Mit KI gehen zwei Extremszenarien einher, die mehr oder minder gleichzeitig beschworen werden: Auf der einen Seite das AI-generierte Paradies, in dem niemand mehr arbeitet und Krebs besiegt wurde. Auf der anderen Seite der Weltuntergang durch den Maschinengott. Dario Amodei, der «gute» AI-Lab-Chef, bezifferte die damit verbundene Wahrscheinlichkeit für das Ende der menschlichen Rasse, gemeinhin als P(doom) bezeichnet, jüngst mit bis zu 25 Prozent. Wir befinden uns damit aktuell in einer Art Superposition von Quantenzuständen – Schrödingers AI. Dieses Diskursniveau macht es vielleicht für den Normalmenschen nicht ganz nachvollziehbar, warum wir so viele Ressourcen in ein Ding stecken sollen, das uns mit hoher Wahrscheinlichkeit ablösen soll. Und hier reden wir noch nicht einmal davon, dass der Energiehunger der KI potentiell reicht, um den Planeten zu kochen.
Aktuelles Beispiel: Gerade hat das US-Militär beinahe ein chinesisches Schiff aufgebracht, nachdem ein chatbot-generierter Bericht nahelegte, es befördere Nuklearwaffenteile gen Iran. Der verantwortliche Analyst wollte vielleicht etwas schneller auf den Golfplatz. Kurz vor Beginn der Aktion nahm ein Mensch den Bericht glücklicherweise noch genauer unter die Lupe und verhinderte so einen kriegerischen Akt.
Zwischen Todessehnsucht und Monopolprofiten
Nun gibt es nicht wenige Indizien, dass ein signifikanter Anteil der Entscheidungsträger im Valley durchaus eine gewisse Todessehnsucht an den Tag legt und es kaum abwarten kann, die sterbliche Hülle zugunsten eines Uploads zurückzulassen (Stichwort TESCREAL). Dass dieses Gedankengut aus dem Bundesstaat kommt, der uns nicht nur die Hippies, sondern auch Charles Manson beschert hat, ist wenig verwunderlich. Jenseits solch religiös anmutender Perspektiven gibt es aber auch noch einige andere, durchaus kapitalistische Überlegungen, die das Um-jeden-Preis-Festhalten am eingeschlagenen Kurs rechtfertigen. Eine alte Journalistenregel heisst nicht umsonst «Follow the Money».
Nicht wenige waren überrascht, als sich die Elite des Silicon Valley mit Trump zusammentat. Die Fotos von Jeff Bezos, Mark Zuckerberg und anderen, die bei Trumps zweiter Amtseinführung anwesend waren, gingen um die Welt. Während Trumps erster Amtszeit war das noch anders. Damals kam die Unterstützung Trumps vor allem aus Bundesstaaten, deren Wirtschaft auf der Verbrennung von Kohlenstoff beruht. Der amerikanische Wirtschaftsprofessor Mark Blyth bezeichnet das als «Carbon Coalition».
Trumps Carbon Coalition
Zu Zeiten von Trump 1 war der Gegensatz zwischen dieser Old Economy und den eher positiv konnotierten Green- und Future-Techlern, die Biden bei seinem Green New Deal unterstützten, noch deutlich sichtbar. Man erinnere sich: Elon Musk galt bis vor Kurzem noch als der Vorzeige-Visionär der erneuerbaren Technologie – der Tesla-bescherende Green Iron Man.
Woher also dieser Schwenk nur wenige Jahre später? Gemäss der amerikanischen Autorin Naomi Klein sieht Trump in AI ein «Electricity Eating Monster». Und er findet das gut. Es ist der Schlüssel zu seiner gegenwärtigen Elitekoalition. Während die Öl- und Gas-Lobbys unter Biden ihre Felle davonschwimmen sahen, können sie sich heute rund um das Thema AI mit dem Tech-Sektor die Hände reichen. Denn AI braucht Strom. Viel Strom. Strom, der mit Öl und Gas generiert werden soll. Dank der Dominanz der Amerikaner bei Energie und IT sah das Ganze nach einem Bombengeschäft aus. Kein Ende für die hohen Gewinne von Öl und Gas (vor Kurzem noch als «Stranded Assets» bezeichnet). Sowie einem Weg, das exponentielle Wachstum der IT zu sichern.
Doch die Welt ist möglicherweise eine andere geworden: China scheint zurzeit mit den Amerikanern beim Thema KI weitgehend mithalten zu können. Schlimmer noch, die chinesischen Modelle sind gratis. Selbst wenn diese nur 80 Prozent der Leistung bringen, sind sie am Ende immer noch umsonst. Für die meisten Anwendungen dürfte das reichen.
Finanzen fressen Technologie
Sollte sich dieses Szenario bestätigen, wiederholt sich ein nicht unbekanntes geschichtliches Phänomen. Gemeint ist der Moment, zu dem der Finanzaspekt wichtiger wird als der Technologieaspekt.
Zwischen 1450 und 1650 war der wirtschaftliche Motor Europas Italien; Stadtstaaten wie Genua, Venedig, Pisa und Florenz das Silicon Valley ihrer Zeit. Diese Position ging nach 1650 zusehends abhanden, und zwar zugunsten von nördlichen Nachbarn wie den Niederlanden oder England. Es gibt verschiedene Theorien für diese Entwicklung. Der französische Historiker Fernand Braudel sieht den Grund in einer gewissen finanzialisierten Dekadenz. Während auf der einen Seite die ärmeren, hungrigeren Nachbarn mit wendigeren, effizienteren Schiffen zusehends die Handelsrouten zuerst Richtung Norden und dann im Atlantik übernahmen, war es auf der anderen Seite für die italienischen Eliten einfacher, eine höhere Marge mit Finanzgeschäften zu verdienen, statt diese Entwicklung mit Pulver und Blei zu bekämpfen. Diese Logik sorgte gleichzeitig für immer tiefere Investitionen in die heimische Produktion: Es war einfacher und mit weniger Risiko verbunden, Geldgeschäfte zu machen, als Handel zu treiben oder Waren zu produzieren.
Die Parallelen zur Entwicklung der westlichen Welt und dem gegenwärtigen Aufstieg Chinas sind offensichtlich. Beim Thema AI hakt es genauso ein: Eine Technologie mit massivem Zukunftspotenzial kann auf mehr als eine Weise an den Markt gebracht werden.
Modell USA, Modell China
Modell USA: Wenige, privat finanzierte Leuchtturm-Projekte, die im Rahmen eines Freemium-Modells Kundenabhängigkeiten produzieren. Haben einmal genug Kunden die Künstliche Intelligenz adaptiert und kommt diese nur von zwei bis vier (amerikanischen) Anbietern, kann man Monopolrenditen abschöpfen – vorzugsweise von den europäischen Kolonien.
Modell China: Der Staat unterstützt die Entwicklung von Modellen, die gratis zur Verfügung stehen. Geld verdient wird mit angehängten Dienstleistungen und Produkten.
Variante eins ist die Private-Equity/Political-Capture-Methode. Einmal etabliert, erlaubt sie, das Arbeiten deutlich zu reduzieren und seine Zeit zum Beispiel in Kunst zu investieren. Variante zwei ist die Ingenieur-/Unternehmer-Perspektive: Wie optimiere ich mein Produkt? Wie kann mich die Technologie unterstützen, um mehr Geschäfte zu machen? Historiker Braudel erklärt damit auch, wieso die Kunst, die heute noch ein Touristen-Magnet Italiens ist, quasi im Nachgang zur wirtschaftlichen Hochzeit erblühte. Die Eliten hatten Zeit und Geld, um ihren Hobbies zu frönen. Dabei war es unerheblich, dass der Ton in der Weltpolitik nun von anderen angegeben wurde. «Über Italien senkte sich die Nacht und der Himmel über Europa erstrahle vom Glanz der Halbinsel.»