Schranken für den Entwicklungsaufwand

Ein App-Server vereinfacht die Entwicklung komplexer Geschäftsanwendungen erheblich. Ohne Know-how und Schulung läuft aber nichts.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2003/08

     

Ein Application Server dient in erster Linie einem Zweck: Durch seinen Einsatz sollen der Aufwand für Entwicklung und Verwaltung der Business-Applikationen und damit auch die Gesamtkosten sinken. Das funktioniert aber nur, wenn die Entwickler rasch mit dem App-Server zurechtkommen und sich die Detailprobleme in engen Grenzen halten.


Komplexität systemimmanent

Die Aufgaben eines App-Servers sind umso umfassender, je mehr unternehmenskritische Features wie asynchrone Kommunikation mit Geschäftspartnern und Integration in andere IT-Systeme gefordert sind - entsprechend komplex ist die Gesamtplattform.



Besonders die J2EE-Welt geniesst den zweifelhaften Ruf, der J2EE-Entwickler habe die mächtigen Funktionen mit einer steilen Lernkurve zu bezahlen, wie auch Colin Harnwell von BEA Systems meint: "Gerade Enterprise Java, die Kerntechnologie der meisten Application Server, ist dem Vorwurf einer übermässig komplexen Handhabung ausgesetzt. Ein komplexes Innenleben des Servers mit sehr reichhaltigen APIs geht Hand in Hand mit den gebotenen Enterprise-Eigenschaften."





Einfache Tools tun not

Das Fazit für die Hersteller: Die aufgrund des Funktionsumfangs unabdingbare Komplexität unter der Haube muss von leicht zu bedienenden Entwicklungstools abgefangen werden: "Ist es unbedingt erforderlich, den Anwendungsentwickler, der für seine IT-orientierte Branchenexpertise bezahlt wird, mit System-Interna zu konfrontieren?"



Die Antwort heisst im Fall von BEA Systems WebLogic Workshop. Das mit den BEA-Serverprodukten ausgelieferte Tool ermöglicht mittels Controls und klickbaren Attributen die Applikationsentwicklung im wesentlichen ohne Coding.




Das Konzept einer Development-Umgebung mit per Drag&Drop einsetzbaren Controls und per Mausklick definierbaren Eigenschaften ist nicht neu - Visual-Basic-User kennen es seit langem; in der .Net-Umgebung kommt es naturgemäss ebenfalls zum Zug.



Gemäss Harnwell ist das Controls-Konzept aber "für Enterprise Java ein bahnbrechender Schritt". Bisher in erster Linie zur Offenlegung von Webservices konzipiert, wird die neueste Version 8.1 von Weblogic Workshop ab Jahresmitte ähnlich bequeme Funktionen für die gesamte Integrationsplattform inklusive Generierung von Portalen und Steuerung der Geschäftsprozesse bieten.



Der WebLogic Workshop von BEA ist allerdings nur ein Beispiel für die Anstrengungen der Hersteller, die J2EE-Entwicklung zu vereinfachen. IBM verfolgt mit dem WebSphere Studio vergleichbare Ansätze, die von Wizards für häufig gefragte Aufgaben bis zu Vorlagen für komplette Anwendungen reichen. IBM-Experte André Tecklenburg: "Streng genommen nimmt heute der Applikationsentwickler den App-Server gar nicht mehr wahr."



Ganz ohne Kenntnisse geht es denn aber doch nicht - zumindest das Grundwissen über die Komponenten der J2EE-Architektur und deren Zusammenwirken muss gegeben sein. Tecklenburg: "Die grösste Herausforderung ist vermutlich, die technischen Konzepte des J2EE-Frameworks richtig und genügend zu verstehen." Sun verlangt noch etwas mehr: "Grundvoraussetzung ist die Beherrschung der Objektorientierung und der Programmiersprache Java" und merkt an, "die Entwicklung verteilter Applikationen stellt ein anderes Paradigma dar als traditionelle Client/Server-Systeme, wo sich alle Geschäftslogik auf dem Client befindet." Altgediente Programmierer müssen demnach umdenken.



Die Entwicklerfreundlichkeit der Plattformen lässt sich übrigens vor dem Entscheid testen: Alle Hersteller offerieren das Entwicklungstool samt zahlreichen Beispielen und meist auch eine Developer-Version des App-Servers zum kostenlosen Download, entweder als Trial-Version oder in der Einstiegsvariante ohne Enterprise-Features.




Spezialfall ColdFusion

Als besonders einfach bezeichnet Macromedia die Entwicklung mit ColdFusion. Das Produkt war in seinen Anfängen die erste Standard-Schnittstelle zwischen Webseiten und Datenbanken und wurde von vielen Webentwicklern benutzt, die ansonsten nur mit HTML arbeiteten. Sven Dölle, Presales Manager bei Macromedia Central Europe: "Die Sprachsyntax unseres ColdFusion-Servers, CFML, ist innerhalb weniger Tage grundlegend zu erlernen." Besonders Programmierer, die bisher mit ASP oder PHP gearbeitet hätten, würden durch das einfachere Handling positiv überrascht. Gleichzeitig gingen mit der einfachen Sprache keineswegs begrenzte Möglichkeiten einher, wie Dölle anmerkt: "Langjärige Entwickler bestätigen uns, dass sie fast nie an die Grenzen der Sprache und des Servers geraten."



Da die ColdFusion-Sprache sowohl als eigenständiger App-Server als auch in Form einer Ergänzung zu anderen J2EE-basierten Servern erhältlich ist, wird das ColdFusion-Know-how auch dann nicht unnütz, wenn die Anforderungen in den Enterprise-Bereich vorstossen. Allerdings kommt der Entwickler dann auch nicht mehr ohne J2EE-Basiskenntnisse aus.





Ausbildung beim Hersteller

Die benötigten Kenntnisse erlangen die angehenden Entwickler in Kursen, die meist vom Hersteller selbst veranstaltet werden und zwei bis fünf Tage dauern. Einige Beispiele:




BEA Systems veranstaltet in Zürich Kurse zu insgesamt 15 Themen. Zum App-Server selbst gibt es die fünftägigen Schulungen "Development Fundamentals/J2EE", "Development EJB and JMS" und "Administration", die jeweils 3850 Franken kosten. Dazu kommen ebenfalls fünftägige Kurse für die weiteren Serverprodukte wie Portal und Integration, Master Class Workshops zu einzelnen Themen wie Security, Migrationskurse für User anderer oder frühererSysteme sowie ein Java-Programmierkurs.





• Sun offeriert, neben einer Vielzahl von Java-Kursen, im Hegnauer Training-Center einen Administrations- und einen Entwicklerkurs für die Sun-ONE-Plattform. Die fünftägigen Kurse, Preis jeweils knapp 5000 Franken, richten sich an bereits erfahrene Systemverantwortliche und Applikationsentwickler, die nun spezifisches Sun-ONE-Know-how erwerben wollen. Ausserdem gibt es bei Sun zahlreiche webbasierte Ausbildungsangebote.




• Auch Oracle setzt für Instruktion und Support von Entwicklern stark aufs Web - online sind zum Beispiel sämtliche Manuals und Anwendungsbeispiele abrufbar. Die Oracle-Website präsentiert auch einen äusserst ausführlichen Katalog von Kursen der "Oracle University", die für die Schweiz am Oracle-Sitz in Baden-Dättwil stattfinden. Ein Beispiel: der fünftägige 9iAS-Administrationskurs zu 3704 Franken.




IBM ist seit jeher bekannt für ein umfassendes Schulungsprogramm. Neben allgemeinen Kursen zu Java, objektorientierter Programmierung und J2EE-Patterns führt die Liste spezielle Kurse zu Administration und Tuning des WebSphere-Servers auf.




• Bei Macromedia geht's etwas schneller. Autorisierte Trainingspartner, hierzulande zum Beispiel Infinigate in Rotkreuz , bieten die zwei Kurse "Fast Track to ColdFusion MX" (3 Tage, 2490 Franken) und "Advanced ColdFusion Development" an (mit Themen wie Kapselung in Komponenten, Webservices und Anbindung an Flash-Interfaces). Auch Macromedia hält daneben verschiedene Online-Trainingsmöglichkeiten bereit.



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