Es war im November 2022, als ChatGPT auf der Weltbühne auftauchte – und die Schweizer Jugend kollektiv in eine Berufssinnkrise stürzte. Kaum war der Chatbot online, brachen die Suchanfragen nach Berufen mit ausgeprägten kognitiven Fähigkeiten auf der Lehrstellenplattform LENA signifikant ein. Tippen, recherchieren, texten, programmieren – alles Dinge, die eine Maschine nun offenbar besser kann. Die logische Konsequenz der Jugendlichen? Lieber einen Beruf wählen, bei dem man mit den Händen arbeitet. Der Elektriker erlebt seine Renaissance. Der KI gegenüber ist er vorerst sicher – schliesslich kann ChatGPT keine Kabel verlegen.
Der Bildungsbericht Schweiz 2026 zeichnet ein Bild, das ebenso präzise wie beunruhigend ist. Die Zahl der Lehrstellensuchenden steigt – seit 2023 schliessen wieder mehr Jugendliche die obligatorische Schule ab, und bis 2033 wird die Schülerzahl auf der Sekundarstufe II um bis zu 21 Prozent zunehmen. Das ist die gute Nachricht für das Bildungssystem. Die schlechte: Die Unternehmen bilden weniger aus. Einige haben die Ausbildungstätigkeit schlicht reduziert oder ganz eingestellt. Das klingt nach klassischem Schweizer Timing: Die Demografie liefert mehr Jugendliche, genau dann, wenn die Wirtschaft sagt – «Danke, kein Bedarf.»
Immerhin – die höhere Berufsbildung wächst. Im ICT-Bereich entstehen munter neue Berufsbilder: Cybersecurity Specialist hier, AI Business Specialist dort. Der Bildungsbericht lobt die Flexibilität der höheren Berufsbildung ausdrücklich, rasch auf den technologischen Wandel zu reagieren. Und tatsächlich: Nirgends sonst im Bildungssystem werden neue Berufe so schnell aus dem Boden gestampft wie dort. Dennoch brauchen die eidgenössischen Abläufe, die einen qualitativ hochwertigen Abschluss sicherstellen, Zeit. Zeit die wir nicht haben, denn im Gegensatz zur Bürokratie sprintet die Technologie voran.
Betreffend der Künstlichen Intelligenz stellt der Bildungsbericht fest, dass generative KI kognitive Tätigkeiten wie Schreiben, Recherchieren und Programmieren zunehmend substituiert. Gleichzeitig betonen Forschende, dass KI hoch qualifizierte Arbeitskräfte weniger ersetzt als ergänzt – ihre Produktivität steigert. Mit anderen Worten: Wer die KI zu nutzen weiss, wird wertvoller. Wer sie ignoriert, wird ersetzbar. Das Bildungssystem müsste eigentlich genau diese Kompetenz – den souveränen, kritischen Umgang mit KI – ins Zentrum rücken. Tut es das? Nun ja. Der Bildungsbericht stellt fest, dass in der beruflichen Grundbildung KI-Tools zwar im privaten Alltag genutzt werden, der schulische Einsatz aber hinterherhinkt. Nicht alle Lehrberufe sind gleich exponiert. Und nicht alle Lehrpersonen sind gleich begeistert.
Die Schweiz ist gut positioniert – auf dem Papier. Das Berufsbildungssystem ist flexibel, die höhere Berufsbildung reagiert schnell, und die Jugendlichen sind pragmatisch genug, ihre Berufswahl den Marktgegebenheiten anzupassen. Aber Flexibilität allein reicht nicht, wenn die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe sinkt, die Bürokratie bremst und die KI schneller lernt als das System reagieren kann. Der ICT-Fachkräftemangel ist kein Naturgesetz. Er ist das Ergebnis kollektiver Trägheit – auf allen Seiten. Und während wir darüber diskutieren, hat ChatGPT wahrscheinlich bereits einen ersten Entwurf für die Lösung geschrieben. Ob sich die zahlreichen beteiligten Parteien darauf einigen können, ist allerdings eine ganz andere Frage.
Marc Marthaler
Kolumnist Marc Marthaler ist Geschäftsführer von ICT-Berufsbildung Schweiz. Nach dem Lehrerpatent hat er Sport an der Universität Bern studiert und war danach in verschiedenen Führungspositionen im Bildungsumfeld tätig. Er hat je einen MAS-Abschluss in Supervision & Organisationsberatung sowie Human Capital Management.