Die Einführung von Cloud-Plattformen und -Services beschäftigt Schweizer Unternehmen seit mehr als zehn Jahren. Dabei mussten allerdings viele Firmen erkennen, dass Cloud Computing nicht nur technische, sondern auch strategische sowie organisatorische und prozessuale Herausforderungen mit sich bringt.
Eine strukturierte Cloud-Einführung nach Best Practices, die strategische, organisatorische, personelle (Change Management), betriebliche und technische Grundlagen abdeckt, ist daher zentral. Werden diese Herausforderungen adressiert, entstehen Mehrwerte wie kürzere Release-Zyklen und schnellere Go-to-Market-Phasen sowie der Bezug von Kompetenzen und Tools im As-a-Service-Modell – von Infrastruktur und Plattformen bis zu Applikationen, Prozessen und Daten. Gleichzeitig sind neue Abhängigkeiten und Risiken realistisch zu bewerten. Dazu zählen unter anderem Datenhoheit, Informationssicherheit, Datenschutz, Kostenverwaltung und Kontrolle sowie politische Unsicherheiten und daraus resultierende Unternehmensrisiken.
Die Einführung von Cloud Computing
In der Praxis zeigt sich, dass die Einführung von Cloud Computing sowohl aus strategischer als auch aus technologischer Perspektive oftmals bestehende Herausforderungen und Altlasten innerhalb des Unternehmens sichtbar macht. Diese sogenannten technischen Schulden sowie das Vertrauen in die eigenen organisatorischen und fachlichen Fähigkeiten werden durch die Migration in die Cloud verstärkt ins Bewusstsein gerückt. Im Rahmen der digitalen Transformation ist es daher unerlässlich, diese Aspekte systematisch zu adressieren, um nachhaltige Mehrwerte zu erzielen und die Anpassungsfähigkeit des Unternehmens zu stärken.
Kürzere Release-Zyklen beschleunigen die Go-to-Market-Zeiten für neue Produkte oder für Features bestehender Produkte. Unternehmen, die noch nicht auf wertschöpfungsketten bezogene Produktentwicklung und die dafür notwendigen Grundlagen (Organisationsmodelle, Prozesse, Technologien) vorbereitet sind, geraten dadurch in Herausforderungen, etwa wegen fehlender Dynamik bei der Integration von Cloud Computing als Erweiterung des Technologie-Stacks.
Damit Cloud Computing als Medium für die digitale Transformation wirkt, braucht es eine strategische Ausrichtung. Sie muss die Anpassungsfähigkeit der Unternehmen stärken, damit Unternehmensfähigkeiten laufend an Marktanforderungen und gesellschaftlichen Wandel angepasst werden können. Dieser Wandel wird durch die sehr schnelle technologische Entwicklung zusätzlich beschleunigt.
Anpassungsfähigkeit ermöglicht eine strukturierte und nachhaltige Integration von Cloud-Plattformen und Services in der IT. Sie schafft zugleich die Grundlage, Künstliche Intelligenz gezielt zur Unterstützung von Geschäftsprozessen im gesamten Unternehmen einzusetzen. Anpassungsfähigkeit entsteht durch produkt- beziehungsweise servicebezogene Wertschöpfungsketten auf allen Ebenen des Unternehmens. Getragen wird sie durch den Technologie-Stack, Applikationen und Daten, passende Betriebsmodelle sowie schliesslich durch Menschen und Prozesse.
Die Cloud Journey startet bei den meisten Unternehmen, unabhängig von Grösse und Branche, auf eine von zwei Arten:
1. Strukturiert über einen Transition-Plan mit klarer strategischer Ausrichtung und vorbereiteten Unternehmensfähigkeiten. Ziel ist es, von Cloud Computing zu profitieren und die Cloud in der IT als zusätzliche Option für die Bereitstellung von Geschäftsanwendungen und Daten zu nutzen.
2. Pragmatisch aus dem Alltag heraus: Ein Entwickler oder Systemadministrator benötigt neue Tools oder Ressourcen, löst ein Abonnement bei einem Hyperscaler und startet mit der Entwicklung. Spätestens bei der Integration in die bestehende IT-Landschaft (z.B. Identity und Access Management) wird klar, jetzt müssen weitere Teams, oft auch die IT-Security, einbezogen werden. So wird der Bedarf an neuer Technologie oder schneller Bereitstellung von IT-Ressourcen sichtbar.
Es stellt sich die zentrale Frage: Wie kann ein Unternehmen, das noch nicht über die erforderliche Anpassungsfähigkeit verfügt oder dessen Vorbereitung auf die Nutzung von Cloud Computing unvollständig ist, dennoch vom Mehrwert der Cloud profitieren?
Die Empfehlung lautet: Auch wenn Cloud Services bereits genutzt werden, lohnt sich ein strukturierter Weg. Ein Transition-Plan sollte den Bedarf an Anpassungsfähigkeit transparent machen und gleichzeitig die Einführung von Cloud Computing in bestehende Prozesse, Betriebsmodelle und den Technologie-Stack systematisch gestalten.
FinOps als Lösung für dynamische Kostenentwicklung
Cloud-Servicemodelle rücken bedarfsgerechte Bezahlung stark in den Vordergrund. Da Cloud Provider über IaaS, PaaS und SaaS Teile des Technologie-Stacks inklusive Betrieb und Weiterentwicklung übernehmen, bieten sie Services häufig nach dem Pay-as-you-go-Prinzip an. Kunden wählen Grösse und Plan je nach Bedarf und bezahlen nur für die tatsächlich genutzte Zeit. Dieses Modell bringt klare Vorteile mit sich. Mit zunehmender Nutzung wird jedoch die Transparenz darüber, wie Kosten entstehen und wer sie verursacht, zur betrieblichen Herausforderung.
Um diese Herausforderung früh zu adressieren und die Vorteile konsequent zu nutzen, etablieren immer mehr Unternehmen die Fähigkeit FinOps. Grundlage sind Best Practices und Frameworks etwa der FinOps Foundation oder der Linux Foundation.
Die FinOps Foundation definiert FinOps als «eine Disziplin und kulturelle Praxis, die Teams ermöglicht, gemeinsam Verantwortung für Cloud-Ausgaben zu übernehmen und bessere Geschäftsentscheidungen zu treffen.» Weitere Informationen und die offizielle Definition finden Sie auf der Website der
FinOps Foundation.
Informationen zu Ausgaben, interner Weiterverrechnung und Kostentransparenz sind in Unternehmen meist bereits (teilweise) vorhanden. Die dynamische Kostenentwicklung und die Integration in bestehende Prozesse und Tools erfordern jedoch zusätzliche Fähigkeiten. FinOps gilt zunehmend und zu Recht als zentrale Fähigkeit für erfolgreiche Unternehmen und steht damit auf einer Stufe mit Security.
Um mit dynamischen Kosten im Betrieb zuverlässig umzugehen, haben sich einige Grundpfeiler bewährt: Transparenz über Kosten und Verursacher, Prognosen und Budgets, regelmässige Budget-/Ist-Validierung, Kostensensibilität in der Lösungsentwicklung sowie das Prüfen und Umsetzen von Optimierungen.
Kostentransparenz durch:- Cloud Services in zentrale IT-Management-Systeme wie Asset Management oder CMDB einpflegen.
- Benennungen und Zusatzinformationen als Tags definieren, um Cloud Services und Ressourcen sauber zuzuordnen.
Prognostizieren und Budgetieren basierend auf:- Historische Daten sammeln und auswerten.
- Daten als Entscheidungsgrundlage für Verantwortliche bereitstellen.
- Cloud-Kosten in bestehende Budgetprozesse integrieren.
Validierung des Budgets und effektive Ausgaben durch:- Kostenalarmierungen definieren.
- Reports oder Tools bereitstellen, um Budget und Ist-Kosten direkt zu vergleichen.
Kostensensibilität bereits bei der Lösungsentwicklung durch:- Kostenschätzungen in bestehende IT-Architekturprozesse integrieren und verbindlich einfordern.
- Validierung der Kostenschätzung früh in den Architektur-Review-Prozess integrieren.
- Tools und Modelle zur Kostenschätzung bereitstellen.
Analysieren und Umsetzen der Kostenoptimierungen durch:- Kosten nach einer definierten Zeit validieren und Budget oder Lösungsarchitektur gezielt anpassen.
- Bei langfristiger Nutzung Reservationen oder Einsparungspläne mit dem Cloud Provider vertraglich vereinbaren.
Empfohlene Voraussetzungen für FinOps:- IT-Service-Management: Eine strukturierte Verwaltung von IT-Services bildet die Basis für Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Kosten.
- IT-Architektur: Eine klare und flexible IT-Architektur erleichtert die Integration von Kostenmanagement-Prozessen und die Umsetzung von Optimierungen.
- Interdisziplinäre Zusammenarbeit: Die Einführung von FinOps erfordert ein gemeinsames Verständnis und eine enge Zusammenarbeit zwischen IT, Finanzwesen und Business, um Ziele und Nutzen klar zu definieren.
- Aufbau von Kompetenzen: Unternehmen sollten prüfen, welche Fähigkeiten im Bereich Cloud und FinOps erweitert oder neu aufgebaut werden müssen, um die dynamischen Kosten effektiv steuern zu können.
Die genannten Voraussetzungen helfen dabei, FinOps als Unternehmensfähigkeit zu etablieren und sowohl finanzielle als auch strategische Ziele zu unterstützen. Eine frühzeitige Klärung der Einsatzbereiche, der Nutzen und der erforderlichen Kompetenzen ist dabei entscheidend.
Cloud Plattformen und Services bieten für die meisten Unternehmen grosses Potenzial. Wichtig ist jedoch, früh zu klären, wofür sie eingesetzt werden sollen und welchen Nutzen sie stiften. Ebenso sollte geprüft werden, welche Unternehmens- und IT-Fähigkeiten erweitert oder neu aufgebaut werden müssen. Als Unternehmensfähigkeit hilft FinOps, dynamische Kosten zu steuern und finanzielle wie strategische Ziele des gesamten Unternehmens zu unterstützen.
Der Autor
Nisanth Muthukirushnasamy ist Co-CEO der Firma
Maxsoft in Rotkreuz (ZG). Als Senior Cloud Architect und Advisor berät und unterstützt er Unternehmen bei der Einführung und Etablierung von unternehmenskonformen und kosteneffizienten modernen Fähigkeiten, etwa Cloud Plattformen, Cloud Services und Künstlicher Intelligenz (KI). Darüber hinaus ist Nisanth Muthukirushnasamy an der Hochschule Luzern im Bereich Informatik Weiterbildung als Programmleiter und Dozent in den CAS Cloud Architecture sowie Cloud Platform and Manager tätig. Maxsoft ist seit über sechs Jahren als Partner in den Bereichen Cloud Computing, IT-Security, FinOps und Enterprise Architektur tätig und unterstützt Unternehmen dabei, innovative und sichere IT-Lösungen zu realisieren und ihre digitale Transformation erfolgreich zu gestalten.