CIO-Interview: «Wir entwickeln grundsätzlich keine eigenen Lösungen»

CIO-Interview: «Wir entwickeln grundsätzlich keine eigenen Lösungen»

3. Oktober 2020 - Der Luzerner Uhren- und Schmuckkonzern ­Bucherer ist international aufgestellt. Dieser Umstand sowie ­der bevorstehende Rollout eines neuen ERP/POS-Systems sind die Herausforderungen, die CIO Roger Vetter mit seinem relativ kleinen Team meistern muss.
Artikel erschienen in IT Magazine 2020/10
Roger Vetter, CIO, Bucherer (Quelle: Bucherer)
Swiss IT Magazine»: Herr Vetter, Sie sind seit rund acht Jahren CIO bei Bucherer. Wie hat sich die IT der Gruppe in dieser Zeit verändert?
Roger Vetter:
Wir haben in den letzten acht Jahren die IT-Struktur von Bucherer in vielen Projekten stark vorangetrieben. Das Unternehmen ist in kurzer Zeit erheblich gewachsen, das stellt die IT vor entsprechende Herausforderungen. Das Team bei Bucherer war klein, aber sehr loyal und geprägt von Mitarbeitenden mit sehr hohem Spezialistenwissen. Durch den strategischen Fokus auf andere Bereiche kam es dabei im IT-Bereich zu einem gewissen Investitionsstau. Mit der Verpflichtung des neuen CEO verschrieb sich das Unternehmen jedoch einer konsequenten Wachstumsstrategie, im Rahmen derer wir unter anderem im Jahr 2013 in Paris eines der grössten Uhren- und Schmuckgeschäfte eröffnet haben.

Bucherer ist ein internationales Unternehmen. Wie ist die IT-Infrastruktur aufgebaut?
Die IT-Infrastruktur von Bucherer besteht im Grunde genommen aus drei geografischen Clustern. Zum einen England und die USA, wo wir grössere Akquisen getätigt haben, sowie die DACH-Region mit Dänemark. In Kontinentaleuropa befindet sich die ursprüngliche IT-Infrastruktur des Konzerns, während England nur sehr klein ist. In den USA schliesslich kümmert sich ein Team interner Mitarbeiter zusammen mit Outsourcing-Partnern um die IT von Tourneau, die Niederlassung von Bucherer in den USA. Dieses Team ist sehr autark. In der Schweiz wiederum wickeln wir relativ viele Projekte inhouse ab. So haben wir eigene Hardware im Einsatz, die in zwei Rechenzentren untergebracht ist. Wir betreiben ein eigenes Rechenzentrum an unserem Hauptsitz und verfügen darüber hinaus über eine georedundante Colocation-Lösung. Im Bereich der Endgeräte wiederum sind wir recht klassisch aufgestellt. Das sind im Headquarter hauptsächlich Notebooks und Thin Clients, in den Verkaufsgeschäften mehrheitlich Thin ­Clients. Bucherer hatte aber schon vor etwa 20 Jahren mobile Plasma-Screens an den Beratertischen, ähnlich den heutigen Tablets, mit denen das Verkaufspersonal die Kunden betreut hat. So wurde etwa die gesamte Zahlungsabwicklung darüber getätigt. Heute setzen wir Kassensysteme ein, die ebenfalls mobil sind. Wir verfolgen einen Best-of-Breed-Ansatz mit zentralen Systemen wie Kassen, ERP und CRM sowie eine Gruppentourismus-Lösung. Letztere ist eine Besonderheit. Wir haben viele Reisegruppen, die unsere Stores besuchen. Dafür haben wir eine Software-Lösung, ähnlich denen, die in der Hotellerie genutzt werden. Luzern ist heute ja bekanntlich ein Must See für Gruppenreisen und Bucherer hat in dieser Entwicklung sicher eine Vorreiterrolle eingenommen. Wir arbeiten dabei mit Tour Operators zusammen, bringen die Touristen zu uns in die Geschäfte und betreuen sie umfassend. Dabei ist das gesamte ICT-Ecosystem stark gewachsen, vor allem in den letzten vier bis fünf Jahren. Das Ziel ist nun, die Systeme in den unterschiedlichen Clustern in eine einheitliche globale Plattform zu überführen und Synergien zu nutzen.
Welche IT-Ressourcen stehen Bucherer denn zur Verfügung?
Was die personellen Ressourcen angeht, so sind für Bucherer Kontinentaleuropa 32 IT-Fachleute im Einsatz, die zentral von Luzern aus rund 1800 Mitarbeitende betreuen, zwei Drittel davon Verkaufsberater. Von diesen 32 sind fünf IT-Mitarbeitende für die Infrastruktur zuständig, während fünf Leute den Office-Support machen und vier Spezialisten die Kassen unterhalten. Der Rest ist verteilt auf Projekte und das Application Management. In den USA sind rund ein Dutzend Leute stationiert, welche für knapp 500 Mitarbeitende zuständig sind. Und in UK schliesslich ­orchestriert ein IT-Koordinator die rund 200-köpfige Belegschaft mit den Outsourcing-­Partnern.

Das ist ein relativ kleines Team. Werden Sie auch durch externe Partner unterstützt?
Gerade im Bereich der Key-Applikationen arbeiten wir viel mit Partnern zusammen, denn wir entwickeln grundsätzlich keine eigenen Lösungen. Für die wichtigsten Systeme setzen wir Branchenlösungen ein. Mit den Anbietern arbeiten wir dann jeweils sehr eng zusammen, sodass deren Fachleute fast schon zur Bucherer-Familie gehören. Da unser Bedarf an IT-Ressourcen für die Entwicklung stark schwankt, macht es für uns kaum Sinn, die dafür benötigten Mitarbeiter intern zu beschäftigen. Die Partner sind also zentral für die Weiterentwicklung unserer Systeme wie das ERP, die Kassen- und Tourismuslösung, das CRM und die E-Commerce-Plattform.

Und wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit den Niederlassungen ausserhalb der Schweiz?
Man kann sagen, dass wir in Europa eine sehr homogene IT-Landschaft haben. Das ist die angestammte Bucherer-Welt, in der alles zentral über Luzern läuft. Hier haben wir auch externe Dienstleister, die uns unterstützen. Mit UK geht es vor allem darum, Budget-Abstimmungen zu machen, also beispielweise um die Konsolidierung von Finanzzahlen. Dafür braucht es Schnittstellen zwischen den unterschiedlichen ERP- und BI-Systemen, die nach unseren Vorgaben entwickelt und integriert werden müssen. Ansonsten war bisher die bewusste Strategie, UK und die USA autark operieren zu lassen. Jetzt sind wir allerdings mittendrin in der bereits angesprochenen Konsolidierungsphase. Wir haben eben erste das Evaluationsprojekt abgeschlossen. Wir werden nun eine globale ERP-Plattform hochfahren sowie ein globales POS-System. Das ist eine Besonderheit, denn Point-of-Sale-Systeme sind sonst in der Regel lokal verankert. Wir haben aber einen Anbieter evaluiert, der in seiner Lösung alles vereint, sodass wie diese weltweit ausrollen können. Das wird ein grosses Projekt, das rund drei bis vier Jahre in Anspruch nehmen wird. Dies auch deshalb, weil im Prozess-Management und bei der Standardisierung Nachholbedarf besteht. Deshalb stehen die Definition und das Reengineering von Prozessen jetzt im Vordergrund. Wir wollen zurück zu Standards. Das heisst, dass wir die Funktionsreserven, die ein globales ERP-System bringt, auch nutzen wollen. Wir werden deshalb in Luzern ein internationales Team bilden, das für die Rollouts verantwortlich sein wird. Wir werden zuerst im deutschsprachigen Europa live gehen, dann gestaffelt in Frankreich, UK und in den USA.

 
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