HR-Abteilungen stehen aktuell vor einer paradoxen Entwicklung: Während Künstliche Intelligenz (KI) Prozesse beschleunigen und verbessern soll, führt ihr Einsatz gleichzeitig zu mehr Aufwand auf Seiten der Recruiter. Lebensläufe werden heute oft mithilfe von generativer KI optimiert und in grosser Zahl verschickt. Die Folge: Schweizer HR-Teams werden regelrecht von Bewerbungen überflutet. Die eigentliche Herausforderung liegt daher nicht mehr nur im Finden von Talenten, sondern im effizienten Filtern und Validieren.
Denn Kandidaten nutzen generative KI intensiv, um Lebensläufe zu optimieren, Anschreiben zu erstellen und sich automatisiert auf zahlreiche Stellen zu bewerben. Das führt zu besagter Flut an formal überzeugenden, aber nicht immer authentischen Bewerbungen.
Fürs HR bedeutet das: mehr Zeitaufwand für die Prüfung von Unterlagen, intensivere Interviews und zusätzliche Validierungsschritte. Es braucht zwingend ein geschultes menschliches Auge, um die Unterlagen zu bewerten und um zu erkennen, ob der Kandidat über sich berichtet oder den gesamten Prozess an eine Maschine ausgelagert hat. Unternehmen setzen daher auf einen Skills-basierten Ansatz: Nicht mehr nur klassische Qualifikationen zählen, sondern konkrete Fähigkeiten, insbesondere im Umgang mit KI-Technologien.
Die Verlockung, den eigenen Lebenslauf so weit zu optimieren, dass er das eigene Bild tatsächlich verzerrt, ist hoch. Anpassungen sind innerhalb von Sekunden gemacht, aus einem vierwöchigen Kurs samt Zertifikat wird rasch ein halbes Bachelor-Studium. KI kann für Bewerber klare Hilfen bieten, etwa bei der Recherche, beim Formulieren von Unterlagen und bei der Vorbereitung auf Interviews; richtig und vor allem fair eingesetzt, kann sie den Bewerbungsprozess effizienter und zielgerichteter machen. Doch entscheidend bleibt die Balance. Wer sich zu stark auf KI-generierte Inhalte verlässt oder diese unkritisch übernimmt, riskiert seine Glaubwürdigkeit. Denn spätestens im persönlichen Gespräch zeigt sich, ob Erfahrung und Kompetenzen tatsächlich vorhanden sind.
KI ist ein Werkzeug, nicht mehr und nicht weniger. Den Unterschied machen nach wie vor die eigenen Fähigkeiten, die Persönlichkeit und die echte Erfahrung. Zumindest an diesem Punkt schafft Künstliche Intelligenz vor allem erst einmal Mehrarbeit. Denn wenn alle Lebensläufe entsprechend augenscheinlich perfekt formuliert und passgenau auf die ausgeschriebene Stelle zu passen scheinen, ist es an der HR-Abteilung, hier genau zu selektieren. Die Unternehmen können anstatt der üblichen maximal sieben Bewerber nicht plötzlich deren 30 oder gar 40 ins Vorstellungsgespräch einladen.
Nun ist diese Tendenz für den Moment nicht umkehrbar. Die Unternehmen tun gut daran, einen verlässlichen Prozess zu implementieren, um Lebenslauf und tatsächliche Fähigkeiten zusammenzubringen. Das kann beispielsweise durch einen vorgelagerten Auswahlprozess geschehen oder automatisierte Assessments, in denen die Kandidaten Aufgaben in einer bestimmten Zeitvorgabe lösen müssen, die mithilfe der KI nicht ohne Weiteres zu bewerkstelligen sind.
Denn es ist auch klar: In wirtschaftlich herausfordernden Zeiten können sich Schweizer Unternehmen Fehlbesetzungen, gerade an wichtigen Gelenkstellen, nicht leisten. Denn zu jeder Stelle gehört ein entsprechendes Onboarding und die folgende Einarbeitungszeit.
Christopher Grosse-Beilage
Christopher Grosse-Beilage ist mit mehr als zehn Jahre Branchenerfahrung im Personalberatungsbereich tätig und verfügt über ein tiefes Marktverständnis. Der studierte Betriebswirt leitet den IT-Bereich Nord-West-Germany bei Robert Half.