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Swiss Made Software: KI braucht Ehrlichkeit

Bestehende Prozesse lassen sich im ERP-Umfeld gut mit KI anreichern, um einen Mehrwert zu schaffen.

von Christian Walter, swiss made software

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2026/01

     

Wie zeichnet man sich im gegenwärtigen KI-Hype aus? «Durch Ehrlichkeit», so Simon Lüdi, CEO des ERP-­Herstellers Dynasoft. «Als Software-­Partner müssen wir den Kunden klar zeigen, wo der Mehrwert einer neuen Technologie liegt. Wir tun uns keinen Gefallen, wenn wir irgendwelche Produktivitätsmärchen erzählen.» Gerade im eher bodenständigen ERP-Geschäft ist diese Haltung angebracht. Zumal die direkte Zusammenarbeit mit den Geschäftskunden sowie das Aufnehmen ihrer Bedürfnisse ein wichtiger Innovationstreiber sind.


Als erstes Beispiel führt Lüdi hier das Prozessieren von Daten an, die bereits im ERP hinterlegt sind. So können einmal hinterlegte Produktbeschriebe für einen Webshop automatisiert in viele Sprachen übersetzt werden. Gleichzeitig werden diese Texte für klassische Suchmaschinen sowie AI-Search optimiert. «Der Nutzer legt diese auf Deutsch ab, den Rest macht unsere ERP-Suite Tosca», so Lüdi. Das spart konkret Ressourcen und funktioniert sehr gut.

Unstrukturierte zu strukturierten Daten

Genauso ist KI ein mächtiges Werkzeug, um unstrukturierte Daten in strukturierte Daten zu überführen: In vielen Unternehmen kommen Bestellungen gemischt mit anderen Anfragen über eine info@-Adresse herein. Die relevanten Informationen können dabei im Körper der Mail stehen, in einem angehängten PDF oder sogar als Screenshot einer handschriftlichen Notiz. Bisher mussten diese Informationen weitgehend von Menschen gesichtet und systematisiert werden. Mittels KI werden die Bestellungen nun von anderen Anfragen getrennt und automatisiert in strukturierte Bestellaufträge verwandelt. Diese landen direkt im System. Dabei kann die KI sogar Plausibilitätswerte vergeben – also bewerten, wie wahrscheinlich die eigene Interpretation der Realität entspricht. «Alles, was einen bestimmten Wert überschreitet, muss kein Mensch mehr anschauen», erklärt Lüdi. Wie dieser Wert aussieht, wird bei der Einstellung des Systems mit dem Kunden und je nach Business entschieden. Auch hier kann ein konkreter Produktivitätsgewinn erzielt werden.


Ein anderes Beispiel kommt aus dem Bereich Kundenpflege. «KI kann automatisiert, personalisierte Geburtstagswünsche erstellen und verschicken», so Lüdi. Dabei werden Details aus der Kundendatenbank mit der Bestellgeschichte verknüpft. «Wohnt ein Kunde in Solothurn und kauft Wanderschuhe, gratuliert ihm das System und empfiehlt einen Besuch der Verenaschlucht», so Lüdi. Diese Nachrichten sind jedes Jahr anders und passen sich automatisch anhand der Kundeninformationen an.

Integration in Prozesse

Eine weitere Stärke ist die Integration von KI in bestehende Prozesse. Zum Beispiel im Bereich Logistik: Via Schnittstelle lässt sich die ideale Reihenfolge der Belieferung von zehn Adressen in den Prozess integrieren. «Das erleichtert die Arbeit des Disponenten enorm», erläutert Lüdi.

Dynasoft setzt dabei je nach Anwendung auf verschiedene externe KI-Anbieter. Die Einbindung erfolgt via API. «Wir haben aktuell klare Präferenzen, haben das System aber so gebaut, dass wir einfach andere Angebote integrieren können», erklärt Lüdi. Das ist einerseits getrieben von der schnellen Entwicklung im KI-Umfeld und andererseits von der geopolitischen Lage. «Das Thema Ehrlichkeit gilt genauso für die Partnerwahl wie für Funktionalitätsversprechen», so Lüdi. «Der Kunde muss hier immer transparent sehen, was integriert wird, beziehungsweise, dass etwas integriert ist.»


Zum Datenthema gehört auch der Bereich Bestellungsmanagement. Mittels KI-Anwendung kann ein Kunde entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt ist, Warenbestellungen auszulösen – mit anderen Worten Prognose und Bedarfsplanung. Auch hier lässt sich ein riesiges Regelset durch Prosa-Anfragen ersetzen.

Mit KI reden

Das geht einher mit der aktuellen Entwicklung von Tosca-Chat – dabei handelt es sich um einen Agenten, der ins ERP integriert ist und es dem Kunden erlaubt, via Prosa mit dem System zu interagieren. «Zeig mir, welche Artikel sich aktuell am besten verkaufen», oder «Wer sind meine zehn besten Kunden». Das System generiert dann automatisch die entsprechenden Informationen. «Das wäre theoretisch auch vorher schon möglich gewesen, aber nur mit Hilfe eines Entwicklers», erklärt Lüdi. «Der Vorteil ist, dass der Anwender mit dem System ad-hoc neue Betrachtungen anstellen kann, die nicht vorher im System angelegt worden sind».


Das hat natürlich auch Grenzen: So müssen die Daten, die zur Verfügung stehen, klar definiert sein. «Nicht jeder Mitarbeiter sollte das System fragen können, wer im Unternehmen wie viel verdient.» Mit anderen Worten, auch wenn der Nutzer jetzt vermehrt per Prosa mit dem System kommunizieren kann, müssen im Hintergrund klare Regeln für diese Kommunikation definiert worden sein.


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