Start-up: Anapaya entwickelt das Internet der Zukunft

Start-up: Anapaya entwickelt das Internet der Zukunft

4. September 2021 - Anapaya gewährleistet die Kontrolle darüber, wie Daten im Internet der nächsten Generation übertragen werden. Aus einem Forschungsprojekt der ETH Zürich hervorgegangen, entwickelt das Start-up Technologie, die Legacy-Protokolle im WWW ersetzen soll.
Artikel erschienen in IT Magazine 2021/09
Das Management-Team von Anapaya: (v.l.n.r) Martin Bosshardt (CEO), Sam Hitz (CTO), Leah Ladines (Marketing), Mortiz von Graffenried (Finance), Olivier Moll (Product Management) sowie Lars Schütt (Sales). (Quelle: Anapaya)
Anapaya Systems ist ein Schweizer Start-up und ETH-Spin-off, dessen Ziel es ist, industrietaugliche SCION-­Komponenten (Scaliability, Control and Isolation On Next-Generation Networks, dazu später mehr) zu entwickeln sowie ein internationales Ökosystem aufzubauen, das SCION-basierte Dienste anbietet. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Zürich und wird seit Februar 2021 von Martin Bosshardt als CEO geleitet. Zu den Gründern gehören die drei ETH-Professoren Adrian Perrig, David Basin und Peter Müller sowie der heutige CTO Samuel Hitz. Alle sind auch heute noch für Anapaya tätig.

«Anapaya gewährleistet echte Kontrolle darüber, wie Daten im Internet der nächsten Generation übertragen werden», erklärt CEO Martin Bosshardt die Grundidee von Anaypay kurz und knapp. «Da SCION nicht von einer Hochschule kommerzialisiert werden kann, haben wir 2017 die Firma Anapaya Systems gegründet», erklärt Bosshardt, der seit 2020 Teil des Verwaltungsrats des Start-ups ist.


«Anapaya ist kommerzieller Anbieter der SCION-Technologie, die seit über einem Jahrzehnt an der ETH entwickelt wird.» Anapayas Lösungen sollen Unternehmen rund um den Globus eine Möglichkeit zur Hand geben, geschäftskritische Daten sicher und transparent über das Netzwerk zu transportieren und Informationen zwischen Unternehmensstandorten, vertrauenswürdigen Partnern und Cloud-Anbietern zu senden.

Doch was stimmt mit dem Internet heute denn nicht? «In den letzten Jahren hat sich das Bewusstsein für Sicherheit und Datenschutz geschärft. Wir sind auf einen ständigen Internetzugang über unsere Mobiltelefone angewiesen, um mit anderen zu kommunizieren, unsere Ärzte tauschen immer mehr Daten aus, und unsere Banken benötigen jederzeit eine Verbindung, um sicherzustellen, dass unsere digitalen Bankanwendungen sicher und zuverlässig sind», schreibt das Start-up in einem Blogpost, und weiter: «Keiner dieser Anwendungsfälle schwebte den ursprünglichen Erfindern des Internets vor, aber sie sind heute de facto zu Anwendungsfällen geworden. Daher war es notwendig, statt einer evolutionären eine revolutionäre, Internet-Architektur zu entwickeln und einzuführen.»

Um die Value Proposition von Anapaya zu verstehen, muss man also auch SCION verstehen: Eine neuartige Internet-Architektur mit aktuellen Sicherheits- und Skalierungseigenschaften, die die Einschränkungen des IP- und BGP-basierten (Border Gateway Protocol) Internets überwinden soll. «Eine vollständige Revolution ist zwar nie einfach, aber das SCION-Design ist auf schrittweise Einführung und Rückwärtskompatibilität ausgerichtet», erläutert Bosshardt. «Das Projekt hat den akademischen Status bereits vor Jahren verlassen und wird heute von kritischen Industrien und Regierungen in Betracht gezogen.»

Das Problem und die Lösung

Auf einer groben Ebene betrachtet, sind die Grundsätze der Datenübertragung im derzeitigen Netz sehr einfach gestaltet – ein Endnutzer gibt den Empfänger der Daten an und sendet den Traffic an seinen eigenen Netzbetreiber. Dieser kann dann entscheiden, wie die Daten den gewünschten Empfänger erreichen sollen. Was aber, wenn dieser Status quo geändert werden soll? «Könnten wir sagen, dass wir wollen, dass der Absender nicht nur den Empfänger, sondern auch den Weg dorthin vorgibt? Dieses Konzept wird in der Netzwelt als pfadabhängiges Netzprotokoll bezeichnet», erklärt Bosshardt.

SCION ist also eine Alternative zu BGP, dem Netzwerkprotokoll, das derzeit für einen Grossteil des Datenverkehrs im Internet verantwortlich ist. Bei BGP haben die End-Hosts keine vollständige Kontrolle über den Weg des Pakets – sie können zwar angeben, wer es empfangen soll, aber nicht, wie es sein Ziel erreicht. Dies kann sowohl aus der Sicht der Sicherheit als auch der Benutzerfreundlichkeit problematisch sein.

Grundsätzlich sucht BGP nach verfügbaren Pfaden und wählt die schnellste Route aus. Dabei werden in den meisten Fällen mehrere Netzbetreiber und mehrere Länder durchquert. Das führt zu Fragen wie: Wie kann man sicher sein, dass der von BGP gewählte Weg auch der richtige ist? Denn beim ursprünglichen Entwurf von BGP gab es keine Sicherheitsvorkehrungen, die böswillige Parteien daran hindern, falsche Routen anzukündigen, so dass das Protokoll an sich anfällig für Hijacking-Angriffe ist. Genau diese Problematik will Anapaya aus dem Weg räumen.

Die SCION-IArchitektur zielt im Kern darauf ab, die derzeitigen Internet-Kernprotokolle auf globaler Ebene zu ersetzen und stellt eine grundlegende Abkehr vom heutigen, auf Routing-Tabellen basierten Internet dar. Via SCION hat der Absender die volle Kontrolle über den Weg, den das Paket zu seinem Ziel nimmt.

«Wir glauben, dass der Eigentümer der Daten, die über das Internet gesendet werden, das Recht hat, zu wissen und zu kontrollieren, wohin sie gehen», erklärt Bosshardt. «SCION gibt dem Einzelnen diese Macht, ohne dass irgendwelche politischen Bedingungen daran geknüpft sind. Zudem ist die Verwaltung bei SCION offen und dezentralisiert. Jede Einheit, etwa eine Gruppe von Internetdienstanbietern, ein Staat oder ein grosses Ökosystem, kann ihre eigene Verwaltungsstruktur definieren, die von den Netz­infrastrukturanbietern getrennt ist.»

Darüber hinaus geben die Lösungen von Anapaya dem Absender des Datenverkehrs die Möglichkeit zu wählen, welche Regionen der Welt die Pakete durchqueren sollen, um sicherzustellen, dass sie nicht durch nicht vertrauenswürdige Bereiche geleitet werden und die Kontrolle und der Datenschutz erhalten bleiben.
 
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