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Editorial

Wie Google seine News-­Suche selbst zerstört

Jüngst sorgte die Schlagzeile für Aufsehen, wonach Google derzeit offenbar damit experimentiert, Original-Headlines von News-Artikeln in den Suchresultaten durch KI-generierte Titel zu ersetzen.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2026/04

     

Das ist bemerkenswert, denn Google greift damit nicht nur in die Auffindbarkeit journalistischer Inhalte ein – was für sich allein bereits nicht unproblematisch, aber hinlänglich bekannt ist –, sondern direkt in deren Aussage. Publik wurde der Fall durch einen Bericht der US-Plattform «The Verge». Dort wurde dokumentiert, wie Google Headlines von Artikeln umformuliert – sodass teils nicht nur die Tonalität, sondern die gesamte Aussage verändert wird. Das ist problematisch, denn eine Headline hat im Journalismus nicht bloss die Aufgabe, den potenziellen Leser zum Klicken zu bewegen. Vielmehr soll sie eine Meldung verdichten und einordnen. Und damit einher geht redaktionelle Verantwortung. Google greift damit in die publizistische Leistung ein – und das erst noch unter Zuhilfenahme von KI.


Dass Google im Zusammenhang mit News besonderen Gefallen an KI zu haben scheint, passt zu einer Beobachtung, die ich kürzlich selbst machte. Und zwar suchte ich Informationen zu einem (längst überfälligen) neuen Album einer Band, die ich mag. Bei dieser Suche («Bandname» plus «neues Album») auf Google News tauchten zuoberst vornehmlich reisserische Meldungen einer Plattform namens «Ad-Hoc-News» auf. Dabei zeigte sich rasch, dass die Texte dahinter nicht nur offenkundig KI-generiert und schlecht geschrieben sind, sondern vor allem frei erfunden und inhaltlich kompletter Blödsinn. Mit News hat das weniger als nichts zu tun, das ist nur noch algorithmisch skalierter Clickbait.
Denkbar schlechte Erfahrungen mit Google News machten unsere Redaktion wie auch die Redaktionen anderer Schweizer Tech-Medien aber bereits im vergangenen Sommer. Innerhalb der Sektion «Wissenschaft und Technik» fanden sich plötzlich zuhauf Produktfragen aus Foren (vornehmlich von Digitec), Deal-Beiträge oder andere kommerzielle Inhalte. Trotz mehrmaliger Hinweise seitens der Verlage schaffte es Google über Wochen und Monate nicht, diese Inhalte zu bereinigen und stattdessen relevante Meldungen anzuzeigen. Inzwischen sind die Foren-Fragen zumindest von den News-Seiten verschwunden, dafür findet man – welch Wunder – Inhalte unserer KI-Freunde von «Ad-hoc-News» oder anderer Perlen wie «IT Boltwise», die am 31. März 2026 mit Schlagzeilen lockten wie «Google Pixel 8: Kompaktes Flaggschiff mit starker KI-Integration» oder «Google Pixel 8: Das Flaggschiff-Smartphone von Alphabet im Detail – Technik, Marktposition und Investorenperspektive»! Spannend, allerdings: Das Google Pixel 8 wurde im Oktober 2023 veröffentlicht. Mit News hat das nicht mehr viel gemein.

Das ist nicht nur peinlich. Es ist geschäftsschädigend. Wenn minderwertige oder nicht-journalistische Inhalte Reichweite abschöpfen, kostet das Verlage Aufmerksamkeit, Traffic, Werbeeinnahmen und Glaubwürdigkeit. Google spricht gern von Partnerschaft mit Verlagen. In der Praxis wirkt Google News derzeit eher wie ein System, das Qualitätsjournalismus systematisch entwertet.


«Die Informationen dieser Welt organisieren und allgemein zugänglich und nutzbar machen», so lautete einst die Mission von Google. Und als Suchmaschine dem Nutzer die relevantesten Inhalte so einfach wie möglich zugänglich zu machen, war einst die Kernkompetenz. Schaut man sich den Umgang von Google nur ums Thema News an, könnte man aktuell nicht weiter sowohl von seiner ursprünglichen Mission als auch seiner einstigen Kernkompetenz entfernt sein. Der Dienst ist unbrauchbar geworden.

Bleibt nur zu hoffen, dass Google News kein Vorbote auf die Zukunft der gesamten Google-Suche ist.
Marcel Wüthrich, Chefredaktor
mwuethrich@swissitmedia.ch


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