Kolumne: Unternehmen lernen, nur nicht alle gleich schnell

Kolumne: Unternehmen lernen, nur nicht alle gleich schnell

1. Mai 2021 - Fabian Dütschler über die Rekrutierung mittels Videocall.
Artikel erschienen in IT Magazine 2021/05
Fabian Dütschler ist Geschäftsführer von One Agency, einer führenden IT-Personaldienstleistungsagentur mit Hauptsitz an der Bahnhofstrasse in Zürich. In seiner Kolumne im «Swiss IT Magazine» beschäftigt sich Dütschler mit den Herausforderungen, die sich rund um die Personalsuche und die Karriere­planung ergeben. fd@oneagency.ch (Quelle: One Agency)
Vor etwas mehr als einem Jahr hat uns die Botschaft erreicht, dass nun auch die Schweiz von der Coronapandemie betroffen sei. Ich mag mich gut erinnern, wie damals alle Unternehmen ein bis zwei Monate in völliger Schockstarre waren. Ich habe dies vorher in dieser Art und Weise noch nie gesehen, auch nicht in der Finanzkrise 2008.

Kaum ein Unternehmen hat in diesen zwei Monaten Leute eingestellt. Der Rekrutierungsmarkt war für eine kurze Zeit tot. Ich fragte mich damals, wie die Zukunft wohl aussehen würde, und sah nur zwei Möglichkeiten. Entweder haben wir einen sofortigen massiven Wirtschaftseinbruch und eine grosse Arbeitslosigkeit oder die Unternehmen müssen sich an diese schwierige Situation, die bisher noch nie da war, anpassen und haben somit eine Chance, zu überleben. Ich habe mich damals für die zweite Option entschieden. Ich war im April 2020 fest davon überzeugt, dass die Unternehmen besonders in der Rekrutierung ihrer IT-Fachspezialisten neue Wege gehen müssen. Statt Face-to-Face-Interviews müssen Videocalls stattfinden. Es muss auch möglich sein, Personen einzustellen, ohne dass man sie vor Ort gesehen hat. Zudem muss ein Onboarding möglich sein, das nicht vor Ort stattfindet. Ich dachte mir: Easy, das sollte doch mit links machbar sein. Weit gefehlt! Diese Entwicklung war alles andere als easy. Letzten April hatte genau eines von 20 Unternehmen Videocalls im Bewerbungsprozess. Zoom und andere Plattformen waren den meisten HR-Personen nicht bekannt. Der normale Bewerbungsprozess bestand aus einem Telefoninterview und anschliessend einem Face-to-Face-­Interview vor Ort.
Personen einzustellen, ohne sie jemals zu Gesicht zu bekommen, war unvorstellbar. Lediglich eines von 64 Unternehmen hat Personen eingestellt, ohne sie gesehen zu haben, und nur eines von 79 Unternehmen hat es gewagt, das Onboarding auswärts zu machen.

Über die Hälfte der IT-Fachspezialisten, die wir an unsere Kunden in der Schweiz vermitteln, kommen aus der DACH-Region. Als die Grenzen zu waren, war plötzlich kein einziger Kunde mehr an ausländischen Spezialisten interessiert, da man im Rekrutierungsprozess völlig unflexibel und mit der Situation völlig überfordert war. Nur durch mühsame und aufwändige Aufklärung unsererseits ist es uns nun gelungen, dass die Situation erfreulicherweise ganz anders aussieht. 100 Prozent aller Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten (insgesamt über 1600 Unternehmen), haben in ihrem Bewerbungsprozess einen Videocall drin. Das Telefon-Interview und sogar das Face-to-Face-Interview haben klar ausgedient, weil sogar unglaubliche 85 bis 90 Prozent der Unternehmen Personen ohne ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht einstellen. Diese rasche Entwicklung hätte ich vor einem Jahr nicht erwartet. Mich freut es zu sehen, dass Schweizer Unternehmen sich im Kampf um die besten und qualifiziertesten Fachspezialisten rasch anpassen konnten.

Ich werde oft gefragt, ob ich denke, dass man nach der Pandemie wieder zum Altbewährten zurückkommen wird. Auf diese Frage entgegne ich immer dasselbe: Nein, eine neue Zeit hat begonnen. Das Alte hat ausgedient.

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