Editorial

Trends kann man nicht erzwingen

Technologien, die die Welt nicht braucht, gibt es viele. Ob die Welt den Tablet PC braucht, wird sich zuerst noch weisen müssen.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2002/25

     

Technologien, die die Welt nicht braucht, gibt es viele. Ob die Welt den Tablet PC braucht, wird sich zuerst noch weisen müssen. Einige Zweifel sind auf jeden Fall angebracht, obwohl sich Microsoft und die unterstützenden Hardware-Hersteller alle erdenkliche Mühe geben, die Tablet PCs zu Hoffnungsträger für die IT-Industrie hochzustilisieren, denn wir befinden uns ja in einer Krise. Und das schon seit Monaten.



Bereits im Frühjahr sagte Intel-CEO Craig Barrett, der einzige Weg aus einer Rezession bestehe darin, neue Produkte und Technologien auf den Markt zu bringen, welche die Anwender begeistern. Microsoft hat offenbar ähnliches gedacht und das Tablet-PC-Konzept geboren. Für den Software-Konzern ist dieses Vorgehen im Grunde genommen neu. Bis jetzt hat sich Microsoft auf neue Märkte erst dann eingelassen, wenn ein anderer Hersteller zuvor schon den Beweis erbracht hatte, dass damit viel Geld verdient werden kann. Das Paradebeispiel ist hier sicherlich der PDA, bei dem sich Microsoft zwar anfangs schwer tat, mittlerweile aber erfolgreich ist und Palm vor allem im Business-Umfeld das Leben schwer macht. Ein zweites, aktuelleres Beispiel ist der Konsolenmarkt, von dem sich Microsoft viel verspricht - obwohl man bis jetzt bei der XBox keineswegs von einem Erfolg sprechen kann.




Dasselbe mehr oder weniger erfolglose Schicksal könnte auch den Tablet PCs blühen, die im November auf den Markt kommen sollen (siehe Bericht auf Seite 8). Die Gefahr besteht nämlich, dass die Produkte nur ein Nischendasein fristen werden. Denn, Hand aufs Herz: Haben sich Webtablets am Markt durchgesetzt? Nicht dass ich wüsste. Beim einen
Tablet-PC-Konzept wird es sich aber tatsächlich um Geräte handeln, die eigentlich auch als Webtablets durchgehen könnten. Sie lassen sich zwar über eine drahtlose Tastatur ansteuern, im wesentlichen sollen sie aber via Stift bedient werden.



Vielversprechender sind sicherlich jene Tablet PCs, die sich auf den ersten Blick kaum von herkömmlichen Notebooks unterscheiden lassen. Sie haben eine Tastatur, lassen sich aber, wenn es denn sein muss, auch in ein Webtablet verwandeln, indem das Keyboard weggeklappt wird. Weshalb man diesen Tablet PCs nicht auch ganz einfach weiterhin Notebooks sagen kann, verstehe ich nicht. Es muss ja nicht immer gleich ein neuer Begriff ausgeheckt werden für ein Produkt, das nur ein paar Zusatzfunktionen mehr bietet als ein bestehendes Erzeugnis, auch wenn dafür eigens Windows XP Tablet Edition entwickelt wurde. Vielmehr noch, weil selbst Microsoft ins Feld führt, dass es sich bei Tablet PCs um ausgewachsene Rechner handelt.



Ob zudem eine Vielzahl der Anwender die Stifteingabe der Tastatur und der Maus vorzieht, bezweifle ich. Ich für meinen Teil bin beim Schreiben und Navigieren über die Tasten um einiges schneller als mit Stift und Klaue, und das hat sicher nicht nur damit zu tun, dass ich Linkshänder bin. Es gibt genug Beweise dafür, dass es nur in Ausnahmefällen gelungen ist, Produkttrends zu erzwingen. PDAs zum Beispiel waren auch nicht von Beginn weg ein Renner, aber offensichtlich war etwas dran, dass sie so boomten. Bei den Tablet PCs sehe ich nicht, weshalb sie zu einem Kult-, Trend- oder Was-auch-immer-Objekt werden sollen. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.




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