Video Conferencing hosted in Switzerland
Quelle: CH Open/Green

Bigbluebutton

Video Conferencing hosted in Switzerland

CH Open und Green.ch haben eine kostenlos nutzbare Video-Conferencing-­Lösung auf Basis der Open Source Software Bigbluebutton lanciert. Wir haben sie getestet.
4. Juli 2020

     

An Videokonferenz-Lösungen aus der Cloud mangelt es heute beileibe nicht. In den vergangenen Monaten gewannen diese aufgrund der globalen Coronakrise ausserdem stark an Bedeutung. Die meisten verfügen über dieselben Grundfunktionen und über ähnliche Feature Sets. Sie bieten Voice- und Video- sowie Text-Chat-Funktionen für mehrere Teilnehmer, laufen in der Regel in einem beliebigen Browser und lassen sich mit wenigen Klicks einrichten und bedienen. Die Unterschiede finden sich vor allem in der Benutzerfreundlichkeit, der Qualität der Gespräche oder Videochats und nicht zuletzt auch im Bereich der Kosten. Gerade im geschäftlichen Kontext sind zudem die Datenkontrolle und der Schutz der Privatsphäre der Nutzer von grossem Interesse. Viele der bekannten Lösungen werden jedoch nicht in der Schweiz betrieben, sondern auf Servern im Ausland.


Hosting in der Schweiz

Dafür gibt es nun eine Alternative hosted in Switzerland. Ende Mai dieses Jahres haben CH Open und Green.ch gemeinsam eine neue und kostenlos nutzbare Video-­Conferencing-Plattform lanciert, die in einem Schweizer Rechenzentrum betrieben wird. Als Software wird Bigbluebutton (BBB) eingesetzt, eine Open-Source-­Lösung für Videokonferenzen und Online Learning, die auf Github entwickelt und gepflegt wird. Es handelt sich dabei um eine Web-Applikation, die auf HTML5 basiert sowie WebRTC nutzt und damit in einem Browser und sowohl auf einem Desktop-Rechner oder Laptop als auch auf mobilen Geräten läuft. Dadurch entfällt auch eine allfällige Installation.
Die Kosten für das Hosting der zurzeit einzigen Server-Instanz von Bigbluebutton trägt CH Open, während Green.ch die Infrastruktur vorerst für ein Jahr kostenlos zur Verfügung stellt. Für den Betrieb ist Martin Vögeli, unter anderem Lehrbeauftragter an der PH Thurgau, verantwortlich. Nach Ablauf der kostenlosen Phase muss laut den Initianten eine Betriebsverlängerung und die damit verbundene Finanzierung neu geklärt werden. Die Idee ist, die Plattform künftig über Spenden der Nutzer zu finanzieren.

Bei der Hardware handelt es sich um einen Dedicated Root Server des Typs HPE Proliant DL360 Gen10, der mit einer Intel Xeon Gold 5118 CPU mit 12 Kernen ausgestattet ist und über 32 GB RAM sowie eine SSD mit einer Speicherkapazität von 1,6 Terabyte verfügt. Für die schnelle Datenanbindung sorgt eine Gigabit-Leitung. Das Rechenzentrum von Green.ch, in dem der Server steht, wird übrigens zu 100 Prozent mit erneuerbarer Energie versorgt und genügt höchsten Sicherheitsstandards sowie den Schweizer Gesetzen bezüglich des Datenschutzes.


In der Theorie erscheint die Ausgangslage also vielversprechend, doch wie schlägt sich Bigbluebutton in der Praxis? Ist die Lösung auch im geschäftlichen Alltag brauchbar? Die kurze Antwort ist, wie so oft, dass es letztlich auch darauf ankommt, was man von einer solchen Plattform erwartet. Auf jeden Fall steckt in BBB viel Potenzial.

Im Handumdrehen aufgesetzt

Die Errichtung eines Kontos könnte einfacher nicht sein. Auf dem Portal von Bigbluebutton muss man dafür lediglich einen Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse hinterlegen und ein Passwort wählen. Nach der Account-Bestätigung, die via E-Mail erfolgt, kann man sich bereits einloggen. Das Ganze Onboarding dauert nur wenige Minuten. Die Startseite präsentiert sich spartanisch, aber auch sehr übersichtlich. Die vorhandenen Elemente sind allesamt selbsterklärend. Wer möchte, kann zuerst das Nutzerprofil aufrufen und hier beispielsweise Namen, E-Mail-Adresse oder Passwort ändern. Auch die voreingestellte Browsersprache lässt sich via Drop-Down-Menü anpassen. Und nicht zuletzt kann man auch ein Profilbild hochladen, indem man einfach die URL einer Bilddatei eingibt. Einzig die Nutzerverwaltung ist deaktiviert und kann nur von den Admins des Servers kontrolliert werden.


Zurück auf der Startseite fällt auf, dass BBB mit virtuellen Sitzungsräumen arbeitet. Ein Startraum ist bereits eingerichtet. Über die drei Punkte am rechten Rand des Kästchens wird das Menü aufgerufen, über das man den Raum konfigurieren kann. So kann man beispielsweise einen optionalen Raumzugangscode generieren lassen, die Teilnehmer können beim Betreten des Raumes automatisch stummgeschaltet werden oder man kann allen Nutzern den Status als Moderator verleihen. Des Weiteren hat der Nutzer auch die Möglichkeit, beliebig viele weitere Räume zu erstellen und diese nach eigenem Gusto zu benennen und zu konfigurieren. Um ein Meeting zu beginnen, braucht man nur den entsprechenden Raum auszuwählen und den Button «Starten» zu drücken. Teilnehmer einzuladen geht kinderleicht, dazu muss nur der auf der Startseite angezeigte Link kopiert und verschickt werden. Die Teilnehmer können so den virtuellen Sitzungsraum direkt betreten und müssen sich dafür nicht registrieren. Laut den Betreibern ist es wohl möglich, Sessions mit mehreren hundert Teilnehmern zu hosten, getestet wurde dies aber noch nicht.


Sprach- und Videoqualität

Eine einfache Bedienung allein gewinnt im umkämpften Markt der Videokonferenzlösungen noch keine Preise, der Nutzen einer solchen Applikation steht und fällt in der Praxis mit der Qualität der Gespräche und der Videoübertragung. Niemand möchte in einem geschäftlichen Meeting plötzlich die Verbindung mit den Teilnehmern verlieren, abgehackte Gesprächsfetzen hören oder das Gegenüber im Videochat nur als undefinierbare Masse an Pixeln sehen. Glücklicherweise kann Bigbluebutton auch hier überzeugen.


Die Qualität der Gespräche kann als sehr gut bezeichnet werden. Selbst wenn ein anderer Teilnehmer in einem hallenden Raum sitzt, ist er dennoch stets klar zu verstehen. Rauschen, Knacken oder Verbindungsabbrüche kamen in unseren Sitzungen nicht vor. Und auch die Videoqualität lässt sich wortwörtlich sehen und ist vergleichbar mit derjenigen in kommerziellen Lösungen. Darüber hinaus kann sie in vier Stufen eingestellt werden.


Viele Collaboration-Funktionen

Für den Einsatz in einer geschäftlichen Umgebung ist aber auch zentral, dass eine Video-Conferencing-Lösung zumindest grundlegende Collaboration Features bietet. BBB enthält etliche davon. So lässt sich beispielsweise der eigene Bildschirm mit nur zwei Klicks teilen, wobei man die Option hat, den gesamten Screen, nur eine laufende Applikation oder aber lediglich einen Tab des Browsers zu teilen. Über das Plus-Zeichen am unteren Rand des Bildschirms lassen sich ausserdem Umfragen unter den Teilnehmenden starten, Präsentationen per Drag & Drop hochladen oder externe Videos teilen, indem man deren URL eingibt. Das alles geht sehr einfach und schnell vonstatten.


Selbstverständlich gibt es einen öffentlichen Textchat, den alle Teilnehmer nutzen und einsehen können und auch Notizen können direkt im Hauptfenster erfasst, formatiert und mit allen geteilt werden. Des Weiteren ist auch ein Whiteboard Teil der Lösung, auf dem die Teilnehmer mit den am rechten Bildschirmrand angezeigten Werkzeugen mühelos zeichnen oder Textboxen einfügen können. Darüber hinaus lassen sich während einer Sitzung auch zeitlich limitierte Break­out-Räume eröffnen, in denen sich Teilnehmer abseits des Haupt-Meetings untereinander austauschen können. Für den Host des Meetings ist schliesslich auch wichtig, dass er jederzeit die Teilnehmerrechte einschränken und unter anderem das Senden öffentlicher oder privater Chatnachrichten untersagen kann.


Zusätzliche Features

Bigbluebutton ist nicht gekommen, um komplexe Lösungen wie beispielsweise Microsoft Teams abzulösen, dementsprechend findet man hier auch keine Features wie eine Kalenderintegration oder Dateiverwaltung. Dennoch gibt es einige Funktionen, welche die Zusammenarbeit unter den Teilnehmenden erleichtern oder einfach nice to have sind. So zum Beispiel die Möglichkeit, Untertitel zu erfassen und diese während der Präsentation einzublenden, wobei die Teilnehmer selbst wählen können, ob sie auf ihrem Screen angezeigt werden oder nicht. Als nützlich erweist sich auch die Option, die Liste der Teilnehmernamen sowie den öffentlichen Chat als Text-Datei herunterzuladen. Weit wichtiger dürfte aber die Aufnahmefunktion sein. Diese speichert die gesamte Sitzung, die dann über die Startseite wieder aufgerufen, abgespielt und sogar via Mail geteilt werden kann. Lediglich die Anzahl der Teilnehmer wurde in unserem Test nicht korrekt erfasst, nach einem Zweier-­Meeting zeigte die Statusleiste der Aufzeichnung sechs Teilnehmer an – ein vernachlässigbarer Fehler.

Fazit

Die Video-Conferencing-Lösung von CH Open und Green.ch dürfte besonders für kleinere Unternehmen eine interessante Alternative zu Produkten wie Zoom oder Skype for Business sein, jedoch kaum komplexere Collaboration-Lösungen wie beispielsweise Microsoft Teams ersetzen. Sie basiert auf der Open-Source-Software Bigbluebutton und wird in der Schweiz gehostet. Für kein Geld bekommt man ausserdem ganz schön viele Features geboten, die auch noch gut umgesetzt sind. Und nicht zuletzt geht die Bedienung sehr einfach von der Hand. BBB bietet für private und geschäftliche Meetings praktisch alles, was man sich wünschen kann. Einziges Problem: Green.ch betreibt derzeit ledichlich einen Server, der irgendwann an seine Grenzen stossen könnte.

Positiv
einfache Handhabung
gute Gesprächs- und Videoqualität
viele nützliche Collaboration Features


Negativ
nur ein Server (Kapazität beschränkt)

Hersteller/Anbieter
CH Open/Green.ch, bbb.ch-open.ch

Preis
kostenlos (vorerst bis Mai 2021)

Wertung
5,5 von 6 Sternen (luc)



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