Urs Binder: Apple's iPod - Durchbruch oder Ausbruch?

Die letzte echte Sensation bei Apple Computer war der Power Macintosh vor gut zehn Jahren.Seither vernimmt man - leider - aus Cupertino nichts mehr Revolutionäres.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2001/41

     

Die letzte echte Sensation bei Apple Computer war der Power Macintosh vor gut zehn Jahren. Immerhin handelte es sich damals um den ersten PC auf RISC-Basis. Er lehrte punkto Performance der gesamten Konkurrenz das Fürchten. Seither vernimmt man - leider - aus Cupertino nichts mehr Revolutionäres: G3 und G4 sind natürliche Weiterentwicklungen des ursprünglichen PowerPC-Prozessordesigns. Der iMac war zwar der erste PC, der voll auf USB setzte, sieht ansonsten jedoch in erster Linie nett aus. Notebooks mit Riesenbildschirm gab es schon vor dem PowerBook G4. Mac OS X ist Unix mit zugegebenermassen äusserst attraktiver Oberfläche, aber eben halt nichts weiter als Unix - Protection und Multitasking kennt Windows NT schon lange. Einzig der Ur-PDA Newton ist als genuine Novität erwähnenswert, aber der war seiner Zeit irgendwie zu weit voraus.


Durchbruch Ende Oktober?

Gerade rechtzeitig aufs Weihnachtsgeschäft 2001 sagte das Haus Jobs einen "Durchbruch" voraus. Mit Spannung warteten die interkontinentale Mac-Fangemeinde ebenso wie die IT-Branche im allgemeinen, was denn nun dem Hersteller mit der angebissenen Frucht den Durchbruch bringen sollte.



Die Produktvorstellung Ende Oktober erwies sich als klare Antiklimax: Das neue Ding ist kein Quantensprung, wie es zum Beispiel ein perfekt Englisch sprechender Computer mit dreidimensionaler Holoprojektion statt Bildschirm und Gesamtgewicht 77 Gramm wäre. Die Zeiten atemberaubender Innovationen sind vorbei, Abteilungen wie ein "Advanced Technology Lab" hatten auch bei Apple einem rigorosen Sparkurs zu weichen.





Diversifikation statt Konzentration

Interessanterweise folgt das neuangekündigte Produkt dennoch nicht der gegewärtig gängigen Business-Doktrin, sich aufs Kerngeschäft zu konzentrieren. Der iPod, wie das neue Apple-Gadget heisst, führt den Computerhersteller in die Domäne der Unterhaltungselektronik. Es handelt sich nämlich um einen portablen MP3-Player mit Harddisk, vulgo auch Jukebox genannt. Also eher ein Ausbruch aus der reinen Computing-Ecke als ein technologischer Durchbruch. Mitentscheidend für die neue Unternehmensstrategie mag die Tatsache sein, dass Entertainment auch in schlechten Zeiten einer der bestfunktionierenden Industriezweige bleibt.



Neu ist das Produktekonzept nicht - die Urmutter von Hango und das Populärmodell von Creative gab es schon im letzten Jahrtausend zu kaufen. Auch der Speicherplatz ist mit fünf Gigabyte nicht sensationell gross. Und ob die Entscheidung, den Genuss des iPod bis auf weiteres einzig den Mac-Usern zuzugestehen, korrekt ist, wird der Markt weisen. Die Absicht dahinter ist offensichtlich, die Mac-Plattform als "Digital Hub" durch zusätzliche Produkte vom Rand des Computing-Universums her zu festigen.




Immerhin wartet die Apple-Inkarnation der MP3-Jukebox mit Verbesserungen auf. So beweist Apple einmal mehr, dass man bei der User Friendliness nach wie vor Spitze ist: Im Gegensatz zur gelegentlich kryptischen Bedienung vergleichbarer Geräte bietet das iPod eine kristallklare Oberfläche, die zudem der bekannten iTunes-Software gleicht, und lässt sich durch ein prominent angebrachtes Scrollrad bequem steuern. Angenehm machen sich auch die geringen Dimensionen (10x6x2 Zentimeter bei 185 Gramm) bemerkbar, und der Download von Musikdateien oder anderen Daten geht dank FireWire-Interface rasend schnell vor sich.



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