Telekommunikation in der Schweiz

Ohne TV kein Anschluss


Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2014/12

     

Sie sind kommunikationstechnisch ein Glückspilz – wussten Sie das? Sie leben in der Schweiz, telefonieren demzufolge mit ziemlicher Sicherheit mit Swisscom, Orange oder Sunrise, und damit mit einem der besten oder gar DEM besten Mobilfunkanbieter im deutschsprachigen Europa. Dies geht aus dem jüngsten Netztest von «Connect» hervor. Im Rahmen dieses Tests wurde auch festgestellt, dass sich die mittleren Downloadraten gegenüber Vorjahr bei allen Schweizer Netzbetreibern um mehr als 50
Prozent erhöht haben. «Connect» hält fest: «In der Schweiz stehen der Kundschaft sowohl bei Sprache als auch bei Daten ausschliesslich sehr gute Netzbetreiber zur Auswahl – das ist im Hinblick auf die Ergebnisse des Netztests in Deutschland beneidenswert.»


Beim Netz geniessen wir also Neid. Und bei den Angeboten? Auch hier hat sich einiges getan. Orange überzeugt mit seinem modularen Me-Konzept schon länger, und seitdem die Angebote in diesem Herbst angepasst wurden, ist das Ganze noch attraktiver. Sunrise hat sich derweil den Stempel der Fairness, Transparenz und Kunden-
orientierung auf die Stirn geschrieben, und versucht dies auch mit den Angeboten zu leben. Mit Sunrise Freedom bietet man dem Kunden zum Beispiel ein Abo ohne Mindestlaufzeit und ohne Bindung – man darf wechseln, wann immer man will. Und mit dem Triple-Play-Angebot Home verspricht Sunrise, dass man nie mehr bezahlen muss, als man wirklich braucht, und setzt wie Orange auf ein modulares Angebotspaket. Und wie sieht es bei Swisscom aus? Beim vermeintlich besten Schweizer Carrier hat man eine Richtung eingeschlagen, die ich mit Stirnrunzeln verfolge. Das Motto scheint zu lauten: «Wir offerieren dem Kunden nicht, was der Kunde möchte, sondern was er zu wollen hat.»

Mein eigenes, privates Nutzerprofil sieht in etwa so aus: Ich brauche mein iPhone primär zum Schreiben von Nachrichten und zum Surfen, nutze aber kaum Streaming-Dienste und telefoniere eher selten. Mit meinem aktuellen Orange-Abo habe ich 1 GB Datenvolumen pro Monat zur Verfügung, was für mich mehr als genug ist, und ich telefoniere zudem noch gratis auf Orange-Nummern. Dafür bezahle ich 30 Franken im Monat. Schauen wir doch mal, was Swisscom für mich im Angebot hat. Das Natel-
Infinity-Angebot XS ist ein 59 Franken teurer Witz, denn was nützt mir unlimitiertes Surfen, wenn mir angesichts der Surfgeschwindigkeit von 0,2 Mbit/s das Gesicht einschläft. Auch das S-Abo mit 1 Mbit/s dürfte meine Geduld wohl eher auf eine harte Probe stellen. Das erste Abo, das mit anständigen Surfgeschwindigkeiten aufwarten kann, ist das M-Abo, und das kostet satte 99 Franken im Monat. Ja, ich kann damit gratis telefonieren, und Gratis-Minuten ins Ausland sind auch enthalten, doch das brauche ich nicht. 99 Franken, die mich Swisscom kosten würde, im Vergleich zu 30 Franken, die mich mein aktuelles Orange-Abo effektiv kostet. Und das bei – laut «Connect» – praktisch gleichwertigen, hochklassigen Netzen. Natürlich ist auch bei Orange längst nicht alles Gold, was glänzt, und ich bin sicher, Sunrise-Kunden hätten auch das eine oder andere Negative zu berichten, aber trotzdem: Bei einem drei Mal höheren Preis fällt der Entscheid relativ leicht.


Doch nicht nur bei den Handy-Abos gestaltet Swisscom die Angebote am Kunden vorbei. Haben Sie in jüngster Zeit mal versucht, einen Internetanschluss bei Swisscom zu bestellen? Viel Glück. Gibt es offenbar nicht mehr. Das heisst – gibt es schon noch, aber nur mit 2 Mbit/s, oder dann gekoppelt mit TV. Ich schau aber kein TV. Ich will nur Internet. Ist Swisscom egal. Entweder nehme ich einen Internetanschluss mit Grundversorgungs-Tempo, oder ich bezahle für Services, die ich nicht will und nicht brauche. Oder ich gehe halt zu Cablecom, dort bekomme ich für 45 Franken pro Monat 20 Mbit/s. Bei Swisscom brauche ich für eine ähnliche Datenrate (15 Mbit/s) ein Vivo-S-­Paket, und das kostet 79 Franken. Enthält dafür noch TV, aber eben…
Abschliessend muss man aber festhalten: Die Strategie von Swisscom scheint aufzugehen. Verkaufe dem Kunden, was irgendwie geht, ob er es nun braucht oder nicht, verlange dafür einen anständig hohen Preis, und zack: Umsatz und Gewinn gehen hoch – in den ersten neun Monaten um 2 beziehungsweise 6 Prozent und damit deutlich über den Erwartungen.
(mw)


Kommentare
Hallo Marcel Dein Artikel hat ein paar gute Punkte. Bei den Festnetz-Abos stimmte ich dir voll und ganz zu, es ist wirklich ärgerlich, dass man heute fast bei keinem Anbieter mehr "Internet only" Produkte abonnieren kann. Auch eine Möglichkeit sich der Web TV Konkurrenz zu stellen. Verkaufe einfach den Kunden zwangsweise das Digi-TV Produkt mit, dann ist es egal ob er Web TV nutzt oder nicht (Gebe darum ein Hot Deal Abo von der Cablecom nicht mehr her, 82 CHF für 250mbit + Horizon basic + free phone weekend --> Kostet heute 129 CHF mit zig Sendern mehr die ich eh nicht schaue). Jedoch bei den Mobile Abos (und das ist nach meiner Ansicht das Gute) hat jeder Anbieter sein Stärken. In deinem Fall scheint wohl das Orange Abo mehr Sinn zu machen. Ich für mein Nutzerprofil fahre mit Swisscom um Meilen besser. Hatte einen zweiten Wohnsitz in Genf und wollte kein zweites Internet Abo + doppelte Grundgebühren aufschalten. Logische Konsequenz: Swisscom Infinity S. Da habe ich 30 mbit Flat auf LTE Netz (besser als 16Mbit bei ADSL). Dank Tethering ist so auch der heimische WLAN-Internetanschluss schon inklusive. Hatte trotz hohem Datenkosum (60GB+ pro Monat) nie Probleme mit Swisscom. Dann habe ich noch Verwandte in Deutschland, also kommen die EU Freiminuten und Roaming Data inkl. sehr entgegen. Von dem her denke ich, man kann nicht pauschal sagen, ein Anbieter sei "besser" als der andere. Eher denke ich diese Bewertung hängt sehr stark vom individuellen Nutzungsverhalten ab. Guten Start ins 2015
Donnerstag, 1. Januar 2015, Andreas Nagy

Der Preisvergleich von Cablecom ist falsch. Bei Cablecom kommt auch zwingend der Basis-Kabelanschluss mit TV hinzu für rund 30 Franken, Kosten also ca. 75 Franken.
Freitag, 19. Dezember 2014, Daniel



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