CIO-Interview: «MeteoSchweiz hat bezüglich Informatik die Nase im Wind»

CIO-Interview: «MeteoSchweiz hat bezüglich Informatik die Nase im Wind»

2. Oktober 2021 - Martin Schäfer verantwortet die IT bei MeteoSchweiz und stellt mit seinem Team die IT-Infrastruktur bereit, die nötig ist, damit die Schweizer Bevölkerung eine möglichst genaue Wetterprognose erhält. Wo dabei die Herausforderungen liegen, erklärt er im Interview.
Artikel erschienen in IT Magazine 2021/10
Swiss IT Magazine»: Wenn die Wettervorhersage das nächste Mal daneben liegt, darf ich dann Ihnen die Schuld in die Schuhe schieben?
Martin Schäfer:
Je nachdem… wenn alle Systeme tadellos funktionieren, dann haben wir seitens IT einen sehr geringen Einfluss auf die Prognose. Dann sind vor allem die Modellberechnungen sowie deren Parametrisierung entscheidend. Sollten die IT-Systeme für einmal aber nicht funktionieren, kann sich das in den Prognosen durchaus niederschlagen. Deshalb hat die Verfügbarkeit der Systeme für uns auch sehr hohe Priorität.

Gäbe es denn heute überhaupt noch Wetterprognosen ohne Informatik?
Grundsätzlich könnten Prognosen auch ohne IT erstellt werden. Wetterprognosen werden ja nicht nur lokal gemacht, es gibt globale Wettermodelle, deren Daten auch wir für unser eigenes Wettermodell nutzen. Diese globalen Modelle sind zwar deutlich weniger genau als unser Modell, doch sollten wir für einmal keine eigene Prognose erstellen können, gibt es immer noch übergreifende Vorhersagen für die Schweiz. Zudem sind unsere Prognostiker auch in der Lage, anhand von relativ wenigen Angaben händisch eine Wettervorhersage zu machen. Doch genaue Prognosen auf fünf Tage hinaus, wie wir uns das mittlerweile gewohnt sind, bedingen, dass die komplexen Modellberechnungen und damit alle unsere Systeme tadellos funktionieren.

Welche Bedeutung hat die grenzübergreifende Zusammenarbeit und welche Herausforderungen stellen sich dabei IT-seitig?
Die Bedeutung dieser Zusammenarbeit ist sehr gross. Die Modellberechnungen, die bei uns stattfinden, basieren auf Kooperationen mit anderen nationalen Wetterdiensten und Stellen, und wir beziehen auch Randdaten von diesen Organisationen. Zudem werden gewisse Produkte grenzübergreifend gemeinsam zur Verfügung gestellt, etwa rund ums Flugwetter. Wir sind also stark in einen internationalen Kontext eingebettet, sowohl durch Kooperationen als auch durch Datenlieferungen und den Bezug von Daten. Diese Daten sind weitgehend standardisiert, MeteoSchweiz ist in den entsprechenden Gremien auch mit an Bord. Wir müssen im Wesentlichen schauen, dass wir die entsprechenden Schnittstellen bereitstellen.
MeteoSchweiz unterhält am Nationalen Hochleistungsrechenzentrum der Schweiz in Lugano einen Supercomputer. Wie muss man sich die Betreuung eines solchen vorstellen?
Ich muss sie korrigieren – wir unterhalten respektive betreiben den Supercomputer nicht selbst, dafür ist die ETH zuständig, genauer das CSCS – das Swiss National Supercomputing Centre. Wir sind letztlich lediglich ein Nutzer dieses Supercomputers und pflegen in dem Bereich eine sehr enge Zusammenarbeit mit der ETH. Zu dieser Zusammenarbeit gehört unter anderem die Bereitstellung der Algorithmen, die auf dem Supercomputer dann ausgeführt werden. Dafür haben wir gemeinsam mit dem CSCS 2016 den Swiss ICT Award gewonnen, da wir die erste Organisation weltweit waren, die Wettermodelle auf einem Supercomputer mit Unterstützung von Grafikkarten berechnet hat. Hierbei kommt hochspezialisiertes, Hardware-nahes Wissen zur Anwendung, wofür MeteoSchweiz ein dediziertes Team beschäftigt.

Wenn schon keine Supercomputer – welche Infrastruktur betreuen Sie und Ihr Team denn? Und wo liegen die Besonderheiten in der IT von MeteoSchweiz?
Eine Besonderheit ist sicherlich, dass wir zwar ein Bundesamt sind, als solches aber eine komplett eigene IT betreiben. Dies ist dadurch bedingt, dass unsere Anforderungen speziell sind. So gibt es bei MeteoSchweiz in der IT einerseits den Bereich Forschung und Entwicklung, wo wir etwa rund um Klimamodelle oder bezüglich Starkniederschlag aktiv neue Wege suchen. Andererseits müssen wir eine hochstabile Infrastruktur betreiben, die 24/7 und 365 Tage im Jahr verfügbar sein muss. Dies nicht einmal unbedingt, um Wetterprognosen zu erstellen. MeteoSchweiz ist daneben auch für Warnsysteme verantwortlich, sowohl was das Wetter betrifft, aber auch andere Ereignisse rund um die Atmosphäre. Das geht hin bis zur Ausbreitung von Radioaktivität – was hoffentlich nie eintreffen wird. Daneben stellen wir auch das Flugwetter bereit, ein Bereich, der ebenfalls kritisch ist. Und wir richten unsere Wartungsfenster sprichwörtlich nach dem Wetter aus.

Ist der hohe Anspruch an die Verfügbarkeit auch ihre grösste Herausforderung?
Die Verfügbarkeit ist sicherlich eine der grossen Herausforderungen. Dies vor dem Hintergrund, dass auch bei uns die Mittel begrenzt sind und wir dabei immer den optimalen Mittelweg zwischen stabilem Betrieb und Veränderung respektive Weiterentwicklung finden müssen. Doch Verfügbarkeit ist längst nicht die einzige Herausforderung. So ist auch unsere Informatik organisch gewachsen und die Anforderungen sind sehr heterogen, was eine sorgfältige Planung von Lebenszyklen bedingt. Zudem müssen wir uns angesichts unserer Grösse – mit rund 360 Mitarbeitenden gelten wir als KMU – mit einer doch hohen Komplexität in der Informatik auseinandersetzen.
 
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