Editorial

Heilmittel gegen Messemüdigkeit gefunden?


Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2004/10

     

Sie haben's endlich geschnallt: Die Schweiz verträgt einfach keine zwei grossen IT-Messen pro Jahr. Nicht ganz unerwartet, aber dennoch völlig wie aus dem heiteren Himmel, verkündeten Messe Schweiz AG und Reed Messen Schweiz AG am elften Mai den «D-Day in der Schweizer ICT-Messeszene»: Die bisher separaten Branchenevents Orbit (Basel) und Internet Expo (Zürich) werden zusammengefasst; eine eiligst zusammengeschusterte Website gibt es auch schon www.orbit-iex.ch.




Die neue Kombination, sinnigerweise «Orbit-iEX» genannt, findet Ende Mai 2005 statt, und zwar in Basel man hofft optimistisch auf so viele Aussteller, dass die Zürcher Hallen für die neue Veranstaltung zu klein wären. Damit zwischen Limmat und Rhein alles seinen rechten Gang geht, ist fürs Strategische ein paritätisch aus je drei Vertretern der beiden Messeveranstalter zusammengesetztes Führungsgremium zuständig. Die operative Seite jedoch wird dem bisher für die iEX verantwortlichen Team der Reed-Tochter Exhibit obliegen, ergänzt durch den vormaligen, bereits zur letzten Orbit zum Key-Account-Manager abgestiegenen Orbit-Leiter Walter Gammeter. Der Chef des Ganzen wird Giancarlo Palmisani heissen. Soweit die Fakten, nun einige Gedanken dazu:






• Grundsätzlich ist die Nachricht eine gute. Zwei zuletzt serbelnde Messen, darunter eine mit ständig wechselndem, nichtsdestoweniger aber immer erfolgloserem Konzept, haben eindeutig weniger Chancen als eine klar auf Business-Anwender fokussierte Gesamtschau.


• Auch die Zuständigkeiten lassen hoffen. Die Messe Schweiz AG zeigte sich gegenüber potentiellen und real existierenden Orbit-Ausstellern nicht gerade als flexibel, serviceorientiert und kulant im krassen Gegensatz übrigens zur Uhren- und Schmuckmesse, einer heiligen Kuh, für die jeweils die halbe Stadt auf den Kopf gestellt wird. Die Orbit-Messeleitung war bei vielen Teilnehmern als geradezu arrogant verschrieen. Es ist gut, dass bei der Orbit-iEX nun das zeitgemässere Exhibit-Team zum Zug kommt.


• Leichte Skepsis kommt, selbst für mich als Wahlbasler, beim Standort Basel auf die Tatsache, dass die oft Zürich-orientierten Aussteller für die Orbit jeweils teure Hotelzimmer buchen mussten, statt ihre Mitarbeiter abends einfach nach Hause zu schicken, hat nicht unerheblich zum galoppierenden Ausstellerschwund beigetragen.


• Auch viele Besucher kommen aus der Region Zürich und müssen auch künftig den weiten Weg ans Rheinknie auf sich nehmen. Den Traum von der international bedeutenden Leitmesse im Stil einer Zweit-Cebit hat man in Basel mit dem Auslaufen der Comdex-Lizenz ja endgültig ausgeträumt.


• Zürich hat zudem jetzt definitiv keine ICT-Messe mehr eine Chance für einen neuen Veranstalter, der dann wiederum ein aufreibendes Konkurrenzderby in Gang bringt? Sinnvollere Abhilfe gegen die drohende Leere in Oerlikon könnte folgende Überlegung bringen: Es gibt hierzulande keine consumer-orientierte High-Tech-Ausstellung mehr. Keine Logic, keine Fera, keine Orbit Home. Obwohl der durchschnittliche Mediamarkt den Verkaufsaspekt einer solchen Veranstaltung fast schon abdeckt, glaube ich doch, dass eine informative Consumer-IT-Messe mit Fokus auf das vielzitierte digitale Heim durchaus auf Publikumsinteresse stossen könnte.


• Zweifel habe ich, ob sich abgesprungene Orbit-Aussteller so einfach für den neuen Kombi-Event zurückgewinnen lassen. Gerade auf den KMU-Markt fokussierte kleinere und grössere Schweizer Softwareanbieter haben in den letzten Jahren in der Windischer Topsoft eine kostengünstige Alternative gefunden. Nur aus Prestigegründen dürften Aussteller dieser Couleur heute kaum noch an einer teuren Grossmesse teilnehmen. Hier sind Innovationen wie Gemeinschaftsstände und «Messen in der Messe», aber auch schlicht und einfach ausstellerfreundlichere Standpreise gefragt.

(ubi)


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