Kanban bringt Transparenz in die Software-Entwicklung

Kanban bringt Transparenz in die Software-Entwicklung

Artikel erschienen in IT Magazine 2011/09
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4. September 2011 -  David J. Anderson, Begründer der «Kanban-Philosophie in der IT», ist Gast-Referent an der diesjährigen «Lean Agile Scrum Konferenz 2011» vom 14. September 2011 in Zürich. Er zeigt Wege auf, mit dem Streben nach kontinuierlicher Verbesserung (Kaizen) das Unternehmen auf ein neues Fundament zu stellen. Mit David Anderson sprach Damian Suter, CEO Captiva GmbH, Oberrohrdorf.
Damian Suter: Was verbirgt sich hinter der neuen Kanban-Methodik?
David Anderson: Kanban ist keine neue Software-Entwicklungs- oder Projektmanagement-Methodik. Vielmehr handelt es sich um eine Systematik zur Steuerung von Veränderungen mit dem Ziel, die gewünschten Resultate auch tatsächlich zu erreichen. Dabei werden bestehende Verfahren und Methoden mittels kleiner, kontinuierlicher Verbesserungsschritte optimiert.

Wie unterscheiden sich Scrum und Kanban?
Die Einführung neuer Methoden führt oft zu Veränderungen, die bei den Mitarbeitenden häufig zu grossen Widerständen führen. Kanban verfolgt das Ziel, bestehende Prozesse zu optimieren, wodurch sich vergleichsweise wenig an der gewohnten Arbeitsweise ändert. Dadurch schafft Kanban die Möglichkeit, Agilität und Vorhersehbarkeit bei minimalem Widerstand zu verbessern.

Worum geht es beim Einsatz von Kanban grundsätzlich und welchen Nutzen können die Unternehmen daraus ziehen?
Kernelement von Kanban ist die Visualisierung des Arbeitsflusses beziehungsweise aller Arbeitsschritte bis zur Fertigstellung eines Projekts. Ferner die Limitierung der Anzahl gleichzeitiger Arbeiten in jedem Arbeitsschritt (WiP-Limiten). Dadurch können von einer Stelle neue Arbeiten erst dann angenommen werden, wenn die entsprechenden Kapazitäten innerhalb der definierten Limite vorhanden sind. Durch das so geschaffene Pull-System, bei dem sich jede Station ihre Arbeit bei der vorgelagerten Station abholt, lassen sich Variabilitäten wie beispielsweise Unterbrüche oder dringende Arbeiten wesentlich besser kontrollieren.

Lassen sich mittels Kanban erreichbare Vorzüge wie etwa Leistungssteigerung der Entwicklerteams oder die Verbesserung der Produktqualität quantifizieren?
Absolut. So verweist beispielsweise eine gut dokumentierte Studie der BBC London auf eine 6,6-fache Verbesserung der ausgelieferten Software-Funktionalität. Zudem bescheinigt sie dem Einsatz von Kanban eine häufigere und regelmässigere Auslieferung von funktionierendem Code, messbare Qualitätsverbesserungen bei reduzierten Fehlerraten sowie eine deutlich gesteigerte Wirtschaftlichkeit.

Auf welchen Grundgedanken beziehungsweise Prinzipien basiert Kanban?
Die von mir entwickelte Methode Kanban basiert auf drei Grundprinzipien: Erstens: Beginne dort, wo du dich aktuell befindest. Zweitens: Komme mit allen Beteiligten überein, dass schrittweise, evolutionäre Veränderungen der Arbeitsweise angestrebt werden. Und drittens: Respektiere den bestehenden Prozess sowie die existierenden Rollen, Verantwortlichkeiten und Berufsbezeichnungen.

Sie erwähnen die Visualisierung von Arbeit und Arbeitsfluss. Was ist darunter zu verstehen und vor allem: Was wird damit erreicht?
Die Visualisierung des Arbeitsflusses und der Arbeit verschafft einen transparenten Überblick über die einzelnen Prozessschritte sowie deren aktuellen Stand. Dazu verwendet wird in der Regel ein White-Board – oft mit «Kanban-Board» bezeichnet –, wobei die einzelnen Arbeiten wie z. B. Tasks, Features oder Fehler mittels Haftnotizen oder Indexkarten festgehalten werden. Die grafische Projektdarstellung bindet die Mitarbeitenden emotional ein und dient dem besseren Verständnis der gesamten Prozesskette.
Mit der Limitierung des WiP (Work in Progress) versucht Kanban, potenzielle Engpässe sichtbar zu machen. Wie geschieht dies?
Ist eine bestimmte Stelle aufgrund der gegebenen Kapazitäten nicht in der Lage, mit der Nachfrage zeitlich Schritt zu halten, sprechen wir von einem Engpass. Hier wird pausenlos auf Hochtouren gearbeitet und trotzdem stockt der Prozess. Innerhalb eines Prozesses ist immer ein Engpass vorhanden. Allerdings verschiebt sich dieser auf Grund von Variabilitäten, z.B. unterschiedliche Ticketgrössen, Krankheit etc. Ist Kanban im Einsatz, bestimmt der Engpass das Tempo des gesamten Pull-Systems. Daraus folgt, dass Stationen ohne Engpass zeitlich freie Kapazitäten haben können. Das ist essentiell, weil so Zeit zur Prozessoptimierung verfügbar wird.

Zu den erwähnten Prinzipien gehört ebenfalls die Steuerung des Arbeitsflusses. Mit welchen Massnahmen lässt sich ein schneller, vorhersehbarer und stetiger Arbeitsfluss erreichen?
Eine Grundlage bilden die Analyse des Kanban-Boards und Messungen des Arbeitsflusses, z.B. Durchlaufzeiten. Von zentraler Bedeutung ist dabei aber das Verständnis für die Aspekte der Prozessdynamik. So beeinflussen etwa Engpässe, Variabilitäten und wirtschaftliche Kosten – zum Beispiel Transaktionskosten, Koordinationskosten etc. – die Möglichkeit, Arbeiten zeitgerecht zu vollenden, also den Fluss optimal zu gestalten und für die unterschiedlichen Anspruchsgruppen (Stakeholder) tatsächlich Mehrwert zu schaffen.

Kanban steht synonym für das Streben nach kontinuierlicher Verbesserung und verfolgt demnach den aus Japan stammenden Kaizen-Gedanken. Dieser ist in anderen agilen Methoden ebenfalls ein Thema. Welche Methodik macht sich Kanban in diesem Bereich zunutze?
Kaizen basiert auf dem Konzept der kleinen, aufeinander aufbauenden Verbesserungsschritte. Diese sogenannten Kaizen-Events werden in der Regel durch die Mitarbeitenden selbst vorgeschlagen und ohne Eingreifen des Managements umgesetzt. Die in Kanban implementierten Feedback-Mechanismen inklusive Visualisierung und Management-Reporting helfen bei der Prüfung, ob die eingebrachten Änderungen auch tatsächlich Verbesserungen sind.
 
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