Der Kampf gegen Online-Betrug ist für Finanzinstitute ein tägliches Ringen um Tempo und Überblick. Sie sehen sich immer ausgefeilteren Betrugsnetzwerken, schnelleren, grenzübergreifenden Geldbewegungen und einer wachsenden Zahl sogenannter Mule-Konten gegenüber. Dabei handelt es sich um Konten von Geldkurieren. Hier parken Betrüger Gelder kurzzeitig und leiten sie anschliessend weiter, um Spuren zu verwischen und Zeit zu gewinnen. Da solche Konten oft auf echte Personen laufen, wirken sie im System zunächst unauffällig und werden häufig erst verdächtig, wenn sich potenziell betrügerische Muster über mehrere Zahlungen verdichten. In Summe wird eine frühe Erkennung damit stetig schwieriger. Denn isoliert betrachtet kann eine einzelne Transaktion harmlos erscheinen, im grösseren Zusammenhang ist sie aber womöglich Teil einer Kette, in der Geld rasch verschoben und die Herkunft verschleiert wird.
Weltweit entstehen für den Finanzsektor laut Olivier Beaudet-Labrecque, Professor am Institut zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität an der Fachhochschule HEG Arc in Neuenburg und CEO des Schweizer Start-ups
Forenswiss, jedes Jahr Verluste von über einer Billion US-Dollar – mit einer zweistelligen Wachstumsrate. Für Banken bedeutet das aber nicht nur finanzielle Schäden, sondern auch hohen operativen Aufwand. Rückabwicklungen, Reklamationen, interne Abklärungen und zusätzlicher Druck auf Support, Compliance- und Risikoabteilungen gehören zum Alltag. Gleichzeitig erwarten Kundinnen und Kunden, dass verdächtige Zahlungen möglichst früh erkannt und aufgehalten werden. Hier geraten viele Institute an Grenzen, weil entscheidende Hinweise oft ausserhalb der eigenen Systeme liegen. Die Sicherheitsmassnahmen erfassen meist nur, was im eigenen Haus passiert. Was hingegen zuvor in Betrugsnetzwerken geschieht, liegt ausserhalb ihres Radius, wie Beaudet-Labrecque erklärt.
Aus einem Forschungsprojekt wurde ein Start-up
«Ein Teil unseres Gründerteams hat jahrelang zu Online-Betrug, Täuschungsmechanismen und der Verhaltensdynamik von Cyberkriminellen geforscht», sagt Beaudet-Labrecque. Aus diesem Hintergrundwissen ergab sich die Fragestellung, warum Banken Transaktionen zwar gut überwachen, das Vorfeld der Betrugsökonomie derweil aber oft nur indirekt beobachten können. Und so entwickelte sich aus einem Forschungsthema eine Produktidee. Das Unternehmen
Forenswiss wurde anschliessend im Januar 2024 skizziert und 2025 als Schweizer Kapitalgesellschaft eingetragen.
Signale vor der Transaktion
«Wir sammeln exklusive Betrugsinformationen und liefern diese an Finanzinstitute, damit sie ihre Kundinnen und Kunden sowie sich selbst besser schützen können», sagt der CEO. Ziel ist, Risiken früh sichtbar zu machen, damit Banken nicht erst reagieren können, wenn eine verdächtige Zahlung bereits ausgelöst wurde.
Der Ansatz beruht auf der Überlegung, dass sich relevante Hinweise zu möglichen Betrugsversuchen schon im Vorfeld erkennen lassen. «Forenswiss ist ein Fraud-Intelligence-Service, der generative KI nutzt, um in kontrollierten Umgebungen mit Betrügern zu interagieren», erklärt der CEO. Gemeint sind abgeschottete Settings, etwa virtuelle Kontakt- und Kommunikationsräume, in denen sich Betrugsmaschen beobachten lassen, ohne dass bereits Zahlungen ausgelöst oder reale Kundendaten verwendet werden. Das Unternehmen spricht von Intelligence aus erster Hand, also von Hinweisen, die nicht bloss aus bestehenden Datenbanken stammen, sondern aus eigenen Interaktionen mit Betrügern und folgenden Beobachtungen.
Für Banken können diese Informationen entscheidend sein, weil sie im Tagesgeschäft nur bedingt mit unspezifischen Warnungen arbeiten können, also etwa mit allgemeinen Hinweisen wie «verdächtige Aktivität möglich» ohne Bezug zu einem konkreten Empfänger, Konto oder Muster. Der Mehrwert des Angebots von
Forenswiss soll deshalb aus konkreten Hinweisen bestehen, etwa zu auffälligen Empfängerkonten, bekannten Geldkurier-Konten oder wiederkehrenden Betrugsmustern, mit denen die Institute operativ arbeiten können. Der Dienst verspricht nicht einfach mehr Informationen, sondern früher verwertbare, zielgerichtete Hinweise.
Echtzeit-Feed für Banken
Forenswiss liefert den Banken Erkenntnisse als laufenden Datenfeed. Der Anbieter spricht von einem Echtzeit-Stream mit Informationen zu validierten betrügerischen Konten, bereit für die automatisierte Integration in die jeweiligen Banksysteme. So können die Finanzinstitute Konten oder Empfänger, die in Betrugsketten auftauchen, früh überwachen, bevor Gelder verschwinden. Denn gerade wenn Geld in kurzer Zeit über mehrere Konten und Ländergrenzen bewegt wird, zählt für Banken oft jede Minute. Zusätzlich stellt das Jungunternehmen Kontextinformationen und Berichte bereit, damit Teams aus Compliance, dem operativen Zahlungs- und Fraud-Betrieb sowie der Geldwäscherei-Prüfung nachvollziehen können, warum ein Konto oder Empfänger auffällig wirkt.
Wie der Datenstrom genutzt wird, entscheidet aber jedes Institut selbst. Er kann bestehende Prüfungen ergänzen, laufende Fälle mit Zusatzinformationen anreichern oder Systeme unterstützen, die Zahlungen freigeben oder stoppen. Entscheidend ist, dass ein Warnsignal früher vorliegt und eine Abklärung rascher ausgelöst werden kann. Im Idealfall verschiebt sich der Fokus damit ein Stück weit von der reinen Reaktion hin zu einer proaktiven Einschätzung von Risiken.
Zusatzschicht statt Ersatz
Genau darin sieht das Start-up den Unterschied zu klassischen Erkennungssystemen. «Traditionelle Erkennungssysteme, ob regelbasiert oder KI-basiert, identifizieren Betrug erst, wenn er die Bank erreicht», erklärt Beaudet-Labrecque. Solche Systeme arbeiten mit Transaktionsmustern, internen Regeln oder bereits bekannten Auffälligkeiten. Das ist zwar wertvoll, setzt aber meist nur dort an, wo eine verdächtige Aktivität im Institut bereits erfolgt ist.
Der Dienstleister versteht sein Angebot daher als vorgelagerte Zusatzschicht für die bestehenden Schutzmechanismen. Konten und Empfänger sollen rechtzeitig als Risiko markiert werden, damit Banken gezielter entscheiden können, ob sie eine Zahlung prüfen, stoppen oder freigeben wollen. Im besten Fall konzentrieren sich die Teams in Folge stärker auf die Fälle, bei denen tatsächlich Handlungsbedarf besteht. Somit soll das System helfen, operative Ressourcen gezielter einzusetzen und Fehlalarme besser einzuordnen.
Partnerschaften, Finanzierung und künftiger Ausbau
Beim Ausbau dieses Geschäftsmodells setzt
Forenswiss aktuell unter anderem auf Partnerschaften. «Wir kooperieren mit Behörden in der Schweiz und im Ausland, und wir haben das Privileg, Teil einer Europol-Arbeitsgruppe zu KI und Cybercrime zu sein», sagt Beaudet-Labrecque. Ebenso wichtig sei laut dem CEO aber auch der Austausch mit den Instituten selbst: «Unsere Beziehungen zu unseren Kunden – Finanzinstitute – sind von unschätzbarem Wert. Wir arbeiten eng mit ihnen zusammen, um neue Massnahmen und Services zu entwickeln, die sowohl ihre Kundinnen und Kunden sowie ihr Institut schützen.» Unterstützt werde das Start-up zudem von SICTIC und Business Angels Switzerland.
Parallel arbeitet das Team von Forenswiss an der nächsten Ausbaustufe: «Wir entwickeln derzeit neue Wege, um Hinweise im gesamten Online-Betrugsökosystem zu sammeln.» Geografisch liegt der Schwerpunkt vorerst auf Europa, doch die Ambition reicht weiter. «Wir arbeiten zudem daran, nach Nordamerika zu expandieren», sagt der CEO. Das Ziel sei: Betrug früher sichtbar machen, bevor das Geld verschwindet.
(dow)