Vektorgrafik fast perfekt

Mit Xtreme Pro 4.0 bietet der altgediente britische Softwarehersteller Xara einen valablen Konkurrenten zu Adobe Illustrator.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2008/09

     

Ist von Vektorgrafik die Rede, denkt der Profi zuerst und meist auch ausschliesslich an den Illustrator aus dem Hause Adobe. Es gibt aber auch nach dem Aus für das früher ebenfalls sehr beliebte Freehand eine Alternative, die vor kurzem in einer neuen Version erschienen ist: Der britische Softwarehersteller Xara hat mit Xara Xtreme Pro 4.0 einen ziemlich starken Illustrator-Konkurrenten in der Hinterhand. Das Programm ist – früher unter leicht anderen Bezeichungen wie Xara X1 – seit Jahren erhältlich, aber erstaunlich unbekannt. Dies mag unter anderem daran liegen, dass Xara ausschliesslich für Windows entwik­kelt: Mac-User, die in der Kreativszene nach wie vor die Mehrheit stellen, können Xara Xtreme höchstens unter Boot Camp oder in einer virtuellen Maschine nutzen.


Vektorgrafik im Zentrum

Xara Xtreme ist in erster Linie ein ausgefeiltes Vektorgrafikprogramm, das im Vergleich zur Referenzanwendung Illustrator praktisch keine Funktion vermissen lässt, in vielen Punkten aber deutlich einfacher zu bedienen ist. Auch wenn Adobe in den letzten paar Inkarnationen gewaltig am Illustrator-Interface gefeilt hat, gibt sich der Vektorgrafik-Marktführer bei vielen Funktionen kryptisch: Hier kann man eine Operation nur auf einen «geschlossenen Pfad» anwenden, dort muss ein «Endpunkt eines offenen Pfades» selektiert werden und so weiter. Ohne intensives Einarbeiten und eingehendes Studium der Dokumentation bleibt einem die volle Power von Illustrator verschlossen.


Xara Xtreme ist da anders. Die meisten Features lassen sich auf Anhieb intuitiv nutzen, und auch der unbedarfte Gelegenheits-User kommt bereits bei relativ komplexen Gestaltungsaufgaben rasch zu einem brauchbaren Ergebnis. Als Beispiele mag das Blend-Tool zum Angleichen zweier Objekte inklusive einer festgelegten Anzahl Zwischenstufen dienen.



Illustrator bietet diese Möglichkeit zwar ebenfalls seit den allerersten Versionen und stellt dem Anwender, der die Sache einfach mal ausprobieren möchte, weniger Hindernisse entgegen als frühere Ausgaben des Programms. So selbstverständlich wie bei Xara Xtreme geht es aber auch mit der neuesten Illustrator-Version nicht: Zwei beliebige Objekte zeichnen, Blend-Tool wählen und mit der Maus eine Linie vom ersten zum zweiten Objekt ziehen – fertig.


Fotoeditor inklusive

Neben vektorbasierten Grafiken beherrscht Xara Xtreme auch den Umgang mit importierten Fotos, ausserdem lassen sich Animationen erstellen und im Animated-GIF- oder Flash-Format exportieren. Eigentliche Bitmap-Painting-Funktionalität fehlt allerdings. Kuchen- und Balkendiagramme, Organigramme und ähnliche geschäftliche und wissenschaftliche Darstellungen sind ebenfalls nicht die Domäne von Xara Xtreme. Man kann solche Diagramme selbstverständlich aus den Grundformen zusammenbasteln, das Programm bietet aber dafür keine weitergehende Unterstützung, wie man sie in Spezialsoftware wie Visio oder Smartdraw findet.


Highspeed-Software

Laut den Angaben des Herstellers ist Xara Xtreme 4 nicht nur besonders einfach zu bedienen, sondern auch rasend schnell: Beim Vektor-Rendering soll das Xara-Produkt bis zu zehnmal so rasch arbeiten wie Illustrator CS3. Xara bezeichnet seine Software, die in Version 4 in der Pro-Ausgabe nun auch Multicore-Prozessoren voll unterstützt, als «schnellstes Grafikprogramm der Welt».



Wir haben diesen Anspruch nicht mit der Stoppuhr überprüft, aber die interaktive Arbeit geht auch bei komplexen Dokumenten wirklich sehr flüssig vonstatten, ohne dass man dauernd darauf warten muss, bis die Anzeige neu aufgebaut ist. Xara Xtreme bietet überdies die Möglichkeit, über einen Schieberegler in der Toolbar die Darstellungsqualität stufenlos einzustellen und so die Arbeitsgeschwindigkeit bei Bedarf noch zusätzlich zu steigern.


Freundliches Interface

Die Oberfläche des Xara-Programms wirkt aufgeräumt: Für allgemein gültige Befehle und Einstellungen ist die Toolbar am oberen Fensterrand zuständig. Hier finden sich auch Buttons zum Aufruf diverser «Galleries» mit Cliparts, Linienstilen, Bitmap-Bildern und anderen mitgelieferten Darstellungselementen. Auch die Ebenenverwaltung ist in Form einer Gallery realisiert. Die Galleries erscheinen als Paletten, die sich frei auf dem Bildschirm anordnen oder am rechten Fensterrand gruppiert andocken lassen.


Die Werkzeuge zum Erstellen und Manipulieren von Objekten sind in einer Leiste am linken Fensterrand untergebracht. Wählt man ein Werkzeug an, erscheinen in der Infobar, die unterhalb der Haupt-Toolbar angebracht ist, kontextsensitiv die passenden Optionen.



Beim bereits zitierten Blend-Tool lässt sich hier zum Beispiel die Anzahl der Zwischenstufen einstellen, ausserdem lassen sich zwei Dialogboxen zur Feineinstellung des Farbübergangs («Attribute Profile») und der räumlichen Verteilung der Zwischenstufen aufrufen («Position Profile»). Beide Dialoge warten mit einer interaktiv manipulierbaren Kurvendarstellung auf, jede Änderung wird
auf der Arbeitsfläche sofort visualisiert.


Neben der üblichen Online-Hilfe und diversen Tutorial-Filmen bietet Xara Xtreme zuunterst am Fenster eine Statuszeile. Hier wird zum gewählten Bedienungselement jeweils ein etwas ausführlicherer Tooltip angezeigt, was besonders dem Einsteiger den Umgang mit dem Programm noch einfacher macht.


Neues in Version 4

Xara Xtreme 4.0 bietet diverse neue Funktionen, allen voran ein Foto-Tool, mit dem sich auch riesige Fotos in Echtzeit interaktiv manipulieren lassen. Tonwertkorrektur, Freistellen, Drehen und andere Grundaufgaben der Fotobearbeitung erledigt man direkt auf der Arbeitsfläche, und zwar nicht-destruktiv: Die Änderungen können jederzeit widerrufen werden.


Eine zweite Neuerung ist das 3D-Extrude-Tool: Mit einer einzigen Mausbewegung erstellt man damit aus einem beliebigen 2D-Objekt ein dreidimensionales Objekt. Die Extrusionstiefe und die Position im Raum bestimmt man ebenfalls interaktiv mit der Maus. Die Funktion stellt auch drei in Farbe und Intensität einstellbare Lichtquellen zum Schattieren des generierten 3D-Objekts zur Verfügung.



Xara Xtreme beherrscht nun auch Textfluss um beliebige Objekte herum, Parameter wie der Abstand zwischen Text und Objekt lassen sich über das Kontextmenü einstellen. Auch verknüpfte Textrahmen sind möglich.
Interessant: Das Font-Menü zeigt die Schriften im Original-Erscheinungsbild an, und auf der Arbeitsfläche wird der selektierte Text in Echtzeit in der Schrift angezeigt, die im Menü gerade mit der Maus angewählt ist. Zusammen mit der Möglichkeit, mehrseitige Dokumente zu erstellen, eignet sich Xara Xtreme somit auch zur Gestaltung von Seitenlayouts.


Auch die «Complete Website Creation», die Xara als weitere Neuerung anführt, basiert auf mehrseitigen Dokumenten, die zum Schluss im HTML-Format samt passenden Grafiken und Style-sheets exportiert werden.

(ubi)


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