«Die sicherste Variante ist das Treffen»

«Die sicherste Variante ist das Treffen»

Artikel erschienen in IT Magazine 2020/11
Genau das habe ich gemacht, und zwar darum, weil mir eine Schweizer Handynummer vertrauenswürdiger schien als ein anonymes Chat-Tool auf Anibis.
Das Problem ist folgendes: Um auf Anibis ein Konto zu erstellen, muss man eine Handynummer angeben, über die das Konto dann mittels SMS validiert wird. Bei diesem Prozess prüfen wir den verwendeten Mobilfunkanbieter, um sicherzustellen, dass nur Handynummern von Providern verwendet werden, die die Identität des Käufers beim Bezug der SIM-Karte überprüfen. Denn uns fällt auf, dass Provider wie Lycamobile oder Lebara die Identität der Käufer einer SIM-Karte nicht unbedingt immer überprüfen, auch wenn das vom Gesetz verlangt wird. Entsprechend wird mit diesen Nummern alles Mögliche an Missbrauch betrieben – mit Schweizer Nummern, auf Schweizer Netzen. Die einzige Möglichkeit, die wir gefunden haben, ist, alle Provider auszuschliessen, von denen wir wissen, dass die Identitäten nicht konsequent überprüft werden. Aber: Sobald die Konversation ausserhalb von Anibis stattfindet, kann auch eine Handynummer eingesetzt werden, die nicht geprüft ist.

Handkehrum: Um ein Anibis-Konto zu eröffnen, braucht man eine verifizierte Handynummer. Also müssten Sie doch wissen, wer hinter einem betrügerischen Konto steckt.
Leider nicht, denn wir wissen aus Datenschutzgründen nicht, wer hinter einer Mobile-Nummer steckt, sondern nur, dass eine Identität geprüft wurde. Für die SMS-Validierung nutzen wir einen externen Dienstleister, der wiederum einen Vertrag mit den Mobilfunkanbietern hat. Das Thema Datenschutz, so wichtig es ist, ist zum Verhindern von Internet-Betrug eine der grössten Hürden für uns.

Ich möchte nochmals zurück auf den Anibis-Messenger kommen: Mir als User war nicht bewusst, dass dieser Kanal die sicherste Kommunikationsmöglichkeit ist. Im Gegenteil: Ich habe darum nach der Handynummer verlangt, um zu sehen, ob die Person in der Schweiz sitzt, was mir über das Chat-Tool nicht möglich schien.
Ich kann das nachvollziehen, allerdings ist die Sache mit den Handynummern wie vorher ausgeführt schwierig, speziell dann, wenn man nur via Whatsapp Kontakt hat. Eine Schutzmassnahme ist auch, dass man versucht, mit dem Verkäufer zu sprechen – etwas, was dieser meist zu verhindern versucht, weil er meist im Ausland sitzt und der Sprache nicht mächtig ist. Schriftlich kann man das mit modernen Tools wie DeepL, die in den vergangenen Jahren auch für Deutsch immer besser geworden sind, übertünchen, mündlich nicht.
In meinem Fall ist mit ziemlicher Sicherheit ein Money Mule zum Einsatz gekommen – also jemand, der sein Konto für das Verschieben von Geld ins Ausland zur Verfügung stellt. Ist diese Masche aktuell die häufigste Betrugsform auf Anibis
Ganz klar ja – praktisch alle Betrugsfälle laufen heute über ein Money-Mule-­Konto. Zahlungen ins Ausland werden praktisch nie mehr verlangt, dafür nehmen die Fälle, in denen die Paysafecard als Zahlungsart verlangt oder verwendet wird, massiv zu. Dies vor allem für kleinere Beträge, bei denen die betrogenen User oder auch die Polizei nicht aktiv werden, weil es sich für solche Beträge nicht lohnt.

Also empfehlen Sie als Zahlungsmittel nur Paypal und Twint?
Paypal ja, allerdings muss man darauf achten, dass der Käuferschutz auch wirklich aktiviert ist. Bei Twint muss man schon vorsichtiger sein, denn es ist möglich, dass bei Twint eine Prepaid-Kreditkarte hinterlegt ist, bei der die Polizei keine Identität dahinter ausmachen kann – ähnlich wie bei den SIM-Karten. Solche Fälle hatten wir schon mehrere.

Wie werden die Money Mules eingesetzt?
Zu den Money Mules muss man wissen, dass sich viele von ihnen nicht bewusst sind, etwas Illegales zu tun. Sie werden online rekrutiert mit der Aussicht, einen Job zu bekommen, den sie von zuhause und zeitunabhängig erledigen können. Die entsprechenden Inserate sind meist gut und glaubwürdig gemacht und sprechen oft Menschen an, die finanziell unter Druck sind oder Mühe bekunden, einen Teilzeitjob zu finden. Was man auch wissen muss, ist, dass das Geld in der Regel nicht von dem Konto, auf das der Betrogene einbezahlt hat, direkt zum Empfänger im Ausland fliesst, sondern den Umweg über mehrere Konten macht. Je nachdem, wo in der Kette der Money Mule sitzt, ist es für ihn noch schwieriger zu merken, dass er sich an illegalen Aktivitäten beteiligt. Typisch ist auch, dass versucht wird, eine Überweisung auf Ende der Woche zu legen – so wie das bei Ihnen auch der Fall war. Damit verhindern die Betrüger, dass das Geld von der Bank zurückgerufen werden kann.

Ich habe ja nach dem Entdecken des Betrugs alle Informationen inklusive Chatverläufe nicht nur der Polizei übergeben, sondern auch an Anibis gesendet. Was machen Sie mit diesen Informationen?
Wir blockieren als erste Massnahme sofort das Benutzerkonto. Zusätzlich helfen uns die Angaben, weitere Betrugsfälle zu verhindern. Beispielsweise können wir unseren Messenger nach der IBAN-Nummer, die für einen Betrugsfall verwendet wurde, durchsuchen, um so weitere betrügerische Konten zu finden. Und dann können wir mit den Daten, die wir geschickt bekommen, der Polizei Informationen übergeben. Dies allerdings nur, wenn wir von der Polizei angefragt werden – sprich wenn Anzeige erhoben wurde. In der Schweiz kann nur der Geschädigte selbst eine Anzeige machen, wir können das nicht tun, und wir dürfen aus Datenschutzgründen auch nicht von uns aus aktiv werden und die Informationen proaktiv übergeben. Problematisch ist hierbei, dass es je nach Kanton zwischen einem und 12 Monate dauern kann, bis wir von der Polizei kontaktiert werden – wertvolle Zeit, die verloren geht. Darum ist es wichtig, dass die User uns die Informationen rund um einen Betrugsfall auch direkt geben. Aus diesem Grund haben wir im Messenger neu die Funktion eingebaut, dass eine verdächtige Konversation direkt gemeldet werden kann. Diese Meldungen werden dann manuell überprüft.

Kommentare

Mittwoch, 10. Februar 2021 H.Maag
Grüezi Da gibt es nur eins Ware abholen oder verzichten Gruss H.Maag

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Anti-Spam-Frage Wieviele Fliegen erledigte das tapfere Schneiderlein auf einen Streich?
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