«Anstatt nur Blech aufzustellen, will ich neu mitreden»

«Anstatt nur Blech aufzustellen, will ich neu mitreden»

1. Juni 2010 - Jürg Lindenmann hat die grosse und nicht einfache Aufgabe in Angriff genommen, die IT des Universitäts- spitals Basel fit für die Zukunft zu machen.
Artikel erschienen in IT Magazine 2010/06

Herr Lindemann, Sie sind nun seit etwas mehr als einem Jahr CIO des Universitätsspitals Basel und in dieser Funktion auch Mitglied der Geschäftsleitung. Diese Position gab es vorher noch nicht. Was ist neu daran?


Jürg Lindenmann: Das Universitätsspital Basel ist, soweit ich weiss, das erste in der Schweiz, das versucht die IT in die Spitalleitung zu integrieren. Ich bezeichne mich deshalb selber gerne als Experiment und habe insofern eine Pionieraufgabe inne.
Den IT-Leiter in die Geschäfts- beziehungsweise die Spitalleitung aufzunehmen ist ein sehr progressiver Ansatz. Nicht alle verstehen ihn, weil die Rolle des Spital-CIO nicht ganz klar ist. Anstatt Blech aufzustellen wie bisher will man auf einmal mitreden und mischt sich in Geschäftsprozesse ein? Wieso das?
Ich sehe meine Hauptaufgabe darin, mit dem Werkzeug IT es möglich zu machen, etwas zum Unternehmenserfolg beizutragen. Dabei ist es ein grosser Vorteil, dass ich in meinem Ressort nicht nur die IT, sondern auch die Prozessunterstützung habe. Sie nimmt für mich die Rolle ein, die den Unternehmensbedarf und die IT miteinander verbindet. Ich bin also nicht nur Vertreter von Blech, sondern auch Befähiger.

Was haben Sie in den vergangenen zwölf Monaten, seitdem Sie CIO sind, alles getan?


Der Fokus lag auf dem Aufbau meines Ressorts Informatik und Prozessunterstützung. Vor meinem Amtsantritt waren das zwei Ressorts, die es zu vereinen galt und die damals untereinander kaum harmonierten. Den ganzen Aufbau unserer Organisation habe ich schön nach ITIL vollführt, nach dem Schema Plan-Build-Run. Wir sind zudem vollständig Service-orientiert aufgestellt, was eine grosse Skalierbarkeit ermöglicht.


Was steckt dahinter, wieso vollziehen Sie derzeit diese grossen organisatorischen Veränderungen?


Den Spitälern steht 2012 eine grosse Herausforderung bevor, das neue Spitalfinanzierungsmodell. Spitäler müssen infolgedessen zu Unternehmen werden, und die IT spielt dabei eine ganz wichtige Rolle. Wir wollen mit unserer neuen Struktur in einer modernen Art und Weise aufgestellt sein, um optimal an die Managementprozesse andocken zu können. Ein Beispiel: Bisher macht unser Spital alles, das wird aber in Zukunft kaum mehr finanzierbar sein. Wir müssen also eventuelle, kommende Kooperationsmodelle IT-mässig ermöglichen. Dazu gilt es, stabilere, schnellere und flexiblere Plattformen und Organisationen zu schaffen.

Wo lagen die Hauptschwierigkeiten bei der Umstrukturierung der IT?


Die grösste Herausforderung beim Aufbau des neuen Ressorts und der neuen Struktur war, neben der bereits erwähnten Zusammenführung zweier Teams, die Leute zu befähigen mehr Eigenverantwortung zu übernehmen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass das Service-orientierte Modell funktioniert. Vorher war alles sehr hierarchisch organisiert. Wir haben Angestellte, die teilweise mehr als 30 Jahre so gearbeitet haben.
Weiter haben wir angefangen informelle Prozesse zu cutten und formelle einzuführen. Im Spital ist es üblich, dass wenn ich was will, ich das auch kriege, 7/24. Wenn man jetzt mit Change-, Projekt- oder Risk-Prozessen kommt und man nicht mehr einfach irgendwo in der IT anrufen kann, dann führt dies zu einer Zäsur, teilweise Unverständnis.
Zudem haben wir im Zuge der Reorganisation viel ausnivelliert. Früher war die Ser-viceleistung nicht gleichmässig und einheitlich im gesamten Spital verfügbar, nun versuchen wir alle unsere rund 4500 Kunden beziehungsweise Spitalmitarbeiter gleich zu behandeln. Diese Ausnivellierung führte natürlich dazu, dass man an einigen Orten über unser Vorgehen nicht sehr erfreut war, dahingegen zeigten sich einige Abteilungen überrascht, dass sich die IT neu auch um sie kümmert.


Sie haben am Kantonsspital St. Gallen bereits viele Veränderungen angestossen und durchlebt, jetzt geht’s in Basel nahtlos weiter. Wieso tun Sie sich so was an?


Sie haben recht, es gehört eine gehörige Portion Masochismus dazu IT-Chef zu sein. Man muss gerne geplagt werden wollen, im Gesundheitswesen und Spitalumfeld im Speziellen noch einen Zacken mehr. Ich frage mich manchmal selber, warum ich das mache und komme dann immer wieder zum gleichen Schluss: Ich bin davon überzeugt, dass ich mit meinem Team, also der IT, einen grossen Beitrag leisten kann, damit wir unsere Kosten bei gleichbleibender Versorgung des Patienten in den Griff, also deutlich senken können. Und dazu braucht es den Mut, die IT als Produktions- und Befähigungsinstrument einzusetzen, auch im Gesundheitswesen.


Wie sieht Ihre neue IT-Abteilung nun ganz genau aus, wie ist sie aufgebaut?


Wir haben total 70 Mitarbeitende, inklusive Praktikanten und Lehrlingen. Aufgeteilt ist das Ressort in die drei Hauptbereiche Prozessunterstützung, Projekte und Beratung, Entwicklung und Betrieb sowie Service und Support. Daneben gibt es noch die Dezentrale IT, wo die IT der einzelnen Kliniken gebündelt ist.
Mit meinem Team zusammen betreuen wir die 4500 Mitarbeitenden des Universitätsspitals Basel in allen Belangen in Sachen IT. Dazu gehört unter anderem das Management von rund 3500 Desktop-Computern, 340 Laptops, fast 300 Scannern, 1900 Druckern, 175 Applikationen sowie 150 physischen und 230 virtuellen Servern.

Wie sieht es bezüglich den Rechenzentren aus, wie sind Sie da aufgestellt?


Wir haben aktuell fünf Rechenzentren, die über den ganzen Campus verteilt sind. Das ist schön, alles ist vor Ort. Nicht optimal ist hingegen, dass wir derzeit in den Rechenzentren noch nicht durchgehend zwischen wichtig oder unwichtig, hochverfügbar oder nicht unterscheiden. Das bedingt, dass wir alles bestmöglich verfügbar haben, was von den Kosten her nicht optimal ist. Wir sind aber aktuell daran diesen Zustand zu ändern und zu spezifizieren, was wohin muss sowie ein Risk Management aufzubauen.
Weil Basel bekanntlich ein Erdbebengebiet ist, haben wir derzeit ein weiteres RZ-relevantes Projekt am Laufen. Zusammen mit dem Kanton Basel-Stadt wollen wir ein Archiv ausserhalb des Kantons aufbauen, wo wir die Patientendossiers und andere wichtige Datenbestände sicher lagern können, sollte der Ernstfall eintreten.


Sie haben bereits einige Projekte angesprochen. Was ist derzeit in den Spitälern und insbesondere in Ihrem Spital in Sachen IT sonst noch am Laufen?


Das Spital- und Gesundheitsbusiness ist heute zu einem grossen Teil ein reines Informationsgeschäft. Während die Sekundärprozesse, also beispielsweise das ganze Rechnungswesen und die Logistik, bereits digitalisiert und stark standardisiert und automatisiert sind, sind in Spitälern viele Prozesse, gerade im Kernbereich Medizin und Pflege, noch auf Papier, also nicht digitalisiert und bergen viele Medienbrüche in sich. Das soll und wird sich in Zukunft ändern. Das Ziel heisst KIS (Klinikinformationssystem).
Einhergehend damit muss der Patient noch stärker zur Kernentität werden und in den Mittelpunkt unseres Spitals rücken. Wir sind deshalb dran so was wie ein CRM fürs Spital aufzubauen, ein sogenanntes Patientenmanagementsystem.
Das sind so die grössten Challenges, die wir versuchen in den nächsten drei, vier Jahren in den Griff zu kriegen. Kurz zusammengefasst: Wir wollen eine Industrie-IT im Spital aufbauen, alles standardisieren und vereinfachen was geht, damit sich die Angestellten, ob Ärzte oder Pflegende, voll auf ihr eigentliches Kernbusiness konzentrieren können. Und damit der Patient natürlich einen möglichst grossen Service erhält.


Sie haben das Thema Klinikinformationssys-tem angesprochen. Können Sie dazu noch etwas mehr erzählen? Welche Lösungen gibt es, wo liegen die Schwierigkeiten auf dem Weg dahin?


Ein KIS funktioniert meiner Meinung nach nur, wenn die Prozesse komplett standardisiert sind. Noch ist diese Voraussetzung in keinem der Schweizer Spitäler vorhanden. Wir arbeiten momentan, zusammen mit einem externen Partner daran, es ist aber alles andere als einfach. Ein Beispiel: Der Mediziner ist immer unterwegs, er wartet nicht an einem PC auf seine E-Mail. Will man seinen Tagesablauf und seine Prozesse vollständig digitalisieren, dann müssen wir also neue Lösungen finden und einführen, um die Leute optimal IT-mässig unterstützen zu können. Mobilität, PDAs und Smartphones sind in diesem Zusammenhang ein grosses Thema.
Wir haben vor kurzem ein PACS-System (Picture Archiving and Communication System) eingeführt, das heisst unsere Röntgenbilder sind neu nur noch digital vorhanden, und konnten so bereits unsere ersten Erfahrungen sammeln.
Betreffend Lösungen: Es gibt zwar All-in-One-Spitallösungen, beispielsweise von Siemens und SAP und weiteren US-Herstellern. Aber ein eigentliches Standardsystem gibt es leider (noch) nicht.


Was bringt denn ein KIS? Gibt es Beispiele aus dem Ausland?


Ja, die gibt es. Die 15 Spitäler der Barmherzigen Brüder aus Wien beispielsweise sind vollständig durchdigitalisiert. Sie kommen damit bei einer mit uns vergleichbaren Grösse mit einem Viertel der IT-Kosten und -Mitarbeiter aus. Das wurde alleine durch die konsequente Standardisierung und Reduktion von Applikationen erreicht.


Sie arbeiten, haben wir erfahren, gerade bei grossen Projekten sehr gerne mit Partnern zusammen?


Ja. Meine Überzeugung ist, dass man nicht alles selber machen muss, obwohl das gerade in einem Spital nicht üblich ist. Nur einmalig benötigtes Wissen holen wir uns jeweils extern, alles andere versuchen wir intern zu lösen. Wir arbeiten übrigens sehr gerne auch mit Partnern zusammen, die aus dem Industrie-Bereich kommen, sie müssen also nicht zwingend über Erfahrungen im Spital-Business verfügen.


Mit welchen Partnern arbeitet die IT-Abteilung des Universitätsspitals Basel ganz konkret zusammen?


Das sind ein paar, wir planen deshalb in diesem Bereich demnächst auch einige Konsolidierungen durchzuführen. Im Bereich Consulting arbeiten wir aktuell mit der Firma Bindt zusammen, auch mit H&S gab es schon Partnerschaften, vor allem bei der PACS-Einführung. Wenn es um die Umsetzung geht, so setzen wir auf viele kleine, aber auch grosse Unternehmen wie RedIT, Trivadis, Microsoft, Oracle, SAP oder HP. Unser Netz haben wir komplett outgesourct, bei Clounet, einem kleinen Spezialisten aus Basel. Clounet war früher bereits unser Backup für den internen Netzverantwortlichen, der hier am Universitätsspital alles sauber aufgezogen hat.


Blicken wir zum Schluss noch über die Mauern des Universitätsspitals Basel hinaus: Sie sind Gründer des Verbandes VGIch. Was bezwecken Sie damit?


Im Verband VGIch, den ich mitgegründet habe und dessen Präsident ich momentan bin, haben sich verschiedene Vertreter und Anwender aus der Informatik im Gesundheitswesen zusammengeschlossen, um gemeinsame Interessen gegenüber Politik und Herstellern zu vertreten, was ich sehr wichtig findde. Derzeit sind im VGIch 32 Spitäler, darunter alle Unispitäler, 5 Krankenkassen, eine Spitex und ein Trustcenter mit an Bord.

(mv)

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