Cloud Computing, wie es HP sieht

Cloud Computing, wie es HP sieht

7. September 2009 - John Manley, ursprünglich Quantenphysiker, ist heute Direktor eines HP-Forschungslabors. Im Interview gibt er Auskunft über die Cloud-Strategie seines Unternehmens.
Artikel erschienen in IT Magazine 2009/09

Anlässlich einer Kundenveranstaltung von HP Schweiz hielt John Manley, Direktor des Automated Infrastructure Laboratory von HP in Bristol, Grossbritannien, eine Keynote-Ansprache zum Thema Cloud Computing. Swiss IT Magazine hat die Gelegenheit genutzt, aus erster Hand mehr über die Cloud-Strategie von Hewlett-Packard zu erfahren.


Swiss IT Magazine: Herr Manley, wie definieren Sie Cloud Computing?

Auf den ersten Blick scheint Cloud Computing etwas ziemlich Kompliziertes zu sein, weil es so viele unterschiedliche Ansichten darüber gibt. Aus meiner Sicht sollte man es aber möglichst einfach erklären: Während man das heutige Web als globales Informationsreservoir sehen kann, ist die Cloud ein weltweites Reservoir voller Funktionalität. Was immer ein Anwender – egal ob Grossunternehmen, KMU oder Privatperson – an Funktionen benötigt, sollte in der Cloud als Service zur Verfügung stehen – und zwar immer dann, wenn er es braucht, und entweder anhand der tatsächlichen Nutzung verrechnet oder sogar kostenlos.


Wie müssen die Cloud-Dienste beschaffen sein, um dieser Anforderung zu genügen?


Die Services müssen so bereitgestellt werden, dass man sie als Nutzer sofort versteht und anwenden kann. Die dahinterstehende Komplexität wird voll und ganz in der Cloud selbst verwaltet, so dass der Anwender nichts davon merkt. Ausserdem braucht es Garantien bezüglich Sicherheit, Zuverlässigkeit und Kosten.


Einfach wird Cloud Computing unter anderem dadurch, dass der Anwender weiss, was es an Services überhaupt gibt. Braucht es dazu eine zentralisierte Verwaltung?


Nein – ich sehe vielmehr einen vielfältigen Markt mit den unterschiedlichsten Service-Providern, Tradern, Aggregatoren und Brokern. Wenn man einen bestimmten Service sucht, wendet man sich an einen Broker oder Trader, der auf das gewünschte Gebiet spezialisiert ist, viele derartige Services gewissermassen en gros einkauft und so vielleicht sogar günstiger anbieten kann.


In Ihrer Präsentation erwähnen Sie die «Zelle» als kleinste Einheit für die Implementation von Cloud-Services. Wie sieht dies in der Praxis aus?


Cloud Computing basiert grundsätzlich darauf, dass sich viele Nutzer eine gemeinsame Infrastruktur teilen – wir sprechen auch von einer «Multi-Tenant»-Umgebung. Nehmen wir an, sie wollen als Entwickler Ihre Software als Cloud-Service bereitstellen. Zu Beginn brauchen Sie dazu vielleicht zehn Server, eine bestimmte Menge Speicher, und das Ganze soll vernetzt sein. Diese Anforderungen beschreiben Sie in Form eines Modells. Auf dieser Basis sucht ein automatisiertes Cell-Management-System die benötigten Ressourcen aus der Cloud zusammen, im Normalfall sogar bei verschiedenen Infrastruktur-Service-Providern, und stellt daraus exakt das gewünschte System in Form einer virtualisierten Zelle zusammen.

Die Zelle dient laut Ihren Ausführungen auch der Sicherheit in der Cloud …


Wir verwenden nicht von ungefähr biologische Terminologie: Die Zelle hat analog zu den Zellen, aus denen Lebewesen bestehen, eine semipermeable Membran. Was in der Zelle stattfindet, bleibt voll und ganz innerhalb der Zelle. Von aussen, also übers Internet, gibt es nur einen stark kontrollierten Zugang, der es gerade ermöglicht, die Funktionen der Zelle als Service zu nutzen. Der Anbieter des Dienstes kann seine Software über ein spezielles Interface konfigurieren und so zum Beispiel auf den neuesten Stand bringen. Ansonsten ist kein Zugriff auf das Innere der Zelle erlaubt – sogar die beteiligten Infrastruktur-Anbieter haben nur einen sehr begrenzten Zugang. Das einzige, was die Infrastruktur-Provider interessiert, ist die optimale Nutzung ihrer Ressourcen. Als erstrebenswertes Ziel sehe ich hier eine Auslastung von 80 Prozent.


Ein weiteres Sicherheitselement: Eine Zelle bietet per se ja nur eine ganz bestimmte Funktionalität. Aus diesen einfachen Bausteinen lassen sich nach Bedarf sehr rasch auch komplexere Services zusammenstellen – aber nur, wenn dies durch entsprechende Regeln ausdrücklich erlaubt ist. Ohne solche Policies kommunizieren die Zellen nicht miteinander.


Wie wird sich der Cloud-Computing-Markt auf dieser Grundlage entwickeln?


Ich denke, es wird folgendes geschehen: Auf Basis von anfänglich einfachen, allgemein gehaltenen Low-Level-Services entstehen komplexere Cloud-Dienste. Irgendwann ist dann der Punkt erreicht, an dem umfangreiche Services angeboten werden, die sich vornehmlich für ganz bestimmte Anwendungen und Anwendersegmente eignen – zum Beispiel für Betriebe der Maschinenindustrie in der EU mit weniger als 500 Mitarbeitern, oder für die Pharmabranche im asiatisch-pazifischen Raum. Die Cloud-Services werden also nicht nur immer komplexer, sondern auch immer spezifischer. Dies gilt sowohl für die Ausrichtung auf vertikale Branchen als auch im Hinblick auf die Grösse der Unternehmen, die einen Service nutzen. Hier kommt für HP übrigens auch die Akquisition von EDS ins Spiel: Wir verfügen dadurch über umfassendes Insiderwissen in den verschiedensten Kundensegmenten.


An welchem Punkt stehen wir heute? Existieren bereits vertikale, Cloud-basierte Anwendungen?


Man kann im Cloud Computing ja auf zwei Arten vorgehen: Entweder man fängt ganz unten mit den erwähnten Low-Level-Services an und baut langsam darauf auf – dann erreicht man vielleicht in zehn Jahren die Spitze. Oder man entscheidet sich, gleich von Anfang an eine komplette Anwendung von A bis Z zu bauen, aber eben nur für eine ganz bestimmte Funktion. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse helfen einem, danach auch andere Anwendungen rascher umzusetzen.


Ich finde, dieser zweite Approach ist der richtige. Mit einem Rendering-Service für 3-D-Animation sind wir genau so vorgegangen: HP bot als ersten Versuch die 3-D-Software Maya, die sich von den Lizenzbedingungen her gut dafür eignet, als Cloud-Service an. In der Folge haben wir das Spektrum erweitert – inzwischen gibt es Cloud-Services für wissenschaftliche Anwendungen wie flüssigkeitsdynamische Berechnungen und Monte-Carlo-Simulationen, aber selbstverständlich auch für Geschäftsanwendungen bis hin zu SAP.


Die Cloud erweitert sich also gerade heute von rein horizontalen Basisdiensten hin zu vertikalen Anwendungen. Im Moment ist eine regelrechte Explosion zu beobachten – viele Softwareanbieter, Systemintegratoren und andere IT-Dienstleister bewegen sich in der Cloud. HP selbst bietet im Rahmen des «Cloud Assurance»-Programms die von Mercury übernommenen IT-Management-Anwendungen als Cloud-Services an. Das Business Availability Center kann zum Beispiel als Produkt lizenziert oder als Dienst abonniert werden.

Was ist für den Softwareanbieter einfacher: eine bestehende Anwendung in einen Cloud-Service umzuwandeln oder die Funktionalität komplett neu zu entwickeln?


Stellen Sie sich vor, Ihre herkömmliche Software wird von einem Anwender genutzt und beansprucht dafür eine bestimmte Menge an Ressourcen, den sogenannten Footprint. Für einen zweiten Nutzer wird eine weitere Instanz gestartet, die wiederum den gleichen Ressourcenbedarf hat. Hundert User benötigen die hundertfache, eine Million die millionenfache Kapazität. Die Nutzer werden in diesem Fall durch Virtualisierung oder gar physische Trennung voneinander abgegrenzt.


In einer echten Multi-Tenant-Umgebung möchte man dagegen, dass alle User auf eine einzige Instanz der Software zurückgreifen. Dann muss aber die Anwendung selbst mit mehreren parallelen Nutzern umgehen können und die Abgrenzung buchstäblich in jeder Ecke der Software garantieren. Die Mehrheit der existierenden Anwendungen dürfte damit Schwierigkeiten haben: Es ist nicht einfach, «alten» Applikationen Multi-Tenant-Fähigkeit beizubringen. Ich erwarte aber, dass es immer mehr Werkzeuge geben wird, die den Entwicklern den Bau neuer, wirklich Multi-Tenant-fähiger Software erleichtern.


Welche Bedeutung hat Cloud Computing für kleine und mittlere Unternehmen?


Im Grossunternehmen gibt es meist eine umfangreiche IT-Abteilung. Als KMU hat man nur eine beschränkte IT-Kapazität – und gerade dann kann sich Cloud Computing als nützlich erweisen. Ein Beispiel aus unserer Praxis ist das Visual-Effects-Studio 422, eine relativ kleine Firma, die viele Animationen unter anderen für die BBC erstellt. 422 hat zwar ein Data Center mit etwa 60 Servern, diese werden aber gleichzeitig für viele Projekte genutzt. Wir haben 422 den Rendering-Service zur Verfügung gestellt, den ich bereits erwähnt habe – und endlich konnten die Animationsspezialisten auch die rechenintensivsten Optionen von Maya aktivieren, zum Beispiel die naturgetreue Darstellung von Wasser, die bisher wegen der beschränkten Rechenkapazität tabu waren. Enstanden ist der Animationsfilm «The Painter», den man ohne rot zu werden auch an einem Filmfestival zeigen könnte. Das Fazit: Cloud Computing erlaubt es 422, kreativere und bessere Resultate zu erzielen und so mit Firmen zu konkurrieren, die ein viel grösseres IT-Budget haben. Ganz ähnlich gilt dies auch für andere Firmen und Branchen.


422 musste übrigens für das Modeling und die Animation des Films keine neue Software installieren, sondern konnte die bereits bekannten Tools nutzen. In Zukunft dürfte die Mehrzahl der Anwender für die Nutzung von Cloud-Services sogar nichts weiter als einen Browser benötigen. Die Komplexität wird zu 98 Prozent durch den Service-Provider abgefangen. Das ist unter anderem der Job von HP.


Lohnt es sich auch für HP, solche Cloud-Services anzubieten?


Der IT-Markt wird sich immer mehr von traditionellem Verkauf von Hardware und direkt damit verbundenen Supportleistungen in Richtung Dienstleistungsgeschäft bewegen – diese Entwicklung hat bereits eingesetzt. Dank weitgehender Automation, und genau hier kommt unser Automated Infrastructure Laboratory zum Zug, wird es zudem mit zunehmendem Bedarf immer günstiger, Cloud-Services bereitzustellen. Cloud Computing macht sich also durchaus auch für den Anbieter bezahlt.


(ubi)

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