Die Schweiz, und ganz speziell die Region Zürich, ist eine Tech-Forschungshochburg. Google, Microsoft, Disney, OpenAI, Anthropic, Meta, AWS, Nvidia – sie alle haben Standorte hierzulande. Und die Liste prominenter Tech-Riesen mit Schweizer Niederlassungen ist mit den genannten Unternehmen noch lange nicht komplett. Der wichtigste Grund für diese Dichte ist allgemein bekannt: Die Schweiz ist in Sachen Bildung und Forschung Weltspitze. Die Nähe zu den Hochschulen auf Weltklasseniveau, allen voran ETH und EPFL, ermöglicht zum einen spannende Kollaborationen und sorgt zum anderen für einen konstanten Nachschub an qualifizierten Forscherinnen und Forschern.
In Folge führt unsere kleine Alpennation im laufenden Jahr die Liste der Länder an, in denen der grösste Teil des Risikokapitals (63%) in Deep-Tech-Unternehmen fliesst (Swiss Deep Tech Report 2026). Der Begriff bezeichnet zukunftsweisende und forschungsintensive Tech-Felder wie Robotik und KI.
In der Aufzählung der Tech-Firmen mit Schweizer Forschungsstandort fehlt jedoch ein Player, der aus der Masse heraussticht. Im Gegensatz zu den meisten anderen genannten Unternehmen wurde dessen Schweizer Forschungsstandort nämlich nicht erst in den letzten Jahrzehnten eröffnet – er besteht seit nunmehr 70 Jahren.
Die Rede ist selbstverständlich von
IBM. Das Forschungslabor von Big Blue in Rüschlikon öffnete 1956 seine Pforten und schreibt seit da immer mal wieder Geschichte. Zu den Meilensteinen gehören zwei Nobelpreise und eine ganze Reihe wegweisender Entwicklungen, die die Tech-Welt nachhaltig verändert haben.
Gute Rahmenbedingungen und Sonnenschein
Zur Feier des Tages lud
IBM Mitte Oktober zum runden Geburtstag ins Research Lab nach Rüschlikon. Mit ehemaligen und bestehenden Forschern (darunter einer der Nobelpreisträger), Top-Prominenz aus dem Schweizer Hochschulsektor, hochrangigen IBM-Mitarbeitenden, Vertretern aus anderen Forschungseinrichtungen (z.B. CERN) und Medienschaffenden blickte man auf die reiche Geschichte des Labs zurück und zelebrierte das langjährige Bestehen der Einrichtung.
Alessandro Curioni, Leiter des Forschungsstandortes, eröffnete den offiziellen Teil der Feier und machte keinen Hehl daraus, was der Moment für ihn bedeutet. Als junger Forscher stiess er vor 30 Jahren zu IBM Research, für ihn erfüllte sich ein Traum. Der Geburtstag des Labs sei damit ausserordentlich emotional für ihn, wie er betonte.
Besonders ging der Lab-Chef auf das Schweizer Ökosystem ein, das 1956 ausschlaggebend für die Standortwahl gewesen sei. Seiner Erzählung nach war die Schweiz neben Grossbritannien und den Niederlanden damals einer von drei möglichen europäischen Standorten, der infrage kam.
An der ersten Station, England, wurden die IBM-Verantwortlichen aber mit zweifelhaften regulatorischen Vorgaben und miesem Wetter konfrontiert. Beim anschliessenden Besuch in der Schweiz sei man hingegen auf optimale Rahmenbedingungen und dazu noch auf Sonnenschein gestossen. Die Niederlande habe man damit nicht einmal mehr in Betracht gezogen, wie Curioni mit einem Schmunzeln ausführte.
Zwischen den folgenden beiden Luftaufnahmen, die das Wachstum der Rüschlikoner IBM-Forschungseinrichtung eindrücklich zeigen, liegen genau 50 Jahre: Hier das Lab im Jahr 1963, auf der nächsten Seite eine Aufnahme aus dem Jahr 2013. (Quelle: IBM)
Computing der Zukunft
Es folgten Video-Grussnachrichten mit herzlichen Gratulationen von Bundesrat Guy Parmelin und IBM-CEO Arvind Krishna, bevor Joël Mesot, Präsident der ETH, die Bühne betrat. Mesot brachte dabei insbesondere seine Bewunderung für den ungebrochenen Investitionswillen von
IBM in die hiesige Forschung zum Ausdruck. Wie für Curioni ist die Geschichte auch für ihn bewegend: Als junger Physiker im Studium hätten die Nobelpreise in den 80er-Jahren eine Welle der Begeisterung ausgelöst. Diese Meilensteine hätten ihn und seine Kommilitonen nachhaltig geprägt, so der ETH-Präsident.
Nach Mesot ergriff Jay Gambetta, Head of IBM Research, das Wort. Während seine Vorredner stärker in der Vergangenheit schwelgten, richtete Gambetta den Blick nach vorn. Nichts Geringeres als das «Computing der Zukunft» hat IBMs Forschungsabteilung im Blick. Laut Gambetta besteht dieses aus den vier Bausteinen Silicon (Chips/Komponenten), AI, Quantum Computing und Algorithmen und ist heute in greifbarer Nähe.
Im anschliessenden Panel diskutierten Anna Fontcuberta i Morral, Präsidentin der EPFL, Judith Arfsten, Head of Deep Tech Center bei Nestlé R&D, und Mark Thomson, Director-General von CERN. Eine der dabei herausstechenden Fragen war dabei, wie es Europa schaffen kann, den Forschungsvorsprung nicht an den Westen oder den Osten zu verlieren. Die bewusste Pflege von Einrichtungen wie dem traditionsreichen Research Lab und die damit einhergehenden Kooperationen mit Bildungseinrichtungen spielen laut dem Panel dabei selbstverständlich eine zentrale Rolle.
Neben dem Leiter der Forschungseinrichtung Alessandro Curioni (rechts) sprach unter anderem auch ETH-Ratspräsident Michael Hengartner (links) zu den Gästen der runden Geburtstagsfeier. (Quelle: IBM)
Im Panel wurde unter anderen darüber diskutiert, wie Europa seine starke Position in der Forschung nicht an den Westen oder den Osten verliert. Im Gespräch waren (v. l. n. r.): Anna Fontcuberta i Morral, Präsidentin der EPFL, Mark Thomson, Director-General von CERN, Judith Arfsten, Head of Deep Tech Center bei Nestlé R&D und Moderatorin Miriam Rickli. (Quelle: IBM)
Bis zum nächsten Geburtstag
Bevor Alessandro Curioni den offiziellen Teil der Feier schloss und das gemütliche Ausklingen des Abends einleitete, sorgte Michael Hengartner, Präsident des ETH-Rates, für das kurze, dafür sehr prägnante Finale der Feier. Seine Rede stützte er auf drei Punkte, die für ihn die Zusammenarbeit mit dem
IBM Research Lab besonders gut treffen. Erstens: Das Ökosystem. Für den Ratspräsidenten ist das Wachstum dieses kollaborativen Ökosystems in den vergangenen 70 Jahren eines der zentralen und beeindruckendsten Themen. Zweitens: Kollaboration. «Nicht weil das nett ist, sondern wegen den Vorteilen auf beiden Seiten», so Hengartner schmunzelnd. Und drittens: Die Zukunft, «in der diese Zusammenarbeit weiter bestehen und wichtig bleiben wird.»
Den Rednerinnen und Rednern überreichte Alessandro Curioni jeweils eine Glasplatte mit einem eingravierten, von Menschen unlesbaren Quantum-generierten Code. Legt man aber zwei dieser Platten aufeinander – in anderen Worten: kollaboriert man – kommt der Satz «See you in 2056» zum Vorschein. Im IBM Research Lab blickt man also bereits wieder nach vorn, auf das 100-jährige Jubiläum.
Und apropos Geburtstag: Bereits im kommenden Jahr steht für IBM Schweiz schon wieder ein solcher an. Dann darf Big Blue nämlich das 100-jährige Jubiläum der 1927 gegründeten Schweizer Ländergesellschaft zelebrieren.
Die Belegschaft des IBM Forschungslaboratoriums in Rüschlikon bei der Gründungsfeier im Jahr 1965. (Quelle: IBM)
Rückblick: Pfnüselküste statt US-Uni
Peter Lustenberger (Bild) stiess Mitte der 80er-Jahre nach seiner Doktorarbeit als Chemiker zum
IBM Research Lab und arbeitete dort unter dem späteren Nobelpreisträger Heinrich Rohrer. Ein persönlicher Rückblick.
«Postdoc in Rüschlikon?! Von Bern an die Pfnüselküste?! Du wirst es wahrlich noch weit bringen!» So und ähnlich tönte es damals von den Kollegen her. Nach Dissertations-Abschluss war damals ein US-Forschungsjahr üblich, allenfalls – knapp akzeptabel – in England. Aber doch nicht in der Schweiz!
Bei den IBM-Physikern war ich als Chemiker ein Exot. Fragestellung, Umgebungsbedingungen, Denkmodelle, Sprache et cetera: Alles war anders. Dazu kam ein doppelter Kulturschock: nicht nur mit dem Wechsel nach Zürich, sondern insbesondere durch das Eintauchen in die Kultur einer globalen US-Firma. Top-Ausrüstung, Organisation-Mutationen per Lautsprecher-Durchsage, strikt gelebtes Alkoholverbot, nachts Wachhunde; dies gepaart mit sehr kollegialer, motivierender Zusammenarbeit in allen Bereichen. Und offensichtlich Forschung auf Weltspitzenniveau wie die Nobelpreise von 1986 und 87 belegen.
Für Abgänger unserer Top-Unis gibt es heute eine Reihe von Möglichkeiten, in hierzulande angesiedelten Forschungsabteilungen internationaler Unternehmen unterzukommen. Im Rüschlikoner IBM-Labor gibt es diese schon seit vielen Jahrzehnten. Von einem Jahr in den USA hätte ich fachlich wohl kaum mehr profitiert. Was könnte man als Postdoc mehr wollen?