten, und Kameras wie auch Lichtquellen können einem Animationspfad folgen oder sich zu einem Zielpunkt hin bewegen.




Für die Betrachtung der 3D-Szene stellt After Effects im Stil klassischer 3D-Animationssoftware sechs vordefinierte Perspektiven (Front, Rückseite, oben, unten, rechts und links) sowie die Ansicht von der aktiven Kamera aus zur Verfügung. Dazu kommen maximal drei vom Benutzer definierbare Views. Für das Rendering der 3D-Animationen enthält After Effects eine integrierte Engine; über ein API können zudem alternative Rendering-Plug-ins von Drittanbietern eingesetzt werden.




Parenting und Expressions

Auch Parenting ist von 3D-Animationsprogrammen hinlänglich bekannt und hält nun bei After Effects Einzug: Ist zwischen zwei Layern eine Parent-Child-Beziehung definiert, wirken sich alle Transformationen im Parent-Layer auch auf den Child-Layer aus. Ein simples Beispiel: Der Wurm (Child) in einem Apfel (Parent) vergrössert und verschiebt sich automatisch mit dem Apfel, während andere Eigenschaften des Wurms weiterhin getrennt animierbar bleiben. Wie die 3D-Aktivierung werden auch die Layer-Beziehungen direkt in der Timeline definiert und sind dort in einer separaten Spalte ersichtlich - die ohnehin mit Symbolen vollgepackte Timeline wird dadurch aber nicht übersichtlicher.




Eine weitere Neuerung sind die Expressions. Sie erlauben über das einfache Parenting hinaus automatisch nachgeführte Beziehungen zwischen beliebigen Eigenschaften beliebiger Layer, die man per Drag&Drop mit dem "Pick Whip" definiert. So kann zum Beispiel die Schriftbreite eines Text-Layers der Rotation eines anderen Layers folgen, so dass der Text in jeder Ausrichtung des Objekts, auf dem er angebracht ist, gut lesbar bleibt. Expressions können zudem mit JavaScript programmiert werden, was hochkomplexe prozedurale Animationsabläufe ermöglicht, die bisher nur in High-End-3D-Software zur Verfügung standen.


Neue Effekte und verbesserte Tools

Neben der klaren Ausrichtung auf die dritte Dimension offeriert die neue Version zahlreiche Verbesserungen im Detail. Neue Filter wie Shatter (Zerstückelung eines
Layers in Fragmente verschiedener Form wie Glassplitter oder Puzzleteile), Radio Waves (von einem Punkt ausgehende Wellenformen), Vegas (Lauflichter im Casinostil), Colorama (Color-Cycling-Effekte) und Fractal (Erzeugung von Mandelbrot- und Julia-Formen) bringen Zusatzfutter für den verspielten Digitalregisseur. Masken editiert man nun direkt im Kompositionsfenster und stattet sie optional mit Blur-Effekt aus. Ausserdem wurden verschiedene Ungereimtheiten in der Bedienung ausgeräumt.




Ausser der Standardversion von After Effects existiert noch das "Production Bundle", das mit zusätzlichen, laut Adobe für "Motion Graphics Professionals" besonders notwendigen Features aufwartet. Beispiele sind erweiterte Keying-Möglichkeiten, zusätzliche Effekte wie Fractal Noise (Erzeugen unregelmässigen Rauschens in verschiedenen Formen) und Optics Compensation (Hinzufügen oder Eliminieren von Verzerrungen mit simulierten Linsen), Vektor-Paint-Tools sowie Unterstützung für Network-Rendering auf mehreren Computern und 16-Bit-Farbtiefe pro Kanal für Film und HDTV. Die Aufteilung wirkt etwas gesucht; verschiedene Features der bedeutend teureren Bundle-Variante wären schon im Grundprodukt höchst willkommen.



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