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Editorial

App-Slop: Die dunkle Seite von Vibe-Coding

Steigerung der Produktivität! Mehr Wohlstand für alle! Die Heilung von Krebs!

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2026/01

     

Das und so viel mehr soll uns KI noch bringen, wenn man den allwissenden und selbstverständlich auch ehrlich selbstlosen Visionären hinter den einschlägigen KI-Unternehmen Glauben schenken will.

Der heutige Output von KI besteht aber mindestens zu gleichen Teilen aus Perlen wie aus völligem Abfall. Letzteren bezeichnet man landläufig als «Slop» respektive «KI-Slop» (aus dem Englischen für «Matsch/Schlamm»).


Die Realität Anfang 2026 sieht nun so aus: Der Feed eines frischen Youtube-­Accounts beinhaltete Ende 2025 etwa einen Viertel KI-Slop. In Südkorea haben KI-Slop-Videos rund 8,5 Milliarden Views, Spanien zählt über 20 Millionen Abonnenten von KI-Channels. Und wer ein Tutorial für ein beliebiges Thema googelt, kann den exakt selben, generischen Artikel auf fünf unterschiedlichen (wohl ebenfalls KI-generierten) Websites finden. Slop-Erstellung ist heute ein Businessmodell, um sich Klicks zu erschummeln.

Auch ist Slop auf der Weltbühne angekommen. Eine Reihe von Politikern – auf Namensnennungen verzichten wir an dieser Stelle – lassen sich heute schamlos dazu herab, teils absurde KI-Bilder und -Videos von sich und anderen zu posten. Und sie sägen damit an den Grundpfeilern halbwegs gesunder Kommunikation mit der Öffentlichkeit.

Last but not least profitiert der Unternehmensbereich offenbar weniger, als die KI-Propheten predigen. Besonders eine Studie zum Thema Work-Slop (mit KI generierte, unbrauchbare Arbeit) hat 2025 grosse Beachtung gefunden. 95 Prozent der Befragten spüren kaum Verbesserungen mit dem KI-Einsatz, 40 Prozent haben bereits einmal Work-Slop erhalten. Das bringt wenig. Im Gegenteil: das kostet.
Und das alles ist erst der «legale» und soweit akzeptierte Einsatz von KI. Wie stark die Technologie Kriminellen in die Hände spielt, steht nochmal auf einem anderen Blatt.
Wer nun glaubt, dass diese Entwicklung bei Youtube-Shorts, Deepfakes und haarsträubenden Powerpoint-Folien des übernächtigten Praktikanten Halt macht, irrt in meinen Augen ganz gewaltig.

In der vorliegenden Ausgabe haben wir ein Vibe-Coding-Tool getestet. Programmieren in natürlicher Sprache – jeder kann Entwickler sein! Dass damit jede und jeder im Laufe eines Nachmittags eine App bauen und publizieren kann, ist auf dem Papier toll, wie immer gibt’s aber auch eine Schattenseite.


Der Satz «Du, ich habe eine grossartige Idee. Und du arbeitest ja in der IT. Willst du mit mir eine App bauen?» ist ein geläufiger Running-Gag und hat mittlerweile sogar popkulturelle Relevanz.

Und dank KI brauchen all diese «Visionäre» den Programmierer im Bekanntenkreis nun nicht einmal mehr.

Angesichts der oben genannten Erkenntnisse zu KI-Slop halte ich das für bedenklich. Wollen wir, dass nach Youtube und Facebook auch noch die App Stores mit App-Slop gefüllt werden? Wollen wir ein Internet, das aus generischen, sich tausendfach wiederholenden Web-Anwendungen besteht, unter denen die wahren Software-Perlen untergehen? Wollen wir den talentierten (und oft wahrlich visionären) Software-Entwicklern dieser Welt wirklich auf diese Art das Wasser abgraben? Ich nicht.
Matthias Wintsch, Redaktor
mwintsch@swissitmedia.ch


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