Ich schreibe oft über das Problem unserer Abhängigkeit von US-Software, und wenn ich das tue, denken die meisten an Microsoft, Google oder KI-Giganten wie OpenAI oder Anthropic. Die wahre Abhängigkeit hat sich aber mit Software wie Palantir und Epic Systems längst tiefer in unsere kritische Infrastruktur gefressen. Ich frage mich, warum gewinnen die US-Firmen eigentlich immer unsere Ausschreibungen? Insider sagen, dass die US-Software einfach besser ist. Persönlich beschäftigte mich in letzter Zeit der Siegeszug des US-Klinikinformationssystems Epic in Schweizer Spitälern, den Sie sicher auch bemerkt haben. Im Gegensatz zu lokalen (fragmentierten) Systemen bietet Epic nahtlose Interoperabilität über Spitalgrenzen hinweg (Care Everywhere) und funktionierende Patientenportale (MyChart). Dieser Komfort ist so hoch, dass wir dafür sogar den US Cloud Act akzeptieren und US-Behörden theoretisch auf unsere Gesundheitsdaten zugreifen lassen. Ziemlich absurd, dass wir unsere eigenen, innovativen Health-Tech-Start-ups in ein fast erstickendes regulatorisches Datenschutz-Korsett zwängen, dann aber US-Giganten den roten Teppich ausrollen.
Die Gretchenfrage lautet dann wohl, warum uns ebenbürtige Alternativen fehlen? Eine Antwort liegt im Rollenverständnis des Staates. Im Jahr 2009 verabschiedeten die USA den Hitech Act, mit dem der Staat Milliardenboni für Spitäler in Aussicht stellte, die private Software nutzten, die Interoperabilitätsstandards erfüllte. Dies fütterte den privaten Markt und löste einen enormen Innovationsschub aus. Das Resultat sehen wir heute in den fortschrittlichen Features von Epic. In Europa hingegen verfallen wir regelmässig dem Irrtum zu glauben, der Staat sei ein guter IT-Projektmanager. Das Resultat ist eine Kette von Fehlschlägen. Während wir das Bürokratiemonster Gaia-X erschufen, fütterten die USA AWS und Microsoft mit Milliardenverträgen der Geheimdienste. Während Europa an dysfunktionalen Polizei-Datenbanken bastelte, flossen US-Regierungsgelder über die Non-Profit-Investmentplattform In-Q-Tel direkt in die Entwicklung von Palantir.
In der Schweiz sehen wir genau dieses Muster beim Elektronischen Patientendossier (EPD). Der Staat scheitert als IT-Projektmanager an der Komplexität und der Innovationsgeschwindigkeit des Marktes. Das grösste Problem ist, dass die Schweizer Hersteller auf die Vorgaben des EPD warteten, anstatt selbst in Patientenportale zu investieren. Jetzt verlieren sie den Markt an Epic. Ein Kurswechsel ist nun zwingend. Der Staat ist der schlechteste IT-Projektmanager der Gegenwart und muss aufhören, als Software-Entwickler zu agieren. Er muss stattdessen klare Rahmenbedingungen setzen und als verlässlicher Ankerkunde auftreten. Wenn Bund und Kantone ihre Budgets gezielt für Public-Private-Partnerships nutzen, können wir mit unseren enormen Talenten eine eigene, wettbewerbsfähige Industrie hochziehen. Lassen wir die Wirtschaft wieder in den «Driving Seat» und geben wir unseren Fachkräften endlich die Aufträge, die sie verdienen!
Matthias Herrmann
Matthias Herrmann ist Investor, Unternehmer und Berater in den Bereichen Innovation, IT und Gesundheitswesen. Er leitet den Bereich Digital Health und den Digital-Health-Fonds bei der Firma Tenity und ist als Experte für die Bereiche Life Sciences und ICT für die Innosuisse tätig. Er ist ausserdem Verwaltungsrat der NGO Make Me Smile International und unterstützt mehrere Start-ups im Advisory Board.