Editorial

Bruderzwist im Hause Open Source


Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2005/02

     

Der Fight, mit dem die Unix-Rechteinhaberin SCO die ihrer Meinung nach böse Linux-Gemeinde zu Boden bringen will – bisher erfolglos –, ist sattsam bekannt. Im Dunstkreis der offenen Quelle finden aber immer wieder Scharmützel statt. Eine der aktuelleren Streitigkeiten spielte sich letzten Herbst zwischen den Open-Source-CRM-Projekten SugarCRM und Vtiger ab.





Die Fakten: SugarCRM war zuerst da und gilt als vielversprechend. Neben der freien Version bieten die Entwickler auch eine kostenpflichtige Variante an. Vtiger, beheimatet in Indien, nahm im Sommer 2004 den kompletten Code der ersten SugarCRM-Version, packte Apache, MySQL und PHP dazu, verpasste dem Ganzen eine idiotensichere Installationsroutine und bot das Paket unter eigenem Label an.






Der Vorwurf folgte auf dem Fuss. SugarCRM-Projektmitglied John Roberts klagte die Vtiger-Leute scharf an: «Vtiger ist eine Lüge. Das legale Produkt heisst SugarSales und kommt von SugarCRM, Inc.» Man finde es nicht sehr cool, dass die Vtiger-Leute die Urheberschaft einer Software in Anspruch nähmen, zu der sie keine einzige Zeile Code beigetragen hätten. Das entspreche nicht dem Geist von Open Source.





Die eingeschnappte Reaktion des Sugar-Teams mag eine gewisse Berechtigung haben. Man hat schliesslich viel Herzblut in die Software gesteckt und fühlt sich hintergangen, wenn andernorts profitiert wird. Nur: Die Übernahme bestehenden Codes in eigene Produkte ist exakt der Sinn von Open Source, und gar nichts hat Vtiger denn doch nicht beigetragen: Nach Aussage zahlreicher User ist die «Tubelsicher-Installation» eine höchst willkommene Anreicherung. Ausserdem stimmt es nicht, dass Vtiger Urheberschaftsansprüche anmeldet – im Gegenteil: Auf jeder Seite erscheint ein fast schon störender Footer, der deutlich auf SugarCRM hinweist.





Demgegenüber wirkt das Geschäftsmodell der SugarCRM, Inc. schon eher wie eine Verletzung des Open-Source-Gedankens: An verschiedener Stelle positioniert die Sugar-Website die freie Version mehr oder weniger klar als Probelauf-Variante; wer dann Blut geleckt hat, soll eine kommerzielle Lizenz lösen. Open Source in erster Linie als Köder, der zahlende Kunden anlocken soll – mindestens fragwürdig!





Rechtlich gibt es am Vorgehen von Vtiger nicht das Geringste auszusetzen: Die damals gültige «SugarCRM Public License (SPL)» ist eine Variante der Mozilla Public License 1.1. Die Hauptänderung: Exhibit B verbietet Weiterverwertern ausdrücklich, Logo und Marke von SugarCRM in die eigenen Produkte zu übernehmen, was Vtiger auch nicht getan hat.
In der Zwischenzeit hat SugarCRM die Lizenzbedingungen allerdings geändert: Wer die neue Version 2 in Eigenentwicklungen einbaut, muss auf jeder Seite deutlich das Sugar-Logo präsentieren – man verlangt nun also das exakte Gegenteil dessen, was ursprünglich gefordert war. Die Erfahrung mag als Tip für andere OS-Entwickler nützlich sein: Man überlege sich genau, was man will, und wähle die Lizenz entsprechend. Am besten von Anfang an; die nachträgliche Lizenzänderung bei Sugar wirkt unprofessionell.





Ein gewisser anfänglicher Professionalitätsmangel ist denn auch das Einzige, was man dem Vtiger-Team vorwerfen kann. Auf der Website waren zum Beispiel monatelang keine Kontaktangaben zu finden, und man hat in überschwenglicher Befolgung der Maxime «release early and often» etwas zu early released, nämlich bevor sich das Vtiger-CRM deutlich von der Sugar-Mutter unterschied. Diese Fehler wurden korrigiert – heute bietet Vtiger Features, die Sugar nicht hat, und umgekehrt. Es sind zwei attraktive Produkte entstanden, und die Welt ist wieder in Ordnung.

(ubi)


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