Wenn ein guter IT-Mitarbeiter kündigt, wird schnell über den Lohn gesprochen. Oder über den neuen Arbeitgeber, der mehr Home Office anbietet. Meiner Meinung nach geht dabei allerdings eine einfache Frage vergessen: Wie mühsam war es eigentlich, bei uns jeden Tag seinen Job zu machen?
Man stelle sich vor, jemand wird eingestellt, um Software weiterzuentwickeln. Im Bewerbungsgespräch spricht man über spannende Projekte und viel Gestaltungsspielraum. Im Alltag braucht jede kleine Änderung mehrere Freigaben. Niemand weiss genau, weshalb eine Schnittstelle so gebaut wurde. Und bevor etwas angepasst werden kann, muss jener Kollege gefragt werden, der das System vor zehn Jahren eingerichtet hat. Ich kann gut verstehen, wenn die anfängliche Begeisterung irgendwann verschwindet.
Natürlich gehört es zum Beruf, sich mit bestehenden Systemen auseinanderzusetzen. Eine Software ist nicht schlecht, nur weil sie alt ist. Mühsam wird es meiner Meinung nach dann, wenn die Probleme bekannt sind, aber über Jahre niemand bereit ist, etwas dagegen zu unternehmen.
«Dafür haben wir jetzt keine Zeit.» Ich glaube, dieser Satz kann ziemlich teuer werden. Für die nächste Störung muss man sich die Zeit schliesslich nehmen. Dann bleibt wieder etwas anderes liegen, der Druck steigt und die Verbesserung wird erneut verschoben. Wer so arbeitet, muss irgendwann den Eindruck bekommen, dass seine Zeit wenig wert ist.
Was mich daran beschäftigt: Ein Unternehmen gibt viel Geld aus, um einen guten IT-Spezialisten zu finden. Sobald er da ist und auf solche Probleme hinweist, fehlt plötzlich das Budget. Von ihm wird erwartet, dass er Lösungen bringt. Den Spielraum, etwas grundsätzlich zu verbessern, bekommt er aber nicht. Das passt nicht zusammen.
Ich finde deshalb, dass sich auch das HR dafür interessieren sollte, unter welchen technischen Bedingungen die Leute arbeiten. Dafür muss ein Personalverantwortlicher keinen Code lesen können. Es würde schon helfen, im Mitarbeitergespräch zu fragen: Was hält dich bei deiner Arbeit ständig auf? Was würdest du ändern? Und weshalb ist bisher nichts passiert? Entscheidend ist für mich, dass die Antworten danach Konsequenzen haben.
Mir ist bewusst, dass nicht jeder Verbesserungswunsch wirtschaftlich sinnvoll ist. Die Geschäftsleitung muss Prioritäten setzen. Ich glaube aber, dass Mitarbeiter damit eher umgehen können, wenn Entscheide nachvollziehbar sind und Zusagen eingehalten werden. Wer jedes Jahr dieselbe Verbesserung verspricht und sie dann wieder streicht, darf sich über fehlendes Vertrauen nicht wundern.
Mitarbeiterbindung beginnt auch bei solchen Entscheidungen. Bevor man nach einer Kündigung die nächste Stelle ausschreibt, würde ich genauer hinschauen. Vielleicht braucht es tatsächlich einen neuen Mitarbeiter. Vielleicht hätte man dem bisherigen aber auch einfach ermöglichen müssen, seine Arbeit vernünftig zu machen.
Fabian Dütschler ist Founding Partner von One Agency, einer führenden IT-Personaldienstleistungsagentur mit Hauptsitz an der Bahnhofstrasse in Zürich. In seiner Kolumne im «Swiss IT Magazine» beschäftigt sich Dütschler mit den Herausforderungen, die sich rund um die Personalsuche und die Karriereplanung ergeben.
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