Interview: "Privatsphäre heisst nicht, etwas verstecken zu müssen"

Interview: 'Privatsphäre heisst nicht, etwas verstecken zu müssen'

Interview: "Privatsphäre heisst nicht, etwas verstecken zu müssen"

(Quelle: SITM)
Artikel erschienen in IT Magazine 2019/06
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8. Juni 2019 -  Nationalrat Balthasar Glättli zu den jüngsten Entwicklungen um das Schweizer Datenschutzgesetz und der zentralen Rolle von Datenschutz in einer Demokratie.
Balthasar Glättli, Nationalrat und Fraktionsvorsitzender der Grünen Partei, ist eine exponierte ­Figur bei Datenschutz­themen und bringt mehrjährige Berufserfahrung aus der IT-Branche mit sich. Als Mitglied der staatspolitischen Kommission setzt er sich politisch auch mit dem Datenschutz in der Schweiz auseinander. Gerade die Revision des Schweizer Datenschutzgesetzes (DSG) ist derzeit aktuell und soll 2020 einen Abschluss finden. Glättli traf sich zum Gespräch mit "Swiss IT Magazine" in der Time Lounge am HB Zürich.

"Swiss IT Magazine": Herr Glättli, als Nationalrat und Fraktionsvorsitzender führen Sie ein Leben in der Öffentlichkeit. Wie setzen Sie Ihre eigene Privatsphäre und ihren persönlichen Datenschutz durch?
Balthasar Glättli: Wenn man von Datenschutz spricht, muss man sich bewusst machen, dass "Privatsphäre" nicht zwingend heisst, dass man etwas verstecken muss. Es geht darum, die Kontrolle darüber zu haben, welche Informationen in welchen Kontext gehören. Bruce Schneier (US-Amerikanischer IT-Security-­Veteran, Anm. d. Red.), für mich ein Vorbild in ­Sachen Sicherheit und Privacy, sagte vor Jahren: "Privacy is not about Secrecy, it’s about Control of the ­Context."

Sie gestalten Ihren eigenen Datenschutz also kontextbedingt in verschiedenen Rollen?
Natürlich bin ich eine öffentliche Person, zu dieser Person gehört aber eben nur das, was mit meiner Rolle als Politiker zu tun hat. Ich posiere beispielsweise nie mit meiner jungen Tochter für Bilder, sie soll später selbst entscheiden können, ob sie eine öffentliche Person sein will und welche Rolle sie dort einnimmt. Bei mir selbst sieht man in der Rolle des Politikers online aber natürlich die politische Gesinnung, damit man weiss, für was ich stehe, auch wenn das grundsätzlich besonders schützenswerte Daten wären. Ich respektiere meinerseits aber alle, die ihre politische Haltung als Privatsache sehen. Privat ist bei mir hingegen meine Wohnung; ich hätte viele Home-Stories mit Journalisten machen können und habe alle abgelehnt.
Sie haben 2013/2014 öffentlichkeitswirksam Ihre eigenen Bewegungs- und Kommunikationsdaten eines halben Jahres herausgegeben. Was haben Sie aus der Aktion gelernt?
Je näher der Moment kam, an dem der Datensatz öffentlich wurde, desto mulmiger wurde es mir damals. Anfangs hatte ich mir in der Rolles des Aktivisten gesagt, dass das eine gute Sache ist. Letztlich sieht man dabei aber viele Muster meines Lebens, wie etwa, wo ich mich bewege. Das geht nicht zwingend die ganze Welt etwas an. Die Aktion sollte unter anderem aber genau auch zeigen, wie viel man da täglich von sich preisgibt. Bei der Kommunikation war es so, dass ich meine Kommunikationspartner schützen musste und daher viele Namen fehlen. Aber bereits die vorliegenden Daten haben zu Fragen geführt, wie etwa, warum ich mit einzelnen Personen aus der Fraktion viel mehr Kontakt habe als zu anderen und wer das wohl sein könnte. Ziel der Aktion war aber auch zu zeigen, wie mächtig Metadaten sind. Das Sammeln von Metadaten ist für mich der Prototyp des Überwachungsstaates und wir sammeln diese auf Vorrat (Abstimmung zur Vorratsdatenspeicherung 2016, Anm. d. Red.). Aber damals kam das Referendum nicht zu Stande, darum konnten wir nicht einmal eine Abstimmung verlieren – was offen gestanden wohl auch passiert wäre (lacht). Das Sammeln auf Vorrat ist in der Schweiz zwar gesetzeskonform, in meinen Augen aber eine Verletzung der Grundrechte.
 
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