Editorial

Stossgebet eines verzweifelten IT-Konsumenten

Es wäre ja amüsant, wenn es nicht so lästig wäre. Die Rede ist von Unzulänglichkeiten, mit denen die IT-Industrie ihre Produkte und die zugehörige Dokumentation ausstattet.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2002/13

     

Es wäre ja amüsant, wenn es nicht so lästig wäre. Die Rede ist von Unzulänglichkeiten, mit denen die IT-Industrie ihre Produkte und die zugehörige Dokumentation ausstattet.



Manchmal kommt man beinahe zum Schluss, es geschehe mit voller Absicht - Entertainment included. Aller Vermutung nach dürften die unten geschilderten Nettigkeiten aber doch eher unfreiwillig passieren. Die Rangliste:


Platz 1: Die Software funktioniert nicht

Böse Zungen behaupten seit jeher, vor allem die grössten Softwarehersteller brächten ihre Erzeugnisse im Betastadium auf den Markt, um dann schon kurz nach der Einführung die ersten "Patches" oder "Service Packs" nachzuliefern, die von besonders frechen Anbietern sogar als "Updates" verkauft werden. Wohl nicht zuletzt deshalb kommen Studien zum Schluss, die dank Softwaregebrauch entstandene Produktivitätssteigerung werde durch ständiges Tunen, Reinstallieren und Aufpäppeln der eingesetzten Pakete grösstenteils wieder aufgefressen: Die Mitarbeiter arbeiten für die Software statt umgekehrt.



Interessanterweise trifft das Phänomen mehrheitlich die Softwarewelt. Die Produzenten von Hardware hätten viel zu viel zu tun, wenn sie ständig fehlerhafte Produkte austauschen müssten und sind deshalb vorsichtiger, bevor sie etwas an den User bringen. Gleiches gilt für die Welt ausserhalb der IT - keine Firma, die Beutelsuppen oder Golfschläger verkauft, könnte sich die laxe Art erlauben, mit der Softwareproduzenten ihre Ware vermarkten, es sei denn, sie liesse sich gerne von Sammelklägern beuteln und schlagen.





Platz 2: Updateitis

Auch hier gilt: Es betrifft fast nur Software. Es ist ja schön, wenn ein Produkt ab und zu mit neuen Features ergänzt und auf den aktuellen Stand der Technik gebracht wird. Aber doch bitte nicht in dem Turnus, der beispielsweise bei Linux-Distributionen herrscht. Schon die jährliche Neuauflage eines geliebten Pakets strapaziert die installatorische und vor allem auch die finanzielle Geduld des Users massgeblich; wenn die Updates aber schon fast im Monatsrhythmus daherkommen, wird es eindeutig zuviel.



Ins gleiche Kapitel geht die neue Produktegeneration, die sich übers Internet selbst nachführt - oder fast von selbst. Bei Virenschutzprogrammen mag die Autoupdate-Funktion ja sinnvoll sein, aber das dauernde aufmüpfige Blinken des Realplayer-Icons nervt mich ebenso wie die fast permanent erscheinende Popup-Sprechblase von Windows 2000, die auf "wichtige Updates" hinweist - es ist nicht gerade ein Indiz für die Qualität eines Produkts, wenn es ohne Unterlass auf den neuesten Stand gebracht werden muss.





Platz 3: Dokumentation futsch

Punkto Dokumentation lassen sich die Hersteller ja so einiges einfallen. Zum Beispiel so: Auf den ersten Blick erhält man ein wunderbar dickes Manual - da sind wohl unglaublich viele Informationen drin. Der zweite Blick zeigt dann aber, dass schlicht und einfach die selben, spärlichen Grundangaben in mindestens fünf Sprachen abgedruckt sind - so zum Beispiel bei Nero Burning ROM, Version 5. Dafür fehlen dann Details zu Punkten wie DVD-Burning. Im Fall von Nero kommt noch eine häufig anzutreffende Missliebigkeit hinzu: Wieso braucht es eigentlich für eine CD und ein einzentimeterdünnes Manual eine Riesenschachtel?



Dokumentationswust praktiziert auch Sony gerne: Jedem Discman, jedem Videorecorder und so weiter liegen mindestens drei verschiedensprachige Manuals bei, von denen bei mir jeweils zwei direkt nach dem Kauf in den nächsten Papierkorb wandern. Logisch ist das Verfahren wohl profitabel; es braucht nur eine SKU (Stock Keeping Unit) für alle möglichen Länder. Es ist aber weder umweltfreundlich noch schont es die Nerven des Verbrauchers.





Platz 4: Version passée

Nicht nur lästig, sondern in hohem Mass verwirrend ist folgende Praxis: Schon beim Erscheinen eines neuen Produkts ist die Bedienungsanleitung veraltet. So verkündet eine Spezialnotiz zum neuesten Compaq-PDA, man möge doch das "Getting Started" Manual bei der Inbetriebnahme des Geräts auf keinen Fall berücksichtigen, sondern sich an die Anweisungen des Beiblatts halten.



Oftmals ist auch die mitgelieferte Software-CD schon weg vom Fenster. Ohne zunächst einige Megabyte von der Hersteller-Website herunterzuladen, lässt sich das Produkt dann gar nicht erst benutzen. Mein freundlicher Ratschlag an die Hersteller: Erst denken, dann ausliefern!



Artikel kommentieren
Kommentare werden vor der Freischaltung durch die Redaktion geprüft.

Anti-Spam-Frage: Vor wem mussten die sieben Geisslein aufpassen?
GOLD SPONSOREN
SPONSOREN & PARTNER