E-Health in Brasilien

Von Sandra Tobler

Brasilien ist aufgrund seiner Grösse für Telemedizin prädestiniert. Allerdings fehlt es noch an Infrastruktur, die auch aus der Schweiz stammen könnte.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2014/12

     

Die 200 Millionen Brasilianer lieben neuen Technologien: Die Hälfte von ihnen hatte 2014 bereits Zugang zum Internet, 61 Millionen zählen als aktive Nutzer. Während die Volkswirtschaft insgesamt einige Schwierigkeiten zeigte, so wuchs der ICT-Sektor um rund 7 Prozent in den letzten Jahren. Die Konvergenz zwischen TV, Internet, Telefonie wächst schneller als in den Industrieländern. Und so besteht in Brasilien ein grosser Bedarf an Techno­logie und Know-how aller Art.
Im Bereich der Gesundheitsversorgung sieht sich die Regierung konfrontiert mit einem zur Ineffizienz neigenden System sowie hohen Kosten für Personal und Equipment und der schwierigen Zugänglichkeit grosser Teile des Landes. Die Möglichkeit, mit privaten Partnern an Lösungen zur digital-basierten Fernversorgung zu arbeiten, liegt auf der Hand.
Gemäss einer Studie der Fundação Getulio Vargas investierten lokale Venture-Capital-Firmen in den letzten drei Jahren aktiv im Bereich E-Health und trieben somit Innovation und Entwicklung in Brasilien voran. Auch der Startup-Accelerator der spanischen Telefónica Wayra beherbergt seit kurzer Zeit neue E-Health-Start-ups, welche den lokalen Markt für sich entdeckt haben. Bisher nutzen nur fünf Prozent der Spitäler und Gesundheitszentren Telemedizin-Ansätze. Wie können Schweizer Spezialisten hier ansetzen?


Potential für Telemedizin

Carenet Longevity, 2012 von zwei Schweizern in Brasilien gegründet, ist Pionier im brasilianischen Markt für mobile Gesundheit. Die Plattform des Unternehmens speichert und analysiert grosse Mengen von Gesundheits- und Fitness-Daten, um so Entscheidungshilfen für die Nutzer zur Verfügung zu stellen. Carenet hat sich zuerst in São Paolo niedergelassen, wo eine anregende Start-up-Atmosphäre herrscht – Schweizer werden hier als interessante Bereicherung der Szene gesehen. Immo Oliver Paul, einer der Gründer: «Brasilien zählt mit seinen kontinentalen Ausmassen zwar über 350’000 Ärzte, aber mehr als die Hälfte sind ausschliesslich im Südosten des Landes tätig. Hier können Ferndiagnose und die Behandlung von Patienten mit Hilfe der Tele­kommunikationstechnik zum Zuge kommen.»
In einer Studie kommt das globale BCC Institut 2013 zum Schluss, dass das Telemedizinsegment in Spitälern rund 8 Milliarden Dollar an Marktvolumen bereithält. Es wird erwartet, dass sich dieser Wert bis 2016 verdoppelt. Wird die ambulante Betreuung eingeschlossen, erhöhen sich die Zahlen auf 12 respektive 27 Milliarden Dollar. Rund 70 Prozent der brasilianischen Spitäler und Gesundheitszentren werden privat betrieben.


Kein einfacher Markt

Wichtig zu beachten ist, dass alle medizinischen Geräte von der Anvisa, der zuständigen Aufsichtsbehörde, genehmigt werden müssen. Die meisten ICT-Produkte müssen zudem von der Anatel, der nationalen Telekommunikationsagentur, abgenommen werden. Dies kann sich länger hinziehen. Insgesamt gehört Brasilien steuerlich und regulativ nicht zu den einfachsten Märkten, was auch Patrik Schönenberger, Bereichsleiter Access Solutions und Vizedirektor bei Albis Technologies, erfahren musste. Albis’ Vorgehen dabei: «Als innovatives und globales Unternehmen haben wir uns 2010 für eine Expansion in den brasilianischen Markt entschieden. Nach einer intensiven internen Vorbereitung und Marktabklärung zusammen mit Switzerland Global Enterprise und dem Swiss Business Hub Brazil wurde uns rasch bewusst, dass unsere Marktpräsenz durch einen lokalen Distributor aufgebaut werden musste. Das regulatorische Umfeld, die Importtaxen sowie bürokratische Hürden konnten durch dieses Modell besser gemanaged werden, obschon wir bereits in anderen Emerging Markets Erfahrungen gemacht hatten. Der Auf- und Ausbau dauerte fast zwei Jahre und verlangte viel Geduld und Zeit. Wir stellten dazu einen lokalen Mitarbeiter an, der sämtliche Aktivitäten vor Ort koordinierte.» Heute ist Albis gut im Markt etabliert, plant strategische Partnerschaften mit Telekom-Firmen und die Lancierung speziell für Brasilien ent­wickelter Produkte.


Unterschiedliche kulturelle Mentalitäten stellen in weiter entfernten Märkten wie Brasilien – zumal im B2C-Umfeld – immer eine gewisse Herausforderung dar. «Die Auswahl des lokalen Distributors sowie der Aufbau einer auf Vertrauen basierenden Beziehung waren höchst herausfordernd und auch mit unterschiedlichen Erfahrungen verbunden. Das Verständnis der lokalen Kultur, welche unser lokaler Mitarbeiter mitbrachte, war von enormer Wichtigkeit», berichtet Schönenberger von seinen Erfahrungen.
Was ausländische Unternehmer lernen müssen, ist vor allem der «jeitinho brasileiro». Diese Herangehensweise an die Dinge bedeutet, Kreativität und Flexibilität zu zeigen, um alles aus den verfügbaren Ressourcen herauszuholen und behördliche wie kulturelle Hindernisse zu überwinden. Zugleich müssen neue Firmen Improvisationstalent beweisen und eine langfristige Perspektive für eine erfolgreiche Marktbearbeitung mitbringen. Der Swiss Business Hub Brazil unterstützt dabei mit seinem Netzwerk und seinem Fachwissen zum Markteintritt, damit Schweizer Firmen mit dem brasilianischen E-Health-Sektor wachsen und neue Partnerschaften gründen können.


Sandra Tobler ist Consultant Northern Europe & Subject Matter Expert ICT bei Switzerland Global Enterprise.



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