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Editorial

Das glaub ich erst, wenn ich es gesehen habe

Der Grundsatz «im Zweifel für den Angeklagten» ist eine der zentralen Säulen in der modernen Rechtsprechung.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2026/05

     

Und er ist für viele Lebenslagen nützlich. So rufe ich mir den Satz des Öfteren selbst mal wieder ins Gedächtnis, um einen Schritt zurückzumachen, nicht vorschnell zu urteilen. Bei der folgenden Geschichte fällt mir das aber ausgesprochen schwer.

Gegen Ende März veröffentlichte Pavan Davuluri, Executive Vice President Windows and Devices bei Microsoft, einen Blogbeitrag mit dem Titel «Unser Engagement für die Qualität von Windows». Der Artikel beschäftigt sich mit den Plänen rund um massgebliche Verbesserungen von Windows. Davuluri schreibt, dass man sich das Feedback der Nutzerbasis zu Herzen nehme, viel Zeit in dessen Analyse stecke und nun endlich entsprechend liefern wolle. Genannte Massnahmen sind etwa mehr Customizing, gezielterer Einsatz von KI-Mitteln, mehr Stabilität und weniger Störungen durch Updates.


Die Realität ist heute leider folgende: Wenn man das OS installiert oder ohne nennenswertes Customizing startet, wird man mit Eigenwerbung von Microsoft zugeballert. Updates spielt man besser verzögert ein, denn es zieht kaum ein Patch Tuesday ohne Bluescreens oder Boot-Schleifen ins Land. Und ich kenne (wirklich) niemanden, der Teams und Copilot in einer frischen Windows-Installation vorfinden will, trotzdem ist das Standard. Von den «Bordmitteln» Edge, Bing und dem neuen Outlook fang ich erst gar nicht an, um hier nicht vollends zu eskalieren. Sie spüren (und kennen) den Schmerz wohl, geschätzte Leserinnen und Leser.
Je mehr Zeit verstreicht, je mehr abgehobene Entscheidungen die Microsoft-Execs und -Shareholder durchdrücken und je grösser der Druck wird, im KI-Rennen etwas zu reissen, desto instabiler, überfüllter und schlechter wird Windows.

Rund einen Monat nach Davuluris Blogpost veröffentlichte Zac Bowden von «Windows Central» dann seinen Follow-up-Artikel mit internen Stimmen von Microsoft. Die von Davuluri genannten Bemühungen laufen demnach unter dem Namen «Windows K2» – eine langfristige Microsoft-interne Initiative, mit der man Windows zu alter Grösse und Beliebtheit zurückführen will. Es ist sogar die Rede davon, dass Microsoft das Ziel hat, dass die Nutzer wieder «stolz» sind, das OS zu nutzen. Nichts könnte mir in diesem Zusammenhang egaler sein als Stolz. Ich wäre schon «zufrieden», wenn Windows normal nutzbar wäre.


Mit Windows K2 setze man nun auf die drei Werte Leistung, Handwerkskunst und Zuverlässigkeit, so Bowden. Und genau diese drei Themen sollen auf Basis von Feedback, Telemetriedaten und Kunden-Fokusgruppen nun gleichermassen adressiert werden. Das alles sei auch auf einen «riesigen Kulturwandel» in Redmond zurückzuführen. Man setze heute nicht mehr auf maximale Geschwindigkeit, um Features zu launchen, sondern auf Zuverlässigkeit und Sinnhaftigkeit.

Was ich da lese, entspricht in etwa meinen kühnsten Tagträumen. Ein schlankes Windows ohne Bloatware. Ein Windows, das sich nicht an Shareholder-Ansprüchen, sondern an Nutzerbedürfnissen orientiert. Ein Windows ohne etwas anderes als Windows drin.

Ich würde das ganze wirklich gerne glauben. Das fällt mir aber wirklich schwer.
Matthias Wintsch, Redaktor
mwintsch@swissitmedia.ch


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