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Kolumne: Kampf der Bildschirmformate

Heinz Scheuring über hochformatige Videos und Bilder – und was sie mit der Softwareentwicklung zu tun haben.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2026/04

     

Vor zwanzig Jahren feierten wir den Wechsel von den beengenden 4:3-Bildschirmen auf das 16:9-Format als signifikanten Fortschritt. Experten und Konsumenten waren und sind sich einig: Das Breitbild entspricht dem menschlichen Blickfeld deutlich besser als das nahezu rechteckige Format der Röhrenbildschirme von damals. Auf manchen Schreibtischen hat mittlerweile gar 21:9 Einzug gehalten und bietet Usern – häufig in Verbindung mit 24- oder 32-Zoll-Bildschirmen – üppige Gestaltungsmöglichkeiten.

Beinahe zeitgleich begann der Siegeszug des Smartphones. Mit dem Gerät hat der Trend in die Breite eine unerwartete Wendung genommen: Plötzlich war das Hochformat das Mass aller Dinge. Dass das Handy in der Position gut in der Hand liegt, ist unbestritten. Und auch beim Konsumieren von News oder anderem Content ist das Hochformat klar überlegen – nicht von ungefähr reduzierten Zeitungen schon vor Jahrhunderten die Zeilenlänge durch den Mehrspaltensatz, damit das Auge den Text besser erfassen kann. Der Gedanke befeuerte auch die Innovation hochformatiger, A4-kompatibler Screens. Diese blieben indes eine Nischenerscheinung der 1980er- und 90er-Jahre.


Das Mobiltelefon hat dem Hochformat nun also zu einer erstaunlichen Renaissance verholfen. Dies allerdings ausgerechnet auch dort, wo man es am wenigsten erwarten würde: bei Bildern und sogar bei Videos, die von der Breite ganz besonders profitieren. Und so irren denn die Video-Fans am Strand mit hochkant gehaltenem Smartphone umher und bringen wenig Strand und Menschen, dafür viel leeren Himmel nach Hause. Man will für die Veröffentlichung im Whatsapp-Status oder auf Tiktok & Co. schliesslich gerüstet sein.
Aber auch in der Tagesschau werden die Zuschauer mit den stehenden Videostreifen «beglückt», als wollte man sie gewaltsam an diese Formatsünde erinnern. Die Schwindel erregende Verdreifachung der hochformatigen Aufnahme macht die Sache auch nicht besser. Die Social-Media-Hörigkeit hat uns nun also so weit gebracht, dass wir anerkannte Erkenntnisse über Wahrnehmung und Bildgestaltung kurzerhand über Bord werfen.

Doch nicht nur hoch statt quer bei Bildern und Videos lässt einen staunen. Ebenso bemerkenswert ist, mit welcher Energie Desktop-Anwendungen ins Mobile-Format gequetscht werden und dabei nicht selten einen Grossteil ihres Nutzens verlieren. Der Versuch, Excel im Bett zu nutzen, ist nur das Extrembeispiel solcher Verrenkungen. Spätestens hier ist die Frage angebracht, ob der Roman auf dem Nachttisch nicht die bessere Wahl ist.


Wir sollten den Nutzen über Modeerscheinungen stellen. Und wir sollten dies als Anwender auch aktiv und laut tun – gegenüber Entwicklern und Anbietern. Dass Protest wirken kann, zeigte jüngst Spotify: Nach massiver Kritik mussten Funktionen, die dem mobilen Einheitsdesign geopfert worden waren, auf dem Desktop wieder eingeführt werden.

Geht doch. Nicht jedes Problem lässt sich hochkant lösen.
Heinz Scheuring ist Inhaber der Firma Scheuring in Möhlin. Das Unternehmen bietet Consulting und selbstentwickelte Software unter anderem für Ressourcenplanung, Projekt- und Arbeitsmanagement an. Er ist Autor der Fachbücher «Radikale Business Software» sowie «Effektiver arbeiten mit SAMM».
heinz.scheuring@scheuring.ch



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