Musik aus dem Handgelenk schütteln
Quelle: Mictic

Musik aus dem Handgelenk schütteln

Mit Mictic, einem Gadget Made in Switzerland, wird der Tester zum Musikinstrument.
26. März 2022

     

Man kann sich schon vorstellen, dass man sich bei einem Gadget-Test mal etwas zum Affen machen muss. Etwa, wenn man eine wuchtige und noch nicht ganz ausgereifte Augmented-Reality-­Brille in der Öffentlichkeit tragen muss oder ähnliches. Dass wir für einen Test aber einmal tanzen und kopfnickend Luftgitarre spielen müssen – das war so nicht vorgesehen. Aber es ist passiert.

Das Gadget, um das es auf den folgenden Seiten geht, heisst Mictic und soll es ermöglichen, selbst zum Instrument zu werden und mit Bewegungen Musik zu erzeugen. Es besteht aus zwei kleinen Armbändern aus Gummi, die man sich um die Handgelenke schnallt, und einer App, die im Apple App Store zur Verfügung steht. Im Kern ist Mictic damit ein Augmented-Reality-Gadget, aber für einmal nutzt es nicht wie die meisten AR-­Erlebnisse einen visuellen, sondern einen Audio-Output. Mictic ist weitgehendst Made in Switzerland: Es wurde vom gleichnamigen Zürcher Start-up in Zusammenarbeit mit Arendi, einem Spezialisten für Embedded-Lösungen ins Leben gerufen. Auch das Design stammt aus Zürich, die Elektronik wurde in St. Gallen entwickelt und zusammengebaut. Nur die Produktion der Armbänder hat man nach China ausgelagert. Ende 2021 hat Mictic ein Funding über 2,5 Millionen US-Dollar verkündet – ganz vorne mit dabei ist der prominente Musiker Moby.


Das Konzept ist so simpel wie bestechend: Mit je einem Mictic-Armband an jedem Handgelenk wird in der App eine Sound-Experience gestartet. Das kann entweder ein einzelnes, freies Instrument oder eine vorgefertigte Musiklandschaft in einem bestimmten Stil sein. Indem man die Hände verschieden positioniert und bewegt, entstehen Töne, oder der Klang verändert sich. Soweit zum Basiswissen. Let’s Rock.

Lieferumfang & Setup

In der Box finden sich lediglich zwei Armbänder aus Gummi mit der Sensorik drin, daneben gibt es ein USB-A-Lade­kabel, das sich gabelt und damit beide Bänder (die USB-C-Anschlüsse haben) gleichzeitig laden kann – elegant gelöst. Über den ebenfalls enthaltenen QR-Code oder direkt im App Store lässt sich die Mictic App für iOS herunterladen.

Nach dem Starten der App wird man aufgefordert, die Armbänder anzulegen und das Bluetooth-Pairing durchzuführen. Das alles klappt soweit gut, die Handbewegungen werden direkt mit zwei bunten Kreisen in der App angezeigt, was ein direktes Feedback für die erfolgreiche Verbindung gibt. Auffällig ist dabei aber eine kleine und doch deutliche Verzögerung zwischen den eigenen Handbewegungen und den bunten Kreisen auf dem Screen. Auch lassen sich die Armbänder nicht stufenlos festziehen, was das Anziehen manchmal zur Fummelei macht und den Tragekomfort etwas schmälert.


Die Mictic App ist im positiven Sinn einfach gehalten und wartet mit aufgeräumtem UX und übersichtlichem Funktionsumfang auf. Es gibt drei Kategorien, in denen man sich austoben kann: Die Soundscapes bieten vorkonfigurierte Musiklandschaften in unterschiedlichen Stilen wie Hiphop und Rock, die mit den Bewegungen der Mictic-Armbänder manipuliert werden können. Weiter finden sich Instrumente wie ein Cello oder verschiedene Gitarren, die sich recht frei spielen lassen. In der Songs-Kategorie sind derweil vordefinierte Lieder untergebracht, die man nachspielen kann.


Shake it!

Wenn man sich für eine Soundscape oder ein Instrument entschieden hat, geht die Action sofort los und die Musik beginnt zu spielen. Falls einem das zu schnell geht, kann man sich auch die hilfreichen und gut gemachten Tutorial-Videos zum ausgewählten Sound ansehen, die direkt in der App abgespielt werden können.

Das Musizieren in den Soundscapes funktioniert am Beispiel EDM (Electro Dance Music) folgendermassen: Der linke Arm ist für den Beat zuständig. Der Beat stoppt, wenn der Arm angehoben wird, und setzt sich fort, wenn man den Arm wieder waagrecht hält. Mit der rechten Hand können gleichzeitig zwei verschiedene Synthesizer hinzugeschaltet und in ihrer Tonlage manipuliert werden. Schüttelbewegungen an beiden Händen lösen spezielle Soundeffekte aus. Wenn beide Arme ganz gesenkt werden, stoppt die Show. Neben EDM (im Test unser Lieblingsgenre) gibt’s Hiphop, Trap, Rock und Latin als Musikstile, bei allen funktioniert die Steuerung etwas unterschiedlich.


Es hat einige Minuten gedauert, bis wir wirklich warm wurden mit der Steuerung, aber wenn man die erste Hürde mal geschafft hat, machen die Soundscapes immer mehr Spass, und man wippt langsam mit. Sobald der Rhythmus in Fleisch und Blut übergegangen ist, beginnt man, die Timings für spannende Übergänge und Kombinationen im Song zu suchen. Und schliesslich, wenn man die Kontrolloptionen verinnerlicht hat und einem der eigene Output anfängt zu gefallen, kann man sich kaum noch gegen den Groove wehren.

Ja, wir haben beim Test tatsächlich ein bisschen getanzt. Und nein, es gibt keine Videos davon (gottlob).


Saiten und Tasten

Etwas weniger flüssig gingen uns beim Testen die Instrumente von der Hand. Aktuell bietet Mictic sieben verschiedene an – von zwei Gitarren über ein Cello bis hin zu einem Theremin. Einige davon, wie die Gitarren und das Schlagzeug, sind etwas unhandlich in der Bedienung und haben uns nicht so lange gefangen. Dies vor allem, weil die angesprochene Latenz der Steuerung in den Weg kommt und die Griffe in die Saiten lange nicht immer das machen, was man sich vorstellt. Möglicherweise fehlte hier schlicht musikalisches Talent – für gewöhnliche IT-Redakteure eigenen sich die Soundscapes wohl besser. Bei allen Instrumenten ist es übrigens möglich, einen Beat oder ein Metronom zu hinterlegen, weiter können je nach Instrument der Grundton oder die Akkorde für das Instrument konfiguriert werden.


Die Songs spielen sich ähnlich wie die Instrumente. Hier werden aber an bekannte Songs angelehnte Akkord- und Klangkombinationen bereitgestellt, die sich mit der Luftgitarre beziehungsweise dem Luft-Cello nachspielen und mit verschiedenen Beats unterlegen lassen. Neben der Tatsache, dass stumpfes Nachspielen von Anfang an weniger Spass macht als Kopfnicken und wilde Improvisation, kommt einem auch hier die Latenz etwas in den Weg – denn gerade, wenn man die Melodien schon mal gehört hat, machen kleine Fehler beim Timing die Welt aus.

Auf den Bühnen der Welt

Das erste Erlebnis mit Mictic war definitiv spannend – aber doch noch etwas durchzogen. Gewisse Features und Instrumente fühlten sich noch etwas unfertig an und konnten nicht vollends überzeugen. Doch vor allem die Soundscapes machen von Beginn an Spass und erlauben ein sanftes Herantasten, bis sich der musikalische Erfolg einstellt und man sich gedankenverloren groovend inmitten der Musik wiederfindet.

Der Preis für die Armbänder liegt bei 139 Franken, was in unseren Augen absolut fair ist. Immerhin bekommt man hier ein originelles neues Konzept, umgesetzt mit ausgefeilter Technologie aus der Schweiz und einer zeitgemässen und sauberen App.


Und Luft nach oben ist bei Mictic definitiv da. Mit dem 2,5-Millionen-Funding darf man gespannt bleiben, was die Entwickler noch aus dem Gadget rausholen können, versprochen werden regelmässige Content- und Feature-Updates. Auch ist die Pipeline bei Mictic randvoll: Man verhandelt Partnerschaften mit den ganz Grossen (Verizon, T-Mobile und Samsung), ist Finalist bei der Tech-, Musik- und Filmmesse SXSW in Austin, klinkt sich in die Musikbildung in Schulen ein und schmiedet Pläne fürs Metaverse. Und natürlich ist auch eine Android-Version der App in Arbeit.

Und da Mictic bereits heute als MIDI-­Controller zum Einsatz kommen kann, erlaubt es den Einsatz weit über die Grenzen des privaten Dancefloors hinaus. Wer weiss – vielleicht gibt es ja schon bald Musiker und Tänzer, die mit den Mictic-Armbändern aus der Schweiz auf die physischen und virtuellen Bühnen der Welt steigen. (win)

Quicktest
Mictic ist eine originelle und gut umgesetzte Schweizer Idee, die Musikliebhaber herauszufordern und Musikmuffel aus der Reserve zu locken weiss. Die getestete erste Version des Produktes hat bezüglich Hardware noch Verbesserungspotenzial und könnte etwas mehr Inhalt vertragen, gehörig Spass macht es aber schon heute – für Gadget- und Musik-­Nerds ein guter Kauf.

Info/Hersteller: Mictic

Wertung: 5 von 6 Sternen


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