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Kolumne: Vom Denken zum Prompten

Luzi von Salis über den richtigen Umgang mit KI.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2026/06

     

Seit rund zwei Jahren erleben wir eine regelrechte KI-Massenhysterie. Jede Verwaltung, jede Bank, jede Versicherung und praktisch jedes KMU glaubt inzwischen, «etwas mit KI machen zu müssen.» Ich gebe es zu, ich nutze die KI auch intensiv, um zu lernen, zu spielen, zu evaluieren. Copilot hier, ChatGPT, Claude und Perplexity dort, Gemini dazwischen und irgendwo noch AI-Agents, die angeblich bald Firmen führen sollen oder selbständig Schlachten gewinnen – den Krieg aber wohl noch nicht ganz.

Wenn ich genauer hinschaue, stelle ich mir zunehmend eine provokative Frage: Denken wir eigentlich noch selbst genug oder verfault unser Hirn? Denn was aktuell passiert, ist technologisch höchst spannend und revolutionär, geopolitisch aber brandgefährlich. Die Schweiz, und auch der Rest der Welt, lagert gerade in grossem Stil ihre Wissensarbeit, Kommunikation und teilweise sogar Entscheidungsprozesse an die KI-Konzerne aus. Und dies oft zu unkritisch oder ohne echtes Verständnis darüber, was technisch und rechtlich im Hintergrund tatsächlich abläuft.


Mitarbeitende laden vertrauliche Dokumente, Strategiepapiere, Kundendaten oder Source Code (z.B. in Claude Code) direkt in generative KI-Systeme hoch. Teilweise ausserhalb jeglicher Richtlinien. Wenn es die Firma verbietet, passiert es über das private Gerät. Eine neue Schatten-IT in gigantischer Dimension lebt und hört!
Gleichzeitig bietet KI gerade für Schweizer KMU enorme Chancen. Unternehmen können durch gekonnten KI-Einsatz durch Agenten Prozesse automatisieren, die Administration reduzieren, Kunden schneller bedienen, operative Kosten senken oder bereits fehlende personelle Ressourcen mindestens teilweise kompensieren. Ein gut eingesetztes KI-System kann Produktivität und Innovationskraft massiv steigern. Das Problem ist nicht die Technologie selbst, sondern der (naive) Umgang damit. Die meist genutzten und effizientesten KI-Modelle stammen aus den USA. Sie werden dort trainiert, betrieben und kontrolliert. Die dahinterliegenden Infrastrukturen gehören teilweise denselben Hyperscalern, die bereits heute grosse Teile unserer Kommunikations- und Office-Welt dominieren. Die KI-Konzerne verfolgen primär ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen. Das ist auch völlig legitim. Aber warum liefern wir ihnen freiwillig unser digitales Wissen aus? Besonders bemerkenswert ist, dass Unternehmen eigenes Wissen abbauen, während sie sich immer stärker auf externe KI-Systeme verlassen. Das erinnert fatal an frühere Outsourcing-Wellen in der IT: Kurzfristig günstiger und viel schneller, langfristig aber strategischer Selbstmord. Wer Wissen, Prozesse und Daten nicht mehr selbst kontrolliert, verliert mittelfristig seine technologische Souveränität. KI ersetzt zudem keine Verantwortung, kein Denken und keine Erfahrung. Sie ist ein Werkzeug.

Die Schweiz wäre eigentlich hervorragend positioniert, um im Bereich vertrauenswürdiger KI eine spezielle Rolle einzunehmen: Mit Datenschutz, ETH-LLMs, Stabilität, nationalem Quantencomputing und qualitativ leistungsfähigen ICT-Unternehmen und fortschrittlichen Energieunternehmen mit ladbaren Saison-Speichern.


Vielleicht wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, weniger Buzz zu produzieren und wieder mehr eigene Technologiekompetenz zu präsentieren respektive lancieren. Sonst endet die Schweiz als verlängerter Prompt-Eingabeschalter internationaler Plattformen mit teuren Abos, aber ohne eigenes technologisches Rückgrat.

Luzi von Salis

Luzi von Salis ist Geschäfts­führer der Firma Von Salis ­Engineering und agiert als Interim-­Manager, Konsulent sowie als «Business Troubleshooter» im ICT-Sektor. In seiner Kolumne kommentiert und beleuchtet er aktuelle Themen aus dem ICT-Bereich.
luzi.vonsalis@vseng.ch


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